Nordrhein-WestfalenWüst erstmals in Auschwitz – "Die Herzen erreichen"

NRW-Ministerpräsident Wüst steht in Auschwitz – und hört, was Schüler und Überlebende bewegt. Warum der Besuch für ihn mehr als ein Pflichttermin ist und was NRW jetzt gegen Antisemitismus plant.
Auschwitz (dpa/lnw) - Die Todeswand, die hunderte Meter lange Selektionsrampe, die Ruinen der Gaskammer und des Krematoriums – Auschwitz ist das Symbol des menschenverachtenden Massenmords der Nationalsozialisten. Für Hendrik Wüst ist der Besuch des ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers eine persönliche Premiere. Erstmals betritt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident das Gelände von Auschwitz, nimmt sich drei Stunden Zeit für eine Führung – und ist sichtlich bewegt.
"Man weiß viel, aber die Dimension hier, die geht noch mal richtig ins Gefühl", sagt der 50-jährige Wüst, als er am Denkmal von Auschwitz-Birkenau nahe der sogenannten Rampe spontan von einer Flensburger Gymnasialklasse umringt wird. "Das ist erschütternd, das zu sehen." Alles sei in Auschwitz mit kalter Präzision geplant gewesen. "Das ist im wahrsten Sinne des Wortes erschütternd."
Es ist fast eine unwirkliche Szenerie, als Hunderte Menschen an diesem sonnigen Tag, bei blauem Himmel und lautem Vogelgezwitscher durch die Gassen des Vernichtungslagers gehen. Doch der Blick tief in die Unmenschlichkeit lässt die Menschen schweigen.
Der tiefste Abgrund der Menschheit
Wüst legt einen Kranz mit roten und weißen Rosen an der sogenannten Todeswand ab. Er trägt sich ins Gästebuch. Doch beim Schreiben stockt er immer wieder und überlegt. "In Auschwitz blicken wir in die tiefsten Abgründe der Menschheit", schreibt er in das Buch. Auschwitz ist Verpflichtung, alles zu tun, um Hass entgegenzutreten und allen, die Menschen entmenschlichen." Beim Schreiben habe er sich die Frage gestellt: "Was können wir mehr tun?", sagt er später.
Der immer sehr kontrolliert auftretende Wüst erlaubt sich beim Anblick von Auschwitz auch Abweichungen von vorgeplanten Sätzen und spontanes Reden, etwa als er mit der Schulklasse redet. Der 16-jährige Gymnasiast Lasse sagt, die Berge von Haaren, Schuhen und Koffern hätten ihm die Dimension von Auschwitz erst deutlich gemacht. "Das sind Bilder, die man nicht vergisst." Er werde viel dafür tun, diese Erfahrung und seine Meinung weiterzugeben. Wüst ist begeistert davon. "Tun sie, was Sie gesagt haben: Mit anderen darüber reden. Dann haben sie das Beste getan, was Sie tun können."
Jeder Schüler soll Gedenkstätten besuchen
Wüst ist der Kampf gegen Antisemitismus ein wichtiges Anliegen. Doch ein erstarrtes Erinnern in Ritualen ist nicht sein Zugang. Er will die Herzen der Menschen erreichen, sagt er. So hat sich die Landesregierung als Ziel gesetzt, dass alle Schülerinnen und Schüler in NRW einmal in ihrer Schulzeit ein ehemaliges Konzentrationslager, eine Gedenkstätte oder einen Erinnerungsort besuchen. Künftig sollen auch angehende Lehrkräfte und Polizeianwärter sowie auch Rechtsreferendare in Gedenkstättenfahrten einbezogen werden.
"In Auschwitz erkennen wir mit dem Herzen das Ausmaß dieses Menschheitsverbrechens", sagt Wüst. Deshalb sei es ihm wichtig, dass noch mehr Kinder und Jugendliche an Gedenkstättenfahrten teilnähmen.
NRW bewirbt sich zudem darum, Standort der ersten Außenstelle der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu werden. In Kürze wird dazu eine Entscheidung erwartet. Die Landesregierung setzt sich mit einer Bundesratsinitiative auch für ein Verbot des Handels mit persönlichen Gegenständen von NS-Opfern ein.
Immer weniger Zeitzeugen des Holocaust gibt es inzwischen. Mit neuen digitalen Formaten wie dem Projekt "Holo-Voices" auf Zeche Zollverein in Essen soll die Erinnerung bleiben. Dort können Besucher dreidimensionalen Hologrammen von Holocaust-Überlebenden Fragen stellen.
Die Würde des Menschen verteidigt sich nicht von selbst
"Die Verantwortung aus Auschwitz endet nicht mit dem Erinnern, sie beginnt mit dem Erinnern", so Wüst. Das gelte besonders in Zeiten, in denen antisemitische Straftaten wieder zunähmen und Jüdinnen und Juden erneut Angst haben müssten. "Die Würde des Menschen verteidigt sich nicht von selbst – Auschwitz hat uns das auf grausamste Weise gelehrt", so der CDU-Politiker.
Wüst wollte bei seinem ersten realen Besuch in Auschwitz hören, wie junge Menschen mit der Erinnerung an den Holocaust umgehen. So traf er auch junge Freiwillige in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, die seit Jahrzehnten einen Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung und zur historisch-politischen Bildung leistet.
Mindestens 1,1 Millionen meist jüdische Häftlinge wurden in Auschwitz in Gaskammern ermordet, erschossen oder starben an den Folgen von Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten, Misshandlungen oder den unmenschlichen Lebensbedingungen des Lagers. Am 27. Januar 1945 erreichten sowjetische Soldaten das Lager im von der Wehrmacht besetzten Polen und befreiten etwa 7.000 Überlebende.
Höchststand an antisemitischen Straftaten
Mehr als 80 Jahre nach dem Holocaust sind Jüdinnen und Juden in Deutschland und auch in NRW wieder Zielscheibe von Hass. Die Zahl antisemitischer Straftaten hat in NRW 2025 einen neuen Höchststand erreicht. Erschreckend ist auch: Fast jeder oder jede Vierte in NRW hat antisemitische Einstellungen, wie eine Dunkelfeld-Studie ergeben hatte. Und: Fast die Hälfte der Befragten fordert, einen "Schlussstrich unter die Vergangenheit" des Holocausts zu ziehen.
Nach Ansicht des Internationalen Auschwitz-Komitees kommt der Besuch zur richtigen Zeit. Die Überlebenden empfänden den Besuch des Ministerpräsidenten des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslands "gerade jetzt als politische und menschliche Geste der Solidarität", so die Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf.