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Kampf für gleiche Rechte Wir brauchen den Frauentag nicht mehr

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Frauen haben noch immer nicht die gleiche Stellung in der Gesellschaft wie Männer - der Frauentag hilft dabei aber kaum weiter.

(Foto: www.imago-images.de)

Seit 110 Jahren gibt es in Deutschland den Frauentag, in Berlin ist er nun sogar ein gesetzlicher Feiertag. Zwar wurde viel erreicht in Sachen Emanzipation, doch noch sind nicht alle Ziele erreicht. Der Frauentag ist trotzdem bloß ein Relikt vergangener Zeiten.

Als Clara Zetkin 1911 den Frauentag "erfand", hatte sie dafür gute, sogar sehr gute Gründe: Frauenrechte gab es praktisch nicht, an ein Frauenwahlrecht war nicht zu denken. Das wurde erst sieben Jahre später eingeführt. Gleichberechtigung, Emanzipation oder Karriere - all das war in dieser Zeit, noch vor dem Ersten Weltkrieg, unvorstellbar. Heute - 110 Jahre später - sind viele der Themen von damals abgeräumt. Seit 16 Jahren wird unser Land von einer Frau regiert, in Angela Merkels Kabinett sitzen neben ihr sechs Frauen neun Männern gegenüber, zwei Bundesländer werden von Frauen geführt und sogar an der Spitze der Bundeswehr steht eine Frau. Auch die Chefetagen der deutschen Wirtschaft werden seit einiger Zeit weiblicher: Sigrid Nikutta bei der Deutschen Bahn, Ariane Reinhart bei Continental, Tina Müller bei Douglas. Die ein oder andere ist tatsächlich ganz oben angekommen. Sieht eigentlich ganz so aus, als wäre die Mission erfüllt! Glückwunsch, Team Clara. Haken dran.

Oder vielleicht doch nicht? Ein Blick auf die Fakten sagt etwas anderes: Noch immer verdienen Frauen in vielen Unternehmen weniger als Männer in vergleichbaren Jobs, noch immer sind nur 31 Prozent der Bundestagsabgeordneten weiblich und noch immer gibt es keine echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen an der Spitze der deutschen Wirtschaft. Aber ändert sich - heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts - daran etwas, nur weil wir an einem einzigen Tag im Jahr die Frauen feiern? Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass der Frauentag vor 100 Jahren seine Berechtigung hatte, aber inzwischen nicht mehr das beste Mittel ist, um Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen. Zumindest in Europa, in jedem Fall aber in Deutschland. Wir müssen andere Wege gehen, die wir ja auch längst eingeschlagen haben.

Zum Beispiel die Frauenquote. Ich bin keine Verfechterin der Frauenquote und der Begriff "Quotenfrau" ist herabwürdigend für diejenige, die damit gemeint ist. Trotzdem habe ich mich eines Besseren belehren lassen und akzeptiert, dass es in einigen Unternehmen offenbar keine andere Möglichkeit gibt, Frauen den Weg zu ebnen. Dass die Quote diesen Frauen herzlich wenig nützt, wenn sie erst mal ganz oben angekommen sind, haben einige schon auf die harte Tour lernen müssen, aber es gibt genauso viele, die zeigen konnten, was sie drauf haben und einen Mega-Job machen, seit sie an der Spitze stehen.

In anderen Ländern sieht es anders aus

Ähnliches gilt bei der Entlohnung von Männern und Frauen. Seit jede und jeder das Recht hat, zu erfahren, was ein/e andere/r in vergleichbaren Positionen verdient, haben es Arbeitgeber deutlich schwerer, Frauen nur deshalb schlechter zu bezahlen, weil sie Frauen sind. Im Übrigen ist es ein Irrtum zu glauben, man bzw. frau bekomme automatisch mehr Geld, nur weil eine Frau als Vorgesetzte über den Etat wacht. Beim Thema Geld endet Frauensolidarität ganz abrupt, aber das ist ein anderes Thema.

Der Frauentag ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten, der seine einstmals unbestrittene Berechtigung inzwischen verloren hat. Bei jüngeren Frauen ist ohnehin zu beobachten, dass sie sich über dieses Thema viel weniger Gedanken machen als Generationen vor ihnen. Seit es völlig normal ist, dass auch Väter in Elternzeit gehen und sich beide Partner die Erziehung und Betreuung der Kinder teilen, ist eine Frau nicht mehr automatisch im Nachteil, sobald sie Mutter ist. Junge Frauen treten viel selbstbewusster für ihre Rechte ein als ihre Mütter oder gar Großmütter - und das ist auch gut so. Bravo, Applaus!

Natürlich gibt es immer noch Länder auf dieser Welt, in denen die Rechte der Frauen heute noch mit Füßen getreten werden. Und es gibt auch bei uns nach wie vor Branchen, in denen Frauen - zumindest in der Breite - nicht gleichberechtigt sind. Das ist und bleibt schreiend ungerecht und nicht hinnehmbar. Aber ihnen jedes Jahr am 8. März ein paar Blümchen, Pralinen oder Parfüm zu überreichen, wird daran nichts ändern. Ändern wird sich erst etwas, wenn diese Frauen sich unterhaken und für ihre Rechte kämpfen. Selbstbewusst, möglichst laut, aber vor allem an jedem Tag im Jahr, nicht nur am Internationalen Frauentag. Clara Zetkin wäre begeistert und würde ganz vorn mitlaufen.

Quelle: ntv.de

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