Politik
Donnerstag, 04. März 2010

Deutschland im Visier der Islamisten: Die Brisanz der Konvertiten

Die Angeklagten Daniel Schneider, Atilla Selek, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz (von links) im Verhandlungssaal.
Die Angeklagten Daniel Schneider, Atilla Selek, Fritz Gelowicz und Adem Yilmaz (von links) im Verhandlungssaal.(Foto: dpa)

"Durch die Festnahme der Sauerland-Gruppe ist der Islamischen Dschihad Union die operative Spitze in Deutschland weggebrochen", sagt Terrorexperte Rolf Tophoven im Interview mit  n-tv.de. Zwar befinde sich die Bundesrepublik noch immer im Visier militanter Islamisten. Aber "derzeit gibt es keine Hinweise über geplante und vorbereitete terroristische Aktionen gegen Deutschland". Nach Einschätzung Tophovens sind die wiederholten Drohvideos deutscher Konvertiten vor allem als "Propaganda und Psychoterror" zu werten. "Der Bonner Bekkay Harrach gilt inzwischen selbst in der Islamistenszene als Schwätzer."

n-tv.de: Die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe sind zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Sitzen nun Deutschlands gefährlichste Terroristen hinter Gittern?

Rolf Tophoven: Nach dem, was wir über die Anschlagsvorbereitungen der Sauerland-Gruppe wissen, hätten wir mit Sicherheit den schwersten Terroranschlag in der Geschichte Deutschlands erlebt. Die in dem Düsseldorfer Prozess ans Licht gekommenen Details zeigen auch, dass es sich hier um eine Dimension vergleichbar mit den Anschlägen in Madrid 2004 und in London 2005 gehandelt hätte.

Ist das Urteil in seiner Höhe angemessen?

"Einblicke in die Strukturen des Terrors": Der Vorsitzende Richter Breidling ließ beim Strafmaß die Geständnisse anrechnen.
"Einblicke in die Strukturen des Terrors": Der Vorsitzende Richter Breidling ließ beim Strafmaß die Geständnisse anrechnen.(Foto: dpa)

Beim Strafmaß hat das Gericht unter dem Vorsitz von Ottmar Breidling die umfangreichen und detaillierten Geständnisse der Sauerland-Gruppe gewürdigt. Der Angeklagte Daniel Schneider etwa hatte sich bei seiner Festnahme mit einer Schusswaffe wehren wollen – das hätte zu einer noch höheren Strafe führen können. Wichtig für die Höhe der Strafe sind auch die Erkenntnisse zur Terrorismusbekämpfung, die durch Aussagen gegenüber Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes gewonnen wurden. Sie haben tiefste Einblicke in die Strukturen der Islamischen Dschihad Union (IJU) gegeben, in deren Auftrag die Angeklagten handeln sollten.

Was ist die wichtigste Lehre aus diesen Einblicken in die islamistischen Terrorstrukturen in Deutschland?

Was die Intentionen des militanten islamistischen Terrorismus betrifft, muss man davon ausgehen, dass die Gefahr in erster Linie von weltweit vernetzten, globalisierten und räumlich weit verteilten Gruppierungen unterschiedlicher Couleur ausgeht. Es gibt nicht mehr wie früher bei Al-Kaida ein hierarchisch geführtes Oberkommando. Durch die Zerschlagung des Taliban-Regimes nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben wir es mit einer weltweiten Dezentralisierung von Terrorgruppen zu tun. Das gilt auch für die Islamische Dschihad Union.

Welche Rolle spielt die IJU für den internationalen Terrorismus?

Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gibt es drei Formationen, die Kommandos für den Dschihad und terroristische Aktionen ausbilden: Das sind einmal die Taliban, die allerdings in erster Linie die ausländischen Truppen aus Afghanistan herausbomben wollen. Dann haben wir die Al-Kaida, die sozusagen noch als ideologischer Impulsgeber für weltweit operierende Terroristengruppen zählen kann. Und drittens gibt es die IJU, die in der letzten Zeit besonders Islamisten mit türkischem Hintergrund versucht zu rekrutieren, von denen es auch bei der Sauerland-Gruppe mit Atilla Selek und Adem Yilmaz zwei gegeben hat. Diese Männer sind insofern wertvoll, weil sie aus unserem kulturellen Umfeld kommen, sie sind hier sozialisiert und wissen sich deshalb anzupassen. Das ist aus Sicht der Terroristen ein immenser Vorteil. Ursprünglich wollten die Mitglieder der Sauerland-Gruppe in Afghanistan gegen die ausländischen Truppen kämpfen, aber ihre Führer und Ausbilder der IJU haben ihnen klargemacht, dass sie in Europa wertvoller sind. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass zwei Mitglieder der Sauerland-Gruppe deutsche Konvertiten sind, steckt darin auch für die Zukunft eine besondere Brisanz.

