Fußball

Die Lehren des 17. Spieltags FC Bayern setzt auf den jungen Uli Hoeneß

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Der BVB beendet die erste Bundesliga-Halbserie mit Favre-Zeitrechnung grandios. Meister wird trotzdem der FC Bayern, tönt es aus München. Dort wirkt nämlich neben Hoeneß noch ein junger Klon. Der FC Schalke taumelt derweil mit dicken Augenringen in die Winterpause.

Der Favre-BVB spielt die Liga schwindlig

Ewige Meckerköppe könnten jetzt natürlich auf Fortuna Düsseldorf verweisen und die schwarzgelbe Sensationspleite beim Aufsteiger. Aber wie wusste schon der große Wolf-Dieter Ahlenfelder: Kein Fußballrausch ohne Kater! Zumal sich der BVB im Borussenduell ein genüssliches Konterbier genehmigte und mit dem gemessen an vorherigen Dortmunder Galas nicht glanzvollem, aber dominant-souveränem und hochverdientem 2:1-Rasenschach-Sieg über matte Gladbacher die Kräfteverhältnisse an der Tabellenspitze wieder zurechtrückte - als grandiose Krönung der fast surrealen Auferstehung, die Borussia Dortmund nach anderthalb Chaosjahren derzeit unter Neu-Coach Lucien Favre feiert. "Wir haben 42 Punkte. Wenn wir das im August gesagt hätten, hätten alle gesagt, ihr seid geistesgestört", staunte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Falls Sie den Überblick verloren haben, hier eine unvollständige Liste der bereits abgehakten Fußball-Errungenschaften des Schweizer Super-Hirnlis in Dortmund:

  • FC Bayern düpiert
  • Revier-Derby auf Schalke gewonnen
  • Marco Reus verletzungsfrei gehalten
  • Diego Simeones Atlético Madrid vier Tore eingeschenkt (ja, ATLÉTICO!)
  • Mario Götze fußballerisch reanimiert

Und mit einer Mannschaft voller blutjunger Hochbegabter trotz gelegentlicher Balance-Probleme Fußball gespielt, der dem BVB in der Bundesliga nicht nur sechs Punkte mehr einbrachte als dem FC Bayern, sondern meistens auch noch mehr Spaß machte (Nürnberg, Augsburg und Leverkusen dürfen sich gegrüßt fühlen!) als das Münchner Gekicke. Da dürfte selbst Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge heimlich gemurmelt haben: "Ich ziehe meinen Hut und sage Champs-Élysées."

Bayerns Schicksal liegt in "Brazzos" Händen

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Hasan Hoeneß (l.) mit Uli Salihamidzic. Oder andersrum?!

(Foto: dpa)

Franck Ribéry, eine Bayern-Legende auf leiser Servus-Tour? Mon dieu, non! Beim erst wackeligen, dann aber sehr souveränen Sieg gegen Eintracht Frankfurt (3:0) vitalisierte der alte Mann aus Frankreich die Offensive des Tabellenzweiten. Das fand er selbst so arg überzeugend, dass er sich in der Kabine für eine Vertragsverlängerung anbot. Was Trainer Niko Kovac davon hält, sagt er nicht. Erstens, weil er nicht wie immer falsch interpretiert werden will, wenn er etwas zu Transferentscheidungen sagt. Und zweitens, weil das Aufgabe des jungen Uli Hoeneß ist. Den nennen sie beim FC Bayern meistens "Brazzo". In Wahrheit hört er auf den Namen Hasan Salihamidzic und ist Sportdirektor. Münchens Klubchef Karl-Heinz Rummenigge jedenfalls ist sehr angetan von Hasan Hoeneß - ganz besonders, seit er ihm, dem Hasan Hoeneß, auf der legendären Pressekonferenz des 19. Oktober harsch ins Wort fiel und keine Widerrede bekam.

Seither darf und soll sich der Sportdirektor profilieren. Mit Worten und mit Taten. Er soll den Umbruch gestalten, dessen Notwendigkeit die Bayern in dieser wilden und kuriosen Hinrunde unbedingt erkannten. "Das ist eine große Chance für ihn. Er geht diese Aufgabe mit Feuereifer an. Wir begleiten und beraten ihn, wenn nötig. Aber er geht seinen Weg, davon bin ich überzeugt", sagte Rummenigge im "Kicker". Dort erklärte er auch, wie der Hasan zu seinen neuen (Namens)-Ehren (sind es Ehren?) kommt: "Er ist unheimlich fleißig, unglaublich agil, und - das gefällt mir - wenn sich ein Transfer auftut, ist er wie der junge Uli Hoeneß auf der Pirsch und lässt nicht locker." Was das in den Fällen Lucas Hernandez (Atlético Madrid) und Timo Werner (RB Leipzig) zu bedeuten hat, ist unklar. Ebenso unklar ist, wie überzeugt die Bayern wirklich davon sind, die überragenden Dortmunder tatsächlich noch auf der linken Meistergeraden zu überholen. Zumindest sagen sie: "Wir in München gehen davon aus, dass der FC Bayern am Ende oben steht." Das klingt nach dieser Hinrunde freilich a bisserl deppert. Aber: Schaun mer mal!

