Reise

Amüsement statt Atomkraft "Wunderland Kalkar" strahlenfrei

So kann sie also aussehen, die Zukunft der Atomkraft in Deutschland. Entspannte Familienväter spendieren den Kleinen Pommes und Eis, Ausflügler erholen sich bei einem Bier in der Kneipenstraße, Alpinisten erklimmen die Kletterwand im Kühlwasserturm - auch wenn die Bergmotive nur aufgemalt sind. Willkommen im "Wunderland Kalkar": Auf dem Gelände nahe der niederländischen Grenze, wo die Atomruine des Schnellen Brüters Milliarden Euro ergebnislos verschlungen hatte, lockt heute ein Freizeitpark Besucher an.

2y6t0347.jpg862954407167272442.jpg

Klettergriffe am Kühlturm des ehemaligen Kernkraftwerkes "Schneller Brüter" im Wunderland Kalkar.

(Foto: dpa)

Hier in Kalkar ist der Atomausstieg bereits Wirklichkeit. Das Gelände am Niederrhein hat eine erstaunliche Karriere hinter sich, einige der großen Schlachten im Streit um die Atomkraft wurden hier geschlagen. Der Plan, eine Atomfabrik zu errichten, hatte in den 70er und 80er Jahren zehntausende Demonstranten nach Kalkar gelockt. Die Massen kommen immer noch hierhin, aber sie verfolgen ein ganz anderes Ziel - ein paar unbeschwerte Stunden mit Amüsement und Vollpension.

Ein Imagevorteil ist der Standort nicht unbedingt, schließlich hat sich der Name Kalkar als Inbegriff für die scharfen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Atomenergie ins Gedächtnis eingebrannt. Die Deutschen seien "etwas misstrauisch", räumt Betriebsleiter Han Groot Obbink ein. "Deshalb schreiben wir immer in unseren Prospekte, dass wir mit Nuklearenergie nichts zu tun haben", sagt der Niederländer. "Das Kernkraftwerk ist sowieso nie ans Netz gekommen, es waren auch keine Brennstäbe da."

kalkar.jpg

Der Niederländer Hennie van der Most kaufte 1995 das ehemalige Kernkraftwerk "Schneller Brüter" und baute es zu einem Hotel-, Tagungs- und Freizeitzentrum um.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das umstrittene Erbe des gescheiterten Atomprojekts scheint die mehr als 600.000 Besucher pro Jahr nicht zu schrecken, viele von ihnen kommen aus den nahen Niederlanden. Eine Übernachtung mit Vollpension ist schon für 70 Euro zu haben. Die Parkplaner haben der Atomfabrik eine hübsche Freizeitfassade verpasst: Im Turbinen- und Reaktorgebäude sind nun Hotelzimmer eingerichtet, die ehemaligen Nutzgebäude sind im altägyptischen oder Wildwest-Stil als Bars und Lokale herausgeputzt, es gibt Kettenkarussell, Achterbahn und Wildwasserfahrten.

"Wir haben nur ein Drittel der Gebäude umgebaut", sagt Obbink. "Zwei Drittel müssen noch umgebaut werden." Ein bayerisches Dorf ist geplant und ein Innenbecken - nicht zum Abkühlen von Brennstäben natürlich, sondern für den Badespaß der Gäste. Wenig erinnert die Besucher daran, dass sie es mit einer Investitionsruine zu tun haben. Der Schnelle Brüter ging nie ans Netz, 1991 gab die Bundesregierung das Projekt auf, nachdem rund 3,5 Milliarden Euro investiert worden waren. Später kaufte der niederländische Unternehmer Hennie van der Most das Gelände für 1,5 Millionen Euro, wandelte es in den Freizeitpark um und taufte ihn auf den gänzlich atomfreien Namen "Wunderland Kalkar".

Nicht alle freilich halten den Park für die beste Lösung. Der Grünen-Stadtrat Willibald Kunisch, der früher als Demonstrant gegen das Atomprojekt marschierte, hätte sich auch etwa anderes vorstellen können. "Es gab Vorschläge, ein Zentrum für alternative Energien in Kalkar zu bauen", erinnert sich Kunisch. "Aber die Zeiten waren nicht reif", sagt er - und fügt hinzu: "Damals galten wir als Spinner."

Quelle: ntv.de, Etienne Balmer, AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen