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Lehren der 55. Bundesligasaison Bayern-Macht zerstört die Liga - Dino down

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Übermacht FC Bayern - öde und gefährlich.

(Foto: imago/ActionPictures)

Der FC Bayern zementiert in der Fußball-Bundesliga Verhältnisse wie in Schottland und schadet sich selbst. Darin ist der HSV Meister. Das Niveau heben die Fans, weil die Klubs versagen - und zu selten den Trainer wechseln.

1. Der FC Bayern wird schottisch

In diesem Sommer ist es soweit: Die erste Generation Fußballfans wird eingeschult, die nur einen Bundesliga-Meister erlebt hat: den FC Bayern. Auch in der 55. Bundesliga-Saison lautete die Frage nicht, ob die Münchner Meister werden, sondern nur, wann. Beantwortet hat sie der deutsche Rekordmeister diesmal am 29. Spieltag. Ein Monopol, so öde, dass Ur-Bayer Thomas Müller anschließend witzelte: "Wie, wenn man in die Kreisklasse aufsteigt." Nur eben ein bisschen gedämpfter. Ein Zustand, so absurd, dass er für die restlichen Bundesliga-Klubs ein Warnschuss sein muss. Aber auch für die Münchner selbst. Die Dominanz des FC Bayern droht den deutschen Fußball zu erdrücken.

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Wer noch nicht verstanden hat, wie gefährlich die Übermacht des FC Bayern ist, sollte sich in Erinnerung rufen, was Jürgen Klopp schon 2013 (damals noch als Trainer der Dortmunder Borussia), prophezeit hat: Von spanischen Verhältnissen kann keine Rede mehr sein, der FC Bayern (514 Zähler) hat seit 2012 in der Liga 134 Punkte mehr geholt als der BVB (380), er hat schottische Verhältnisse etabliert. 25, 19, 10, 10, 15, 21: Das ist der Vorsprung aus den Spielzeiten 2013-2018 in Zahlen ausgedrückt, im Schnitt macht das 16,67 Punkte auf den jeweiligen Tabellenzweiten, den, Obacht, Vizemeister. Nicht nur sprachlich eine fragwürdige Wortschöpfung: Der FC Bayern spielt längst in seiner eigenen Liga. Bundesliga, das heißt in der Münchner Lesart Pause, das heißt Kräftesammeln für die höheren Aufgaben.

Ein Zustand, auf den Uli Hoeneß auch noch stolz zu sein scheint. Ein Status quo, mit dem sich die Mitstreiter dauerhaft arrangiert haben. Ein Dilemma, das auch dem FC Bayern Schaden zuzufügen droht. Ja, das finanzielle Ungleichgewicht ist massiv. Die Deutsche Fußball-Liga hat es in der Hand, etwas zu ändern. Aber auch der FC Bayern sollte sich überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist, sämtliche Spitzenspieler der Bundesliga unter dem eigenen Vereinswappen zusammenzuraffen. Mit der Forderung, die anderen "sollten mal powern", machen es sich die Münchner zu leicht. Fehlt der nationale Wettbewerb, wird es schwer bis unmöglich, international die Titel einzufahren. Und das ist nicht im Sinne des FC Bayern.

2. Die Liga muss sich die Niveaufrage stellen

Schönheit ist im Fußball bekanntermaßen Geschmackssache. Es gibt sicher Zuschauer, die 90 Minuten Rumgebolze jederzeit der filigranen Ballbehandlung vorziehen. Selten allerdings war die Liga so unschön anzusehen, wie in dieser Saison. Das ist erstmal nicht despektierlich gemeint, unschöner Fußball bringt ja auch Punkte. Und reicht in der Bundesliga, wie im Fall des FC Schalke 04, zu Platz zwei. Zum Vizetitel malocht - kann man den Schalkern deswegen einen Vorwurf machen? Jein. 21 Punkte Rückstand auf den FC Bayern sind kein Qualitätsprädikat. Der Abstand resultiert aus der Stärke der Münchner, ja. Aber eben auch aus der Schwäche der Verfolger. Insgesamt sieben Wechsel gab es auf Tabellenplatz 2 zwischen dem 11. und 23. Spieltag, verteilt auf Schalke, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und RB Leipzig.

Keiner der ambitionierten Klubs außerhalb Münchens hat es über die Saison geschafft, konstant Top-Leistungen zu zeigen. Der Liga mangelt es an Ideen fürs Spiel mit dem Ball, Verschieben und Verteidigen ist oft das Mittel der Wahl. Manchmal fehlt auch schlichtweg Qualität. Oder sie ist, wie im Fall des BVB, vorhanden, wird aber aus diversen Gründen nicht abgerufen. "Mehr Gemurkse als sonst was" attestierte Nationalspieler Mario Gomez der Liga in der "Süddeutschen Zeitung". Und weiter: "Acht Punkte zwischen Europa League und Abstiegsplatz, das gibt es normalerweise in der dritten und vierten Liga. Man kann das als Stärke oder Schwäche der Liga auslegen. Ich finde, das ist eine Schwäche." Das Abschneiden der deutschen Klubs in Europa bestätigt ihn, Bundestrainer Joachim Löw ist zu Recht alarmiert. National kann derzeit keiner der genannten Klubs gegen den FC Bayern bestehen - international sind schon wesentlich unbedeutendere Kontrahenten eine Nummer zu groß. Für die Fünfjahreswertung der Uefa ist das trotz Minimalistenrekorden keine gute Nachricht.

3. Die Fans polieren das Image der Liga

Mehr Niveau als die Liga bot in dieser Saison die Fankultur. Trotz unsäglicher Idiotien wie in Köln und Hamburg: Es war eine Saison, die wegen ihrer Fußballromantik in Erinnerung bleibt, nicht wegen dämlicher Chaoten. Eine, die zeigte, dass die Fans ihren Sport nicht kommentarlos den Klubs, der Liga und deren Kommerzdiktat überlassen wollen. Und die bewies, dass Fanproteste nicht eskalieren müssen, sondern cool sein können, kreativ, konsequent, nervig - und genau deshalb wirksam. Beispiel: Der humorlose Stimmungsboykott der Hannover-Ultras, die sich der Euphorie nach dem grandiosen Saisonstart verweigerten, aus konsequentem Protest gegen die 50+1-Pläne von Martin Kind. Beispiel: Die universelle Ablehnung der Montagsspiele in der Rückrunde. Von den Klubs einstimmig abgenickt, von den Fangruppierungen seit der ersten Partie Mitte Februar (Eintracht Frankfurt - RB Leipzig) leidenschaftlich und konsequent kritisiert - chaotisch und konzertiert, lautstark und flüsterleise, effektiv und nachhallend. In Frankfurt, wo dröhnend geschwiegen wurde und Tennisbälle flogen. In Dortmund, wo die Südtribüne diesmal freiwillig leer blieb. In Mainz, wo das Spielfeld mit Toilettenpapier verkleidet wurde.

Klar gab es auch in vorherigen Saisons Proteste, auch gemeinsame Aktionen. Doch der Gