Sachsen-AnhaltWie Krankenhausgerüche unser Bild von Medizin prägen

Was verrät der typische Klinikgeruch über Medizin, Vorurteile und unseren Umgang mit Patienten? Ein Forschungsprojekt sucht Zeitzeugen und blickt tief in die Geschichte von Krankenhäusern.
Magdeburg (dpa/sa) - Wie riecht eigentlich ein Krankenhaus - und was verrät das über Medizin und Gesellschaft? Mit dieser ungewöhnlichen Frage beschäftigt sich ein neues Forschungsprojekt an der Universitätsmedizin Magdeburg. Die Medizinhistorikerin Monja K. Schünemann untersucht in ihrer Habilitation die "Geruchsgeschichte der Klinik" von 1800 bis heute. Dafür sucht sie nun auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gerüche den Klinikalltag geprägt haben - von der Vorstellung "schlechter Luft" als Krankheitsursache bis hin zu heutigen Vorurteilen gegenüber bestimmten Patientengruppen oder Berufen. "Gerüche wurden nie nur neutral wahrgenommen. Sie waren immer auch mit Gefühlen, Vorurteilen und gesellschaftlichen Normen verbunden", sagt Schünemann. Das könne Auswirkungen darauf haben, wie Patientinnen und Patienten behandelt werden.
Warum Pflege anders wahrgenommen wird
So sei Pflege bis heute oft mit unangenehmen Gerüchen wie Körperausscheidungen verbunden, während ärztliche Arbeit eher als "sauber" gelte. Die Forschung wolle klären, wie solche Bilder entstanden seien und welche Rolle dabei etwa Geschlecht, soziale Herkunft oder Krankheiten spielten.
Auch historische Diagnosemethoden stehen im Fokus. Früher versuchten Ärztinnen und Ärzte, Krankheiten am Geruch zu erkennen - etwa Infektionen oder Stoffwechselstörungen. Offiziell spiele das heute kaum noch eine Rolle. Laut Schünemann könnten solche Einschätzungen aber weiterhin unbewusst Einfluss auf Entscheidungen in der Medizin haben.
Zeitzeugen gesucht
Für die Zeit ab etwa 1950 reichen schriftliche Quellen nach Angaben der Forscherin nicht mehr aus. Deshalb setzt das Projekt auf Erinnerungen von Menschen, die Krankenhäuser, Lazarette oder andere Einrichtungen erlebt haben - besonders auch in der DDR. Gesucht werden unter anderem Berichte über Gerüche auf Stationen, Hygiene, Desinfektionsmittel oder den Alltag in geschlossenen Einrichtungen für junge Frauen.
Die Ergebnisse sollen helfen, heutige Strukturen im Gesundheitswesen besser zu verstehen. Denn Gerüche seien oft eng mit Vorstellungen von "rein" oder "unrein" verbunden - und damit auch mit gesellschaftlichen Bewertungen.