Politik
Der Slogan ist falsch: Der Verzicht auf Biosprit macht niemanden satt.
Der Slogan ist falsch: Der Verzicht auf Biosprit macht niemanden satt.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Donnerstag, 02. April 2009

Ohne Biosprit geht es nicht: "Wir können und wir müssen"

Biokraftstoffe sind nicht für den Hunger in der Welt und nicht für die Brandrodung der Regenwälder verantwortlich, sagt Uwe Lahl. Der Ministerialdirektor im Bundesumweltministerium hat ein Buch geschrieben über den anstehenden "Ölwechsel" - ein engagiertes und überzeugendes Plädoyer für Biokraftstoffe. Angesichts von Klimawandel und schwindenden Erdölressourcen "müssen wir Mut zu großen Visionen haben", so Lahl. "Eine davon ist: Wir brauchen ausreichend Biomasse."

n-tv.de: Im vergangenen Jahr ist Biosprit massiv in Verruf geraten: Biosprit zerstöre den Regenwald, verschärfe die Klimakrise, sei verantwortlich für die explodierenden Lebensmittelpreise und damit auch für den Hunger in der Welt. Welches Argument ärgert Sie am meisten?

Uwe Lahl: Die öffentliche Diskussion zu Biokraftstoffen war insgesamt viel zu holzschnittartig. Es gibt Chancen in der Entwicklung des Sektors und es gibt Risiken. Die Debatte des vergangenen Jahres war risikofixiert. Aber sind viele der behaupteten Risiken auf Biokraftstoffe beschränkt oder gelten sie nicht insgesamt für die erneuerbare Energie Biomasse? Ich glaube, dass am Ende viele Umwelt- und Entwicklungshilfeorganisationen selbst ein bisschen erschrocken waren über den Verlauf der Diskussion, denn bis auf wenige Ausnahmen hält ja niemand die Biomassenutzung grundsätzlich für einen Irrweg.

An meiner S-Bahn-Station in Berlin hängt seit Monaten ein Plakat von Brot für die Welt: "Mais gehört auf den Teller und nicht in den Tank". Das ist doch ein starkes Argument.

Der Slogan ist trotzdem falsch. Die Nahrungsmittelpreise sind anno 2009 deutlich niedriger als im vergangenen Jahr, und trotzdem gibt es nicht weniger Hunger. Das Plakat müsste eher lauten: "Mais gehört auf den Teller und nicht in den Trog", denn im Wesentlichen ist es die Fleischproduktion, die uns die großen Klimaprobleme und Nahrungsmittelkonkurrenzen bereitet. Die Fleischproduktion verschlingt Unmengen an Energie und Fläche, weil nicht Lebens-, sondern Futtermittel angebaut werden. Allerdings hat Hunger viel komplexere Ursachen als allein die Fleischproduktion.

Sorgt die Produktion von Biomasse für den Energiebereich nicht auch für Konkurrenzen?

Nicht unbedingt. Ursache das Hungers ist ja nicht, dass es zuwenig Nahrungsmittel gibt: Nach wie vor werden mehr Nahrungsmittel produziert als für die globale Versorgung notwendig wäre. Hunger hat viele Ursachen, dazu gehören etwa "bad governance", also Missmanagement des Staates, aber auch die Agrarsubventionen des Nordens, ...

... die dafür sorgen, dass europäisches Getreide auf afrikanischen Märkten teilweise billiger zu haben ist als heimisches.

Die Heruntersubventionierung der Agrarpreise in Europa und Nordamerika führt dazu, dass sich die Lebensmittelproduktion in den Entwicklungsländern häufig nicht mehr lohnt. Nehmen Sie das Beispiel der "Tortilla-Krise" in Mexiko, einem klassischen Maisanbauland. Die "Tortilla-Krise" wurde in den Medien den Biokraftstoffen in die Schuhe geschoben. Die tatsächliche Ursache war aber, dass mexikanische Bauern über Jahrzehnte die Maisproduktion reduziert haben , weil sie gegen den heruntersubventionierten Mais aus den USA nicht konkurrieren konnten.

Sie sagen, höhere Preise können eine Chance sein.

Ja, unbedingt. Wenn sich der Nahrungsmittelanbau in den ärmeren Ländern lohnen soll, brauchen wir global faire, und das heißt eben höhere Nahrungsmittelpreise. Die Medaille hat zwei Seiten: Einerseits muss das Ziel sein, dass es auskömmliche Weltmarktpreise für die hergestellten Agrarprodukte in der Dritten Welt gibt. Da können Biomassemärkte mittelfristig einen Beitrag leisten. Wichtig wäre auch ein Zurückfahren der Agrarsubventionen im Westen. Auf der anderen Seite werden die höheren Nahrungsmittelpreise auf Zeit in bestimmten Regionen zu verschärften Hungerkrisen führen. Das muss man natürlich mit Lebensmittelhilfen abfedern, auf Zeit und mit viel Fingerspitzengefühl, um die lokalen Märkte nicht zu beschädigen.

Palmöl wird häufig als Argument gegen Biokraftstoffe angeführt - in Malaysia und Indonesien wird Regenwald großflächig vernichtet, um Palmöl anzubauen. Wie kann man so etwas verhindern?

Genau wie Hunger gibt es Naturschutzprobleme nicht erst, seit es Biokraftstoffe gibt. Mitte des 20. Jahrhunderts hatten wir schätzungsweise 1,6 bis 1,7 Milliarden Hektar Regenwald auf der Erde, 40 Jahre später 0,8 Milliarden, heute sind es nur noch 0,6 Milliarden. Für diesen Verlust war der Biomassesektor nicht verantwortlich. Nichtsdestotrotz ist es richtig, dass der Palmölbedarf in Indonesien und Malaysia zu erheblichen Verlusten an Regenwäldern geführt hat. Wobei das Palmöl aus technischen Gründen in Europa im Wesentlichen gar nicht in den Biokraftstoffsektor geht, sondern vor allem in den Nahrungsmittelsektor und in die chemische Industrie, zu einem nicht unerheblichen Teil aber auch in die Verstromung in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Das wird in Deutschland sogar vom Staat gefördert - Stichwort EEG. Dieses Problem ist jedoch erkannt: Deutschland hat auf europäischer Ebene dafür gesorgt, dass künftig nur noch nachhaltig hergestellte Biomasse verstromt werden darf.

Prof. Dr. habil. Uwe Lahl.
Prof. Dr. habil. Uwe Lahl.

Aber das ist noch nicht geltendes Recht?

Die europäische Richtlinie wurde Ende letzten Jahres beschlossen, sie wird gegenwärtig in nationales Recht umgesetzt. In Deutschland haben wir dazu die Biomasse-Nachhaltigkeitsverordnung erarbeitet. Die gilt zunächst für den Strombereich; für den Kraftstoffbereich wird es in den nächsten Tagen eine eigene Verordnung geben. Beide Verordnungen sollen Mitte des Jahres, also noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden.

Wie hoch ist der Anteil von Importen bei der Biomasse, die für Biokraftstoffe in Deutschland verarbeitet wird? Ist die Klimabilanz überhaupt noch positiv, wenn Biomasse importiert wird?

Sie zielen auf die langen Transportstrecken ab. Entscheidend ist aber, wie effizient die Herstellung des Biokraftstoffes erfolgt und was in der Landwirtschaft passiert. Wenn auf Flächen angebaut wird, die vorher Kohlenstoffspeicher waren - wenn etwa Wälder brandgerodet wurden -, dann ist die Klimabilanz schlecht bis negativ, sprich: klimaschädlich. Wenn Biomasse für Biokraftstoffe beispielsweise auf ehemaligen Kaffeeplantagen angebaut wird, ist die Bilanz dagegen sehr gut. Der Transport spielt nur eine vergleichsweise geringe Rolle. Trotz kurzer Transportwege schneidet etwa Ethanol aus deutschem Getreide schlechter ab als Ethanol aus brasilianischem Zuckerrohr. Aber auch diese pauschale Aussage stimmt nicht durchgängig; so kann Ethanol aus inländischem Getreide gute Werte liefern, wenn aus den Nebenprodukten des Prozesses Bioenergie gewonnen wird. Mit brasilianischem Zuckerrohr oder derartigen effizienten Ethanol-Produktion in Deutschland haben wir bei guter Anlagentechnik eine Netto-Klimabilanz von 70 bis 75 Prozent.

