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"Mit meinem Bauch habe ich immer gut gelebt. Es ist doch egal, ob ich die 100 Meter in 10,1 mit 75 Kilo laufe oder mit 100 Kilo": Wolf-Dieter Ahlenfelder, hier am 13. Juni 1987 im Spiel der Dortmunder Borussia gegen den VfL Bochum. Rechts plauscht Lothar Woelk mit Linienrichter Manfred Grabinski.
"Mit meinem Bauch habe ich immer gut gelebt. Es ist doch egal, ob ich die 100 Meter in 10,1 mit 75 Kilo laufe oder mit 100 Kilo": Wolf-Dieter Ahlenfelder, hier am 13. Juni 1987 im Spiel der Dortmunder Borussia gegen den VfL Bochum. Rechts plauscht Lothar Woelk mit Linienrichter Manfred Grabinski.
Mittwoch, 18. Februar 2015

Redelings über Ahlenfelder: Saufen konnte der Hund, aber auch pfeifen!

Von Ben Redelings

Er pfeift ein Bundesliga-Spiel nach 32 Minuten zur Halbzeit. Betrunken. Seitdem trägt er den Spitznamen "Der Blaue an der Flöte". Ein Bericht über Wolf-Dieter Ahlenfelder, Deutschlands lustigsten Schiedsrichter und seine traurige Seite.

Seine Geschichte vom 8. November 1975, als er die Spieler der Partie des SV Werder Bremen gegen Hannover 96 bereits nach 32 Minuten in die Halbzeitpause schickte, ist eine der großen Legenden in der Historie der Fußball-Bundesliga. Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder machte nie einen Hehl daraus, was der Grund für seinen verfrühten Pfiff war: "Da hatten wir wohl einen zu viel getrunken!" Vor über acht Jahren habe ich Ahli, wie er sich selbst am liebsten nannte, in seiner Wohnung in Oberhausen besucht. Die Filmaufnahmen für meine Dokumentation "Die 11 des VfL" habe ich mir seitdem nie wieder angeschaut - bis zur vergangenen Woche. Und das hatte seine Gründe.

(Foto: Sascha Kreklau)

Ahlenfelder begrüßte mich damals an diesem kalten Dezembermorgen in einer kurzen blauen Buchse, mit schwarzen Hausschlappen an den nackten Füßen und oberkörperfrei. Kurz musste ich ob dieses speziellen Outfits schlucken, dann rief der Schiedsrichter des Jahres 1984 aus dem Schlafzimmer: "Ben, wie wäre es, wenn ich mein Original-Schirikostüm aus den 80er-Jahren anziehen würde? Das macht sich doch bestimmt super im Bild, oder?!" Ich weiß noch genau, wie ich meine Kamera anschaute und selig grinste.

"Fußball ist nicht das Wichtigste"

Ben Redelings, Jahrgang 1975, sagt: "Ich lese eigentlich alles, was es zur Bundesliga gibt." Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und kümmert sich seit 15 Jahren hauptberuflich um alles, was mit Fußball zu tun hat. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er alle zwei Wochen mittwochs die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Ganz nach dem Motto eines seiner zahlreichen Bücher: "Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben - es ist das Einzige."

Ich wusste: Das hier heute sind sämtliche Feiertage eines Jahres in einem Moment vereint. Schon als Schiedsrichter hatte Ahlenfelder einen imposanten Bauch vor sich her getragen - es gibt da dieses großartige Foto, von der Seite, zusammen mit dem Bochumer Lothar Woelk. Und ich wusste von gemeinsamen Abenden, dass er seit dem Ende seiner Karriere nicht unbedingt ins Glas gespuckt hatte. Sein Äußeres war dem beliebten Schiri aber auch nie so wichtig gewesen, wie er selbst einmal so schön sagte: "Mit meinem Bauch habe ich immer gut gelebt. Es ist doch egal, ob ich die 100 Meter in 10,1 mit 75 Kilo laufe oder mit 100 Kilo."

"Ich bin kein Schauspieler"

Anderthalb bewegende Stunden später stand Ahli wieder oberkörperfrei vor mir. Vor laufender Kamera hatte er blank gezogen: "Willst du das Trikot haben? Hier, kriegste!" Als ich ihn ungläubig anschaute, kniff er die Augen zusammen: "Jung, du musst dir mal eins merken: Du bist beim Ahlenfelder und der Ahlenfelder ist ehrlich!" Und genau das war der Grund, warum ich mehr als acht Jahre vergehen ließ, bis ich mir das Video noch einmal anschaute.

