Politik
Dienstag, 23. Oktober 2007

"RAF-Stasi-Connection": Funde werfen Fragen auf

Ein vor kurzem entdecktes Planungspapier der Stasi deutet nach Einschätzung eines Experten auf die Absicht der DDR hin, Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) gezielt für Tötungen, Geiselnahmen und Sprengstoffanschläge in der Bundesrepublik zu benutzen. In dem Papier werde detailliert beschrieben, "wie sich das Ministerium für Staatssicherheit der "Terrorszene in den imperialistischen Staaten" bedienen wollte", sagte der Hamburger Politologe Wolfgang Kraushaar der Deutschen Presse-Agentur dpa. Das Dokument aus dem Jahr 1982 war von dem amerikanischen Journalisten David Crawford in der Behörde für Stasiunterlagen (Birthler-Behörde) entdeckt worden.

Ziel: Destabilisierung des "Klassenfeindes"

Die Frage des Einflusses der Stasi auf die RAF sei aber noch nicht endgültig zu beantworten, sagte der 59 Jahre alte Wissenschaftler des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). "Unter den Rahmenbedingungen des Kalten Krieges agierten Terrororganisationen mitunter als verlängerter Arm von Großmächten." Das Ziel sei eine Destabilisierung des "Klassenfeindes" gewesen. Nach Angaben der Birthler-Behörde erwog Stasi-Chef Erich Mielke, die in die DDR geflüchteten Terroristen der RAF in einem innerdeutschen Konflikt als Kämpfer "hinter den feindlichen Linien einzusetzen". 1980 gewährte die DDR führenden RAF-Terroristen wie Inge Viett, Silke Maier-Witt und Susanne Albrecht Unterschlupf, die Stasi besorgte neue Identitäten.

Die "RAF-Stasi-Connection" müsse nach den jüngsten Erkenntnissen in größerem Zusammenhang gesehen werden, sagt Kraushaar. Es spreche viel dafür, dass neben verschiedenen Palästinensergruppen auch der russische Geheimdienst KGB in den deutschen Terrorismus verstrickt war. "Eine der wichtigsten neueren Informationen bezieht sich auf Wadi Haddad, der eine Schlüsselfigur für die RAF gewesen ist und nicht ganz zufällig 1978 in einem Ostberliner Krankenhaus starb."

Deckname "Nationalist"

Haddad war für das Kommando "Martyr Halimeh", das im Oktober 1977 die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" von Mallorca nach Mogadischu durchführte, verantwortlich. Nach den neuen Forschungen ist er vom KGB-Chef und späteren sowjetischen Staatspräsidenten Juri Andropow unter dem Decknamen "Nationalist" als Agent angeworben worden. "Damit werden die seit Jahren angestellten Vermutungen über derartige Kooperationen mehr und mehr aus dem Bereich begründeter Vermutungen herausgeholt."

In diesem Zusammenhang gebe es aber weiterhin große Unklarheiten über die RAF-Anschläge - unter anderem auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen - in der Zeit von 1985 bis 1991. "War die sogenannte dritte Generation der RAF vielleicht nur eine geschickte Tarnung, die von Geheimdienst-Akteuren benutzt wurde, um eigene Verbrechen zu verschleiern?", fragt sich Kraushaar. Die Morde in dieser Zeit werden zwar der RAF zugerechnet, doch in ihrer Machart unterschieden sie sich teilweise deutlich von früheren Anschlägen der Linksterroristen.

Gespräch: Georg Ismar, dpa

Quelle: n-tv.de