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Baden-WürttembergJunge Rechtsextremisten gewinnen im Südwesten an Zulauf

11.06.2026, 13:09 Uhr
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Kampfsport, Wanderungen und geschickte Selbstdarstellung im Netz: Laut Verfassungsschutz gelingt es Rechtsextremisten zunehmend, junge Menschen anzusprechen. Eine neue Studie untersucht die Ursachen.

Stuttgart (dpa/lsw) - Instagram statt Springerstiefel: Rechtsextremistische Gruppen erreichen in Baden-Württemberg immer mehr junge Menschen. Der Anteil der unter 30-jährigen Rechtsextremisten im Land ist von 2023 bis 2025 um fünf Prozentpunkte gestiegen, wie das Landesamt für Verfassungsschutz berichtet. In einer neuen Studie suchen die Verfassungsschützer nach Ursachen.

Inzwischen rechnet die Behörde rund 400 jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren der Szene zu. Zugleich hätten sich in jüngerer Zeit neue Gruppierungen gegründet, die gezielt Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen. Insgesamt ordnet die Behörde der rechtsextremistischen Szene derzeit rund 3.140 Personen zu.

"Wir beobachten seit einiger Zeit, dass die rechtsextremistische Szene immer mehr Jugendliche anzieht und sich auch neue Gruppierungen mit entsprechender Ideologie gründen", sagte Verfassungsschutzpräsidentin Beate Bube. "Als Verfassungsschutz haben wir das natürlich im Blick und warnen auch vor dieser Entwicklung. Aber hier sind nicht nur die Sicherheitsbehörden gefragt, sondern auch die Politik und wir alle, als Gesellschaft."

Neue Gruppen und alte Netzwerke

Junge Rechtsextremisten organisieren sich laut der Behörde unter anderem in Jugendorganisationen von Parteien, darunter die Jungen Nationalisten (JN), die Jugendorganisation der Partei Die Heimat oder die Nationalrevolutionäre Jugend (NRJ), die zur neonazistischen Kleinpartei Der III. Weg gehört.

Im parteiunabhängigen Spektrum spiele vor allem die Identitäre Bewegung eine Rolle. Diese trat in Baden-Württemberg zeitweise unter dem Namen Reconquista 21 auf und firmiert seit Februar wieder als Identitäre Bewegung Schwaben. Zu den neueren Erscheinungen in der Szene zählen nach Angaben des Verfassungsschutzes die neonazistischen Gruppierungen Unitas Germanica und Zollernjugend Aktiv. Die verschiedenen Organisationen seien untereinander stark vernetzt. Auch Doppelmitgliedschaften kämen vor.

Die Gruppen verbreiten rechtsextremistischer Inhalte im Internet – dort können sie in kürzester Zeit Hunderttausende erreichen. In den sozialen Medien treten die Rechtsextremisten mitunter männlich, kämpferisch und nationalistisch auf. Muskulöse Vermummte posieren dort mit der deutschen Flagge und nennen sich "Nationalist" und "kampfbereit". Kameradschaft, Loyalität und Zusammenhalt sind wiederkehrende Motive in der Selbstdarstellung.

Wanderungen, Kampfsport und soziale Medien

Die jungen Erwachsenen treffen sich dann vermehrt auch im realen Leben. Gruppenzugehörigkeiten sind oft fließend, verschiedene Organisationen unterstützten sich gegenseitig bei Aktionen. Neben Demonstrationen und Banneraktionen veranstalteten die Gruppierungen häufig interne Veranstaltungen wie gemeinsame Wanderungen oder Kampfsporttrainings. Im vergangenen Jahr fand etwa unter anderem eine Fackelmahnwache in Pforzheim statt und eine gemeinsame Wanderung in Nagold im Kreis Calw. Über Berichte in sozialen Netzwerken würden Aktivitäten gezielt genutzt, um neue Anhänger zu gewinnen.

Die Entwicklung steht im Mittelpunkt einer neuen Studie mit dem Titel "#AllesfürsVaterland", die das Landesamt veröffentlicht hat. Darin untersucht die Behörde verschiedene mögliche Ursachen für den Zulauf junger Menschen. Steckt jugendliche Rebellion hinter dem Zulauf, Protest? Sind es Narrative von Identität, Gemeinschaft, Zusammenhalt und Stärke, die Jugendliche anziehen?

Ängste und Unsicherheiten

Die Studie beleuchtet unter anderem das allgemeine gesellschaftliche und politische Klima und den Einfluss von Online-Medien. Die vielen Krisen in der Welt lösten vor allem unter Heranwachsenden Ängste und Sorgen aus. Einen weiteren Erklärungsansatz sieht die Untersuchung in den langjährigen Bemühungen der rechtsextremistischen Szene, "sich "wiederzubeleben" und für neue Mitglieder attraktiv zu werden".

Die Autoren der Studie warnen, dass die aus den Feindbildkonstruktionen junger Rechtsextremisten konkrete Gefahren entstehen können – besonders für Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländer sowie die LGBTQ-Community. Sicherheitsbehörden sollten "die Schnelllebigkeit der Szene und deren ausgeprägtes Bündnisverhalten" besser erkennen. "Schubladendenken und formalistisches Verwaltungsdenken können in diesem Bereich hinderlich sein", schreiben die Autoren der Studie.

Bedürfnis nach "Selbstwirksamkeit"

Der Verfassungsschutz sieht Hinweise, dass junge Menschen in der Szene "ein Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, Repräsentation und Optimismus" befriedigt sehen. Diese Anliegen müsse man in geeigneten Handlungsräumen ohne extremistische Färbung adressieren. Politik und Behörden müssten an ihrer Krisenkommunikation arbeiten und Sorgen der jungen Menschen abfedern.

Quelle: dpa

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