Dossier

Der Irak und die Gewalt Gefangen im religiösen Korsett

Der erneute Anschlag auf eine der wichtigsten Moscheen der Schiiten im Irak könnte den Konflikt zwischen den Religionsgruppen wieder anheizen. Die USA haben schon vor Monaten die Gewalt zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Schiiten und der sunnitischen Minderheit als größte Gefahr für die Zukunft des Iraks identifiziert. Regionalexperten warnen indes vor einer zu schematischen Lesart der Situation - und sehen Anzeichen für eine Verlagerung der Gewalt im Irak auf andere Konfliktmuster.

"Was wir im Irak sehen, ist sicherlich auch ein religiöser Konflikt - wobei es primär allerdings um Macht geht", sagt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. So gebe es unter den sunnitischen Extremisten neben religiös-ideologisch motivierten Kräften wie Ansar al-Sunna und Al-Kaida im Irak auch nationalistisch orientierte Gruppierungen. Diese kämpften in erster Linie deshalb gegen Schiiten, weil sie durch deren Dominanz in den staatlichen Institutionen ihre eigenen Interessen gefährdet sähen.

Nach Volksgruppen getrennt

Dass es im Irak überhaupt zu einer Gruppenbildung entlang konfessioneller Trennlinien gekommen ist, lastet Henner Fürtig vom Institut für Nahost-Studien in Hamburg vor allem der Politik der USA seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 an. Die Entstehung nach Religion und Volksgruppe getrennter Wohnviertel in Bagdad etwa sei früher undenkbar gewesen: "Unter der Baath-Partei war das eine weitgehend säkulare Gesellschaftsstruktur." Die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten sowie Arabern und Kurden seien im Zuge der Herausbildung eines gemeinsamen Nationalgefühls im modernen Irak zwar nicht verschwunden, aber längst von Gegensätzen etwa zwischen Arm und Reich oder Stadt und Land überlagert gewesen.

"Der grundlegende Fehler war, dass die USA nach dem Sturz Saddams nicht bei diesen neuen Identitäten angesetzt haben", sagt Fürtig. So sei bei der Schaffung der Übergangsregierung im Frühjahr 2003 reflexartig zu einem ethnischen und religiösen Proporzsystem gegriffen worden. "Das hat die Menschen quasi in ein religiöses und ethnisches Korsett gezwungen." Als Folge würden bis heute praktisch alle politischen Anliegen in ein entsprechendes Vokabular verpackt.

"Wenn die USA wirklich demokratisieren wollten, hätten sie im Grunde bei den Mittelschichten ansetzen müssen", sagt Fürtig. Dabei habe es diese im Irak mehr als in den meisten anderen Ländern der Region gegeben. "Man hat die scheinbar leichteste Lösung gewählt, die aber langfristig die größten Probleme aufwirft", resümiert der Wissenschaftler.

Gemeinsames Nationalgefühl

Nach Einschätzung Steinbergs begann die Zerstörung des gemeinsamen Nationalgefühls zwar schon unter Saddam. Dessen Regime habe sich in den 80er und 90er Jahren immer stärker eingeigelt und dabei - vor allem nach dem Schiiten-Aufstand 1991 - zunehmend auf die Sunniten gestützt. Diese Entwicklung sei aber "seit 2003 massiv verstärkt worden" - angefangen mit der Auflösung von Armee und Sicherheitsdiensten. "Für die Sunniten war das ein Signal, dass sie in diesem neuen Staat marginalisiert werden sollten."

Seit etwa 2005 hätten die USA aus solchen Fehlern gelernt und drängten ihre Verbündeten in allen Volksgruppen zu Kompromissen etwa bei der Verteilung der Öleinnahmen oder bei einer Verfassungsreform. "Es ist aber zu spät. 2005 waren die Sunniten politisch schon so stark marginalisiert, dass die anderen Gruppen nicht mehr bereit waren, ihre Stellungsgewinne aufzugeben", sagt Steinberg.

Als derzeit wichtigste Entwicklung bezeichnet er die Verlagerung der Gewalt aus Bagdad in andere Gebiete. "Das verdeutlicht, dass es nicht nur den sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieg gibt." So verschärfe sich im Norden der Konflikt um die Übernahme der Stadt Kirkuk durch die Kurden, was bei Arabern und Turkmenen auf Widerstand stoße. Im Süden dagegen zeichneten sich zunehmende Spannungen zwischen militanten Gruppen und dem dort dominanten Obersten Rat für die Islamische Revolution ab, bei denen es um die Machtverteilung in einer künftigen Südregion aus mehreren überwiegend schiitischen Provinzen gehe. "Ich glaube, dass wir im kommenden Jahr relativ deutlich zwei bis drei Teil-Konflikte sehen werden", sagt Steinberg.

Quelle: ntv.de