"Meine Frau würde sagen: Das Einzige, wo du ihn anmachen kannst, ist, wenn du ihm sein Bier aussäufst!"
"Meine Frau würde sagen: Das Einzige, wo du ihn anmachen kannst, ist, wenn du ihm sein Bier aussäufst!"

Diese Form des offenen Visiers hatte ich damals nicht erwartet. Wolf-Dieter Ahlenfelders Ehrlichkeit hatte mich erschlagen. Schonungslos erzählte er an diesem Morgen aus seinem Leben. Mit Tränen in den Augen meinte er mittendrin einmal: "Ich darf dir eins sagen: Das ist nicht gespielt. Das ist ehrlich. Ich bin kein Schauspieler! Heute hast du was erlebt, das hast du noch nie erlebt. Das ist Ahlenfelder!"

Zwischen all den wunderbaren Anekdoten, an die er sich mit leuchtenden Augen erinnerte, sackte der einst so beliebte und gefragte Schiedsrichter ein ums andere Mal in sich zusammen: "Meine Frau sagt immer: Woran geht der Mann kaputt? Das ist das, was mir fehlt. Du bist nicht mehr da oben. Und wenn du heute noch auf die Straße gehst in Oberhausen, wissen alle: Das ist der Ahlenfelder! Alle, alle. Da sagt nie einer: Wer ist das? Die sagen, das ist der Ahli. Die haben versucht, mich kaputt zu machen - jetzt nicht mehr. Sie haben mich schon kaputt gemacht!" Mit "die" meinte er den DFB: "Ich war unwahrscheinlich beliebt. Bei den Spielern, bei den Zuschauern, und das hat dem DFB nicht in den Kram gepasst. Schiedsrichter müssen gehasst werden, weil das Schiedsrichter sind. Und ich habe gesagt, Schiedsrichter müssen geliebt werden, weil das Schiedsrichter sind."

"Wir sind echte Männer, wir trinken keine Brause"

Ahlenfelder hat das alles nie verstanden. Er selbst sah sich schon immer als umgänglichen Typen, der statt Ärger lieber "Spaß an der Freud" haben will: "Was soll man den Ahlenfelder anmachen? Kann man nicht. Man kann mich auch heute in der Kneipe nicht anmachen. Ich weiß nicht, wie ich mich bezeichnen soll. Ich bin so ein geradliniger Mensch, lustig und humorvoll. Meine Frau würde sagen: Das Einzige, wo du ihn anmachen kannst, ist, wenn du ihm sein Bier aussäufst!" Das liebe Bier. Ahlenfelders Lieblingsgetränk. Nach dem trunkenen, viel zu frühen Pfiff damals im Bremer Weserstadion sagte Ahli als Entschuldigung auch den mittlerweile legendären Satz: "Wir sind echte Männer, wir trinken keine Brause."

Als ich dieser Tage die acht Jahre alten Filmaufnahmen noch einmal schaue, erinnere ich mich genau an dieses Gefühl von damals zurück. Ich hatte zusammen mit Ahli für anderthalb Stunden eine Zeitreise erlebt. In eine Vergangenheit, in der sein großer Durst und sein imposantes Selbstvertrauen für manch unvergessliche Anekdote gesorgt haben. In einer Zeit, als er selbst ein ganz Großer war, den die Leute liebten und schätzten. Als das alles vorbei war, blieben nur noch die Erinnerungen zurück. Und die wurden mit den Jahren auch immer größer: "Wir haben wunderschöne Zeiten erlebt. Und was mich am meisten freut - egal, zu welchem Klub ich hinfahre, die sagen alle: Da kommt der Ahlenfelder. Sagenhaft! Saufen konnte der Hund, aber auch Pfeifen, vom Feinsten - da kommt keiner mit! Keiner kann pfeifen wie der. Das war die absolute Krönung. Ich kann das eben. Ich hab da ein Auge für."

Als Wolf-Dieter Ahlenfelder im vorigen Jahr kurz nach seinem 70. Geburtstag starb, waren die Zeitungen voll mit Geschichten über den "Blauen an der Flöte". Ahli hätte sich über jeden einzelnen dieser Berichte sehr gefreut. Als wir uns damals verabschiedeten, bedankte er sich herzlich für meinen Besuch. Seine Worte habe ich nie vergessen: "Ein Mensch wie ich, der lebt davon. Es ist schön, dass man sich an mich erinnert!"

Quelle: n-tv.de