Netto-Klimabilanz meint: CO2-Einsparung im Vergleich ...

... zu fossilen Kraftstoffen, ja und unter Anrechnung der CO2-Emissionen in der Vorkette. Bei den Biokraftstoffen aus deutscher Produktion ist die Kernfrage: Was passiert mit den Ernterückständen? Wenn ich deren Werthaltung nicht ökologisch nutze, dann ist die Bilanz nur mäßig. Beim Getreide kann derzeit nur ein Drittel der Pflanze zur Herstellung von Biokraftstoffen verwendet werden. Deshalb haben wir in Europa und in Deutschland Mindestanforderungen eingeführt: Zukünftig müssen mindestens 35 Prozent Netto-Klimagaseinsparung gegenüber fossilen Kraftstoffen erreicht werden, später läuft diese Quote bis zu 50 Prozent hoch. Damit wollen wir die Effizienzpotentiale heben und die Unternehmen anspornen. Diese Mindestanforderungen hat sich kein anderer Bereich der Biomassenutzung für den Klimaschutz bisher zugetraut.

Sie schreiben in Ihrem Buch, vielleicht müsse man es ertragen, "dass für gigantische Herausforderungen auch gigantische Lösungsstrategien vorgetragen werden" - fehlt in der deutschen Umweltpolitik das Visionäre, das den gigantischen Herausforderungen gerecht wird?

Das würde ich bejahen. Im Jahr 2050 wollen wir in Deutschland und Europa 80 Prozent weniger CO2 ausstoßen als 1990. Wir werden zudem kein Erdöl mehr zur Verfügung haben, wollen aber den heutigen Wohlstand bewahren. Wenn wir dies schaffen wollen, müssen wir Mut zu großen Visionen haben. Eine davon ist: Wir brauchen ausreichend Biomasse. Die benötigten Mengen werden sich in einer ähnlichen Größenordnung abspielen wie die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung. Viele Diskutanten schrecken an dieser Stelle zurück und sagen, "hierfür brauchen wir dann aber große Anbauflächen". Natürlich brauchen wir die! Mit kleinen Anbauflächen werden wir nicht über die Runden kommen, wenn wir kein Erdöl mehr nutzen können! Die entscheidende Frage ist: Können wir diese Zukunftsvision so gestalten, dass die großen Anbauflächen nicht zu Öko-Wüsten werden?

Sie denken, dass wir das können?

Wir können und wir müssen. Im Augenblick sprechen alle über CCS, über die Verpressung von CO2 in den Untergrund. Für die Forschung und Entwicklung an CCS sollen in den nächsten Jahren Milliarden ausgegeben werden. Sollten wir aber nicht besser Milliarden einzusetzen, um Flächen für die Biomassegewinnung zurückzugewinnen, die wir in den vergangenen rund 50 Jahren vor allem in Afrika durch Übernutzung verloren haben? Das ist meines Erachtens möglich, und wäre nicht teurer als CCS.

CCS ist eine technische Spielerei, für so etwas wird gern Geld gegeben - zumal CCS dafür sorgt, dass das alte Kraftwerkssystem länger laufen kann.

Das ist Ihre Diktion. Mich ärgert, dass nicht einmal die Ökoszene zur Kenntnis nimmt, was technisch und politisch die reale Alternative zu einem globalen Biomasseszenario ist, nämlich Kohleverflüssigung und marginales Erdöl, also Ölsande oder Öl aus Tiefseebohrungen. Dieses Alternativszenario aber würde zu erheblichen zusätzlichen CO2-Emissionen führen. Im derzeitigen Mineralölsektor würden wir die CO2-Emissionen verdoppeln, wenn wir unseren Erdölbedarf aus Kohle und "marginal oil" decken würden! Kohleverflüssigung ist daher nur vorstellbar, wenn CCS gelingt. Ich bin aber zutiefst da eher skeptisch bezüglich CCS, denn es sind viele Fragen offen: Können die entscheidenden technischen Probleme gemeistert werden? Wie lange kann man CO2 in welchen Schichten sicher einlagern? Und nicht zuletzt: Wird die Bevölkerung das Verpressen von CO2 in den Untergrund ihres Lebensumfeldes akzeptieren? Ich denke, die Ökoszene muss diese Diskussion führen - und ihren Standpunkt zum Thema Biomassenutzung nachjustieren.

Greenpeace argumentiert, Biomasse sei "zu wertvoll für den Tank": Der Einsatz von Biomasse für die Wärme- und Stromproduktion sei effizienter.

Das ist falsch. Der Unterschied zwischen den heute real gegebenen Strom- und Wärmegewinnungsanlagen aus Biomasse und den heute hergestellten Biokraftstoffen ist nicht sehr groß. Im Augenblick sind die Biokraftstoffe der ersten Generation sogar leicht besser als zum Beispiel die heute in Betrieb befindlichen Biogasanlagen für die Strom- und Wärmegewinnung. Bei künftigen Anlagenkonzepten hängt alles davon ab, ob sich in den jeweiligen Sektoren ambitionierte Effizienzanforderungen durchsetzen werden. Es gibt Konzepte für den Biokraftstoffsektor, die sehr gut sind, aber es gibt auch im Strom- und Wärmesektor sehr gute Möglichkeiten. Mein zentrales Argument pro Biokraftstoffe ist aber ein anderes: Wir haben in den Bereichen Wärme und Strom erneuerbare Alternativen. Bei den Verbrennungsmotoren gibt es die nicht, bei Fernverkehr, Schiffen und Flugzeugen werden wir nicht auf Verbrennungsmaschinen verzichten können. Dies gilt auch für Verbrennungsmotoren für die industrielle Produktion. Und Kohlenstoffverbindungen benötigen wir auch für den Chemiesektor, der gern vergessen wird. Heute speisen sich sowohl der Mobilitäts- wie auch der Chemiebereich aus Erdölraffinerien. Zukünftig werden beide Sektoren aus Bioraffinerien gespeist werden müssen. Aber auch im Strombereich wird Biomasse eine entscheidende Rolle spielen: In einer Industriegesellschaft des Jahres 2050 wird das zentrale Problem nicht die Verfügbarkeit von Wind und Sonne sein sondern die Speicherung der Energie sein. Dafür gibt es bis heute keine Alternative zu energiereichen organischen Verbindungen.

Beim Lesen Ihres Buches merkt man schnell, dass ein enorm großes Regelsystem aufgebaut werden muss, um sicherzustellen, dass die Nachhaltigkeit nicht ins Gegenteil verkehrt wird.

So ist es.

Ist das überhaupt zu leisten?

Leistbar ist das schon, und es ist auch eine große Chance. Denn eigentlich hätte man so ein System, was die nachhaltige Produktion von Agrarprodukten durchsetzt schon vor 50 Jahren für den Nahrungs- und Futtermittelbereich einführen müssen, dann hätten wir nicht die Naturschutzprobleme, die wir heute haben. Der Biokraftstoffsektor bricht jetzt die Verweigerungsfront auf, die es in der klassischen Agrarpolitik gab. Wenn wir entsprechende Regelungen für den Biomassebereich haben, wird man am Schluss fragen: Wie sieht's denn mit der Futtermittelindustrie aus? Die Tür ist auf.

Sie sprechen in Ihrem Buch von der "Überversorgung mit Fleisch und Pferdestärken" in Europa und Nordamerika. Essen Sie selbst noch Fleisch?

Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich vielen Menschen zu erklären versucht, wie wichtig dieser "Ölwechsel" ist. Auch meinem Sohn. Am Ende sagte er: Das mag ja alles stimmen, aber warum isst du dann immer noch Fleisch?

Was haben Sie geantwortet?

Ich habe mit meiner Frau gesprochen und wir haben uns seinen Argumenten gebeugt. Wir sind seither Vegetarier. Es ist nicht ganz einfach, aber es geht.

Quelle: n-tv.de