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Klinsmann im Interview"Sieg wäre zuviel gewesen"

31.05.2006, 13:59 Uhr

"In der Feinabstimmung und im Passspiel haben wir zu viele Fehler gemacht, und in der Rückwärtsbewegung waren wir zu langsam", sagt Jürgen Klinsmann.

Nach dem 2:2 gegen Japan steht die deutsche Mannschaft erneut unter Druck. Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Interview mit dem Sport-Informationsdienst (sid):

Nach dem 7:0 gegen Luxemburg nur ein 2:2 gegen Japan. Wie bewerten Sie den vorletzten Test vor dem WM-Start?

Klinsmann: Es war ein wichtiger Test für uns. Eine Erkenntnis war, dass wir zu viele Chancen zugelassen haben. Aber es wird nie ein Spiel geben, in dem der Gegner keine Chancen bekommt. Positiv überrascht hat mich, dass wir das Tempo 90 Minuten durchgehalten haben. Natürlich ist mir wohler, nachdem wir den 0: 2-Rückstand noch ausgeglichen haben. Ein 1:2 hätte mich zwar gewurmt, wäre aber auch kein Beinbruch gewesen.

In welchen Bereichen hatte Ihre Mannschaft die größten Defizite?

In der Feinabstimmung und im Passspiel haben wir zu viele Fehler gemacht, und in der Rückwärtsbewegung waren wir zu langsam. Wir haben nach Ballverlust zu spät reagiert und waren insgesamt nicht nah genug an den Leuten dran, um den entscheidenden Pass zu verhindern. Die Wachsamkeit und Konzentration haben häufig gefehlt. Das sind Fehler, die wir versuchen abzustellen. Wir werden diese Fehler intern kritisch besprechen. Fehler wird es aber immer geben, das ist normal, aber wir müssen sie minimieren.

Haben Sie denn auch positive Dinge aus diesem Spiel mitnehmen können?

Positiv ist, wie die Mannschaft nach dem 0:2 zurückgekommen ist, positiv war die Körpersprache bis zum Schluss, die signalisiert hat, wir stecken nicht auf - trotz der schweren Beine nach zwei Wochen harter Vorbereitung. Die Moral der Mannschaft stimmt, wir haben den Ausgleich geschafft und hätten sogar noch gewinnen können. Aber ein Sieg wäre des Guten zuviel gewesen.

Ihre Mannschaft wirkte in vielen Situationen behäbig und müde. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen bis zum WM-Start die Zeit davon läuft?

Nein überhaupt nicht. Es ist ganz normal, dass die Mannschaft noch nicht da steht, wo sie am 9. Juni stehen soll. Wenn das so wäre, hätten wir auch was falsch gemacht. Die Mannschaft kann derzeit noch nicht auf höchstem körperlichen Niveau sein. Die Zeit wird aber auf keinen Fall zu knapp, um die Fehler zu minimieren. Wir freuen uns auf den 9. Juni, anschließend wissen wir, wo wir stehen.

Sie haben Mittelfeldspieler Bernd Schneider erneut als Verteidiger getestet, ist er auf der rechten Seite eine Alternative zu Arne Friedrich?

Sonst hätte er ja nicht auf dieser Position gespielt. Auch Torsten Frings kann wie beim Test gegen die A-Jugend von Genf diese Rolle spielen. Wir müssen einfach mehrere Varianten in der Schublade haben. Wir haben aber nach wie vor großes Vertrauen zu Friedrich. Arne hat in den vergangenen Tagen sehr hart trainiert und sollte einfach mal durchschnaufen.

Jens Nowotny hat nach zwei Jahren sein Comeback im Nationalteam gegeben, wie zufrieden waren Sie mit Ihm?

Jens spielt in unseren Überlegungen eine wichtige Rolle. Auf Grund seiner Erfahrung kann er ein Spiel sehr gut lesen. Aber egal, ob er spielt oder nicht, er weiß, dass er bei uns eine große Wertschätzung genießt. Deshalb sind wir froh, dass er dabei ist.

Gegen Japan konnte das Sturmduo Miroslav Klose/Lukas Podolski nicht annährend an die Leistung gegen Luxemburg anknüpfen ...

Es war klar, dass Miro und Lukas gegen die Japaner viel weniger Platz bekommen und es zudem etwas ruppiger zugehen wird. Aber sie hatten auch wenig Unterstützung und hingen oft in der Luft. Miro hat dennoch permanent gearbeitet und dann ja auch noch sein Tor gemacht. Und bei Lukas haben wir auch in diesem Spiel große Fortschritte im Spiel ohne Ball gesehen. Er verbessert ständig seine Laufwege, von daher war das okay.

Wie beurteilen sie das Experiment mit Michael Ballack auf der rechten Seite und Tim Borowski in zentraler Position?

Das ist eine weitere Möglichkeit, die wir haben. Michael kann auch über rechts kommen, Tim ist ein spielstarker Mann für die Zentrale. Generell bleibt der Kampf im Mittelfeld heiß.

Wird man am Freitag gegen Kolumbien die Startelf sehen, die auch im ersten WM-Gruppenspiel gegen Costa Rica spielt?

Das glaube ich nicht. Es wird die Mannschaft spielen, die wir für dieses Spiel für sinnvoll halten. Es wäre Zufall, wenn es dieselbe wie am 9. Juni wäre.

(aufgezeichnet von Jürgen Zelustek, sid)