Reise
Freitag, 29. Dezember 2006

Besuch imKloster: Fo-Guang-Shan

Auf den Flur dringt ein undeutlicher Singsang. Erst als sich die Tür zu dem großen Raum öffnet, werden die Stimmen deutlich: "Amitabha, Amitabha" singen sie, in verschiedenen Stimmlagen, immer wieder, stundenlang.

Menschen in schwarzen und braunen Gewändern sitzen auf niedrigen Kissen in der Rezitationshalle verteilt. Ihnen gegenüber -an der Stirnseite des hellen Raums -sprechen die Priester den Namen Buddhas vor. Die Stimmen der Gläubigen vermengen sich zu einem Gesang. "Sie glauben, wenn sie Buddhas Namen rezitieren, führt er sie", erklärt Hue Shou.

Ein paar Räume weiter ist Reden tabu. In der Meditationshalle sitzen die Mönche und Nonnen im Lotussitz tief in Gedanken versunken. Glockenschläge in verschiedenen Tönen geben das Zeichen, wann sie aufstehen oder ein paar Schritte gehen dürfen. Hue Shou hat hier viele Stunden verbracht. Seit sechseinhalb Jahren lebt der Österreicher im Fo-Guang-Shan-Kloster auf Taiwan. Er hat Jeans und T-Shirt gegen das gelb-braune Gewand der Mönche getauscht. "In meinem nächsten Leben kann ich ja etwas anderes machen", sagt er.

Das Kloster Fo-Guang-Shan liegt zwischen Fengshan und Chishan im Südwesten Taiwans. Der Name Fo-Guang-Shan bedeutet "Berg des Buddha-Lichtes" -und das mit gutem Grund. Schon von weitem ist eine 36 Meter hohe Buddha-Statue zu bewundern, umrahmt von 480 kleineren Abbildern. Die linke Hand der Statue ist erhoben, um Mensch und Tier Licht in der dunklen Welt zu spenden.

Neben dem Daoismus und dem Konfuzianismus ist der Buddhismus die dritte große Glaubensrichtung in Taiwan. Mit rund 4,9 Millionen Gläubigen stellt er die wichtigste religiöse Strömung auf der Insel dar. Fo-Guang-Shan ist die bedeutendste Klosteranlage des Landes und eines der wichtigsten Zentren des Buddhismus weltweit. Es wurde 1967 von Meister Hsing-Yun gegründet, dem 48. Patriarchen der Ch'an Schule, und beherbergt heute rund 400 Mönche und Nonnen. Taiwan ist der Hauptsitz des Ordens, der weltweit Zweigtempel betreibt - drei davon in Deutschland.

Die Klosteranlage liegt auf einem kleinen Berg. "Als die Buddhisten zu mächtig wurden, schickten die Herrscher sie auf die Berge, damit sie nicht zu viel Einfluss auf die Menschen haben", erzählt Hou Shou. "Der humanistische Buddhismus will von den Bergen zurück zu den Menschen." Ziel dieses humanistische Buddhismus ist es, der Gesellschaft durch Wohltätigkeit zu dienen und die Menschen durch die Praxis der buddhistischen Lehre zu segnen. Und so öffnet sich das Kloster den Besuchern. "Jeder kann für zwei oder drei Tage zu uns kommen und hier wohnen", sagt Hue Shou. "Wer länger bleiben möchte, sollte einen spirituellen Hintergrund haben."

Zu sehen gibt es viel: Eine der Hauptattraktionen ist der Hauptschrein mit seinen 14 800 Buddha-Figuren. Den Mittelpunkt bilden drei knapp acht Meter hohe Statuen: Abbildungen von Sakyamuni Buddha, dem Begründer der Religion, Bhaisajyaguru Buddha, dem Heiler, und Amitabha Buddha, der einst gelobt hat, allen Wesen in der Todesstunde beizustehen und sie in ein Umfeld der Wiedergeburt zu führen. Gläubige knien vor ihnen auf dem Marmorboden und beten. Rechts und links der Statuen stehen der traditionelle Glocken-und Trommelturm - es sind die größten Taiwans. Sie werden beim Gelübde der Mönche und Nonnen geschlagen oder wenn große Meister zu Besuch sind.

Hinter dem Hauptschrein liegt die Ausstellungshalle: Szenen aus dem Leben Hsing-Yuns sind hier zu bewundern, genauso wie Kalligrafien und Aquarelle von Künstlern. Auf dem Klostergelände stoßen die Besucher auf viele kleine Nebenschreine, in der Halle des Gelübdes stehen Statuen des Kuanyin-Boddhisatva, in der Tathagata Halle findet sich ein Relikt Buddhas. Der Lumbini Garten lädt zum Ausruhen ein. Daneben umfasst das Gelände zahlreiche Wohn-und Arbeitsgebäude: Eine Schule und eine Altersheim, Wohnheime für die Nonnen und Mönche und eine Lodge für Gäste.

Wer etwas Zeit mitbringt, kann die Sutra-Kalligrafie-Halle aufsuchen: Tiefes Schweigen liegt über dem Raum. Gelegentlich ist Rascheln von Papier zu hören oder leise Schritte. Konzentriert malen Männer und Frauen mit in Tusche getränkten Federn Schriftzeichen nach. Langsam, Strich für Strich entstehen kurze buddhistische Texte. "Das langsame Schreiben konzentriert ganz automatisch", erklärt Hue Shou. "Der Geist kommt so zur Ruhe."

Quelle: n-tv.de