Auch aktuelle Terrordrohungen kommen per Video vor allem von deutschen Konvertiten. Geht von ihnen derzeit die größte Gefahr aus?

"Gilt als Schwätzer": Der Bonner Islamist Bekkay Harrach in einer seiner Botschaften.
"Gilt als Schwätzer": Der Bonner Islamist Bekkay Harrach in einer seiner Botschaften.(Foto: AP)

Das ist noch die Frage. Die Drohvideos vor und nach der Bundestagswahl etwa hatten massive Schutzmaßnahmen der Sicherheitsbehörden zur Folge, weil Anschläge befürchtet wurden. Auf der anderen Seite weiß man heute, dass keine konkreten Operationen hinter diesen Drohungen steckten. Es waren Worthülsen, es war Propaganda, es war eine Art Psychoterror, den die deutschen Islamisten in ihren Internetbotschaften verbreiteten. Der Bonner Bekkay Harrach beispielsweise, der das erste 30-minütige Video verfasst hat, gilt inzwischen selbst in der Islamistenszene als Schwätzer. Wenn es nur bei Drohungen ohne eine konkrete Operation bleibt, werden sie aus Sicht der Terroristen unglaubwürdig. Auf der anderen Seite haben sie natürlich das erreicht, was sie mit den Drohvideos bezwecken wollten: Sie haben die Sicherheitsbehörden gezwungen zu reagieren. Denn die müssen eine solche Drohung ernst nehmen. Von der höchsten Propagandastelle der Al-Kaida ist expressis verbis der Befehl ergangen, eine Propagandainitiative speziell gegen Deutschland zu starten, die den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fordern soll.

Wie schätzen Sie insgesamt die derzeitige Bedrohung durch radikale Islamisten in Deutschland ein?

Die Einschätzungen der Sicherheitsbehörden sagen übereinstimmend zwei Dinge: Erstens ist Deutschland nach wie vor im Visier der militanten Islamisten. Zweitens gibt es derzeit keine Hinweise über geplante und vorbereitete terroristische Aktionen gegen Deutschland. Das kann sich aber über Nacht ändern. Allerdings weisen die Sicherheitsbehörden auf die Gefahr für deutsche Unternehmen oder Geschäftsleute im Ausland hin, in einigen Regionen entführt zu werden.

Rolf Tophoven leitet das Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen.
Rolf Tophoven leitet das Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Welche Rolle spielt die Islamische Dschihad Union noch in Deutschland: Sind die Strukturen der IJU mit der Festnahme der Sauerland-Gruppe zerschlagen worden?

Mit Sicherheit ist der IJU durch die Festnahme der Sauerland-Gruppe die operative Spitze weggebrochen. In nachfolgenden Operationen haben Polizei, Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz zudem die Unterstützerszene der Gruppe beobachtet und unter einen großen Fahndungsdruck gesetzt. Das hat zu weiteren Festnahmen geführt, wie etwa bei der unmittelbar vor den Plädoyers verhafteten Frau des Angeklagten Fritz Gelowicz, die Geld zur Unterstützung der IJU gesammelt hatte. Das ist ein Indiz dafür, dass das Umfeld der Sauerland-Gruppe noch aktiv war, vielleicht es auch noch ist, dass es aber auch im Fokus der Fahnder ist.

Wie groß ist der Anteil militanter Islamisten in den muslimischen Gemeinden Deutschlands, die möglicherweise für Terrorangriffe in Frage kommen?

Der Verfassungsschutz geht von etwa 3000 Muslimen aus, die extremistischem Gedankengut anhängen. Das sind natürlich noch keine Terroristen. Wenn sie die Schätzung runterbrechen, wird meist eine Zahl zwischen 200 und 300 so genannter Gefährder angegeben. Auch der Gefährder ist noch kein Terrorist, kann aber durchaus in die terroristische Szene abrutschen. Wieder runtergebrochen spricht man von 100 so genannten Top-Gefährdern, die besonders intensiv beobachtet werden, weil bei denen etwa auch Reisen in Koranschulen in islamische Ländern beobachtet wurden. Das ist meist der erste Schritt in den Dschihad. Zwar gibt es auch Fälle, in denen diese Gefährder zurückkommen und sich friedlich verhalten. Aber es gibt auch den Weg der weiteren Radikalisierung, der meist über die Türkei via Iran in das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet zur Ausbildung in ein Terrorcamp führt. Aber das sind einige Dutzend, nicht Hunderte. Die aktuellen Zahlen des Bundesnachrichtendienstes gehen von etwa 30 Deutschen aus, die sich derzeit in dieser Region aufhalten sollen. Bei diesen radikalisierten Islamisten geht es für die Sicherheitsbehörden dann darum, ihre Einreise nach Deutschland zu verhindern.

Mit Rolf Tophoven sprach Till Schwarze

Quelle: n-tv.de