SGE rauscht durch Liga und Europa

Wir zitieren an dieser Stelle den Formel-1-Zweiten Sebastian Vettel: "Ganz Deutschland hat im Moment Spaß an der Eintracht." Das hat der bekennende Fan zwar schon Ende November gesagt. Doch seitdem hat sich wenig an der bemerkenswerten Verfassung der Frankfurter geändert. Mit 27 Punkten stehen sie auf Platz sechs der Bundesliga, in ihrer Europa-League-Gruppe fegten sie einfach mal internationale Größen wie Olympique Marseille mit 4:1 auf dem punktverlustfreien Weg in die K.o.-Runde vom Platz. Hat da jemand vor der Saison etwas von Leistungsabfall oder gar Abstiegskampf orakelt? Möglicherweise hängt vielen Besuchern des Frankfurter Stadions die Ouvertüre der Operette "Leichte Kavallerie" von Franz von Suppé bereits aus den Ohren heraus, die Eintracht berauscht sich an den Offensivvorgaben von Neu-Trainer Adi Hütter. Maßgeblich an der Umsetzung beteiligt sind Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller. Das magische Dreieck ist blendend aufgelegt und ist längst noch nicht am Limit. Das sagt zumindest Sportvorstand Fredi Bobic: "Die haben noch alle drei Potenzial in sich." Das soll was heißen, denn allein in der Bundesliga haben diese Stürmer 27 von insgesamt 34 Treffern für die SGE fabriziert. Dementsprechend tritt der DFB-Pokalsieger mit einem anderen Selbstverständnis auf als in manch Saison zuvor. "Ich glaube, dass wir eine richtig, richtig gute Mannschaft haben", sagte Torhüter Kevin Trapp noch vor der Niederlage gegen den BVB-Jäger aus München und bilanzierte selbstzufrieden: "Was wir in der Hinrunde erreicht haben, ist sensationell." Auch nach dem Dämpfer am letzten Spieltag des Jahres dürfte sich kaum etwas an Trapps Meinung geändert haben.

Schalke taumelt in die Winterpause, ...

Rückblende, 5. Mai 2018: Durch das 2:1 beim FC Augsburg sichert sich der FC Schalke 04 einen Spieltag vor Saisonschluss die Vizemeisterschaft. Nun, 232 Tage später, steckt der Champions-League-Teilnehmer mitten im Abstiegskampf, weil er zuvor nur dank wi...tziger Versprecher glänzte. Immerhin gelang den Schalkern zum Jahresabschluss ein 3:1 im Kellerduell mit dem VfB Stuttgart. Die magere Bilanz von 18 Punkten reicht ihnen, um auf Platz 13 zu überwintern - und sich neu zu ordnen. "Wir haben einfach schlechten Fußball gespielt", resümierte Sportvorstand Christian Heidel nach der Hinrunde. Deshalb sei es "normal, dass wir alles hinterfragen, auch die Zusammensetzung des Trainer-Teams, nicht aber die Chefrolle des Trainers". Das wird einer der wenigen Punkte sein, die Domenico Tedesco (und die Fans, siehe unten) derzeit erfreuen. Die Augenringe des 33-Jährigen sind nur ein Indiz für die sportliche Krise beim Revierklub. Seit Manager Heidel vor etwas mehr als zwei Jahren sein Amt antrat, gaben die Gelsenkirchener fast 150 Millionen Euro für Transfers aus - ohne gewünschte Wirkung. Hinzu kommt eine Verletztenmisere, die jeder Beschreibung spottet. Allein im Sturm sind mit Guido Burgstaller, Mark Uth, Breel Embolo und Franco Di Santo vier Spieler verletzt und der Effekt der zwischenzeitlich erfolgreichen Zwangs-Skrzybskisierung scheint bereits wieder verpufft. Das Team soll laut Heidel nun in der Winterpause erst mal "die Birne durchlüften". Von Neuzugängen sprach er nicht.

... und Stuttgart auch

*Datenschutz

Markus Weinzierl indes schon. Der nach sieben Spieltagen für Tayfun Korkut verpflichtete Trainer des VfB Stuttgart ist mit 9 von insgesamt 14 Punkten nur minimal erfolgreicher als sein Vorgänger und rezitierte nach der Heimpleite gegen Schalke seinen Wunschzettel für die Rückrunde: "Wir brauchen natürlich alle Spieler fit, wir brauchen Neuzugänge, wir brauchen eine gute Vorbereitung, brauchen einen guten Start." Die Sportredaktion von n-tv.de, übrigens entsetzt ob der eigenen eklatanten Fehlprognose zum Saisonstart des VfB, fügt hinzu: Torgefahr, denn mit nur 12 Treffern stellt das Team aus Bad Cannstatt den harmlosesten Angriff der Liga. Mit drei Auftaktniederlagen ohne eigenes Tor in Pokal und Liga hatte der Klub kurz vor dem 125-jährigen Klubjubiläum am 9. September gar einen historischen Fehlstart hingelegt.

Weiter geht's mit den Wunschtipps: eine stabile Abwehr. Denn die agierte trotz des französischen Nationalspielers Benjamin Pavard im Zentrum über weite Strecken der Hinserie wenig weltmeisterlich, geschweige denn erstligareif. 35 Gegentore setzte es bislang, nur Schlusslicht Nürnberg hat mehr kassiert. Folgerichtig steht der VfB auf dem Abstiegsrelegationsplatz. Eines der vielen Sinnbilder für die Stuttgarter Krise ist die Szene aus der 70. Minute, in der Mario Gomez den Ball ins eigene Tor lenkte. Womöglich erinnerte sich der Ex-Nationalspieler danach an seine Aussage vom 12. Spieltag: "Vielleicht sollte mal jemand anderes für mich spielen."

*Datenschutz

Dieser Jemand könnte der ausgeliehene Alexander Esswein sein, mit dem Sportvorstand Michael Reschke einen von Weinzierls zahlreichen Wünschen abzuarbeiten versuchte. In der Fanszene kommt der Transfer wie so viele Entscheidungen in der jüngeren Vergangenheit wenig gut an. Ein Anhänger auf Twitter verglich die Verpflichtung Essweins mit "Schrottwichteln mit Kollegen". Sollte sich diese Aussage bewahrheiten, steht dem Traditionsverein erneut ein Betriebsunfall 2. Liga bevor.

Der neue Königsweg heißt Trainer-Konstanz

Sollte es tatsächlich das berühmt-berüchtigte Jahrmarktsgefährt für Fußball-Übungsleiter geben, fast alles Klubs haben eine Fahrt bisher ausgeschlagen. Ergo: Es dreht sich bisher im Schneckentempo. Resümierten wir noch zum Abschluss der Vorsaison "Mehr Trainerwechsel braucht die Liga!", so setzen die Vereine nun lieber auf Konstanz. Und auf Trotz. Erst recht in Krisenzeiten. Ob Kovac beim FC Bayern, Schalkes Tedesco, André Breitenreiter in Hannover oder Michael Köllner beim 1. FC Nürnberg: Die Bundesliga traut Trainerwechseln mittlerweile offenbar nur noch geringe Effekte zu. Einzig der VfB Stuttgart und Bayer Leverkusen schwimmen gegen den Trend. Im Falle der Schwaben mag die Entscheidung zum Zeitpunkt von Tayfun Korkuts Entlassung sportlich nachvollziehbar gewesen sein, doch auch unter Neu-Coach Weinzierl stellt sich der Erfolg beim VfB wenig bis gar nicht ein. Noch unverständlicher stellt sich die Sache in Leverkusen dar. Zum Abschluss einer Achterbahn-Hinrunde, um beim Bild der Fahrgeschäfte zu bleiben, fuhr der Werksklub zwei Ligasiege ein, qualifizierte sich vorzeitig für die K.o.-Runde der Europaliga - und setzte Heiko Herrlich trotzdem einen Tag vor Heiligabend vor die Tür, wo schon Ex-BVB-Coach Peter Bosz wartete.

Einige Bayer-Fans werden nun wohl etwas neidisch rheinabwärts gen Düsseldorf schauen, wo die Verantwortlichen der Fortuna trotz mehrwöchiger Talfahrt nicht panisch wurden. Friedhelm Funkel dankte es ihnen und holte mit seinem Team binnen einer Woche und den letzten drei Spielen des Jahres neun Punkte - so viele wie in den 14 Spielen zuvor. Auf eine ähnliche Entwicklung hofft auch der "Glubb" aus Nürnberg. "Er bleibt unser Trainer", bekräftigte Sportvorstand Andreas Bornemann mehrmals. Mehr noch: Am 14. Dezember fügte er hinzu: "Das schließt für mich ein, mit ihm auch in die 2. Liga zu gehen." Auch auf Schalke haben sie offenbar ihre Schlüsse aus der turbulenten Vergangenheit gezogen: "Ich glaube, er hat den sichersten Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann", sagte Manager Heidel über Tedesco. Nun, das Ramschpotenzial solcher Aussagen dürfte spätestens seit der "massiven Wahrheitsbeugung" von Stuttgarts Sportchef Reschke einen Tag vor der Korkut-Entscheidung bekannt sein. Doch die Beispiele von Kovac, Funkel und Co. zeigen, wie wertvoll Geduld doch sein kann.

Quelle: n-tv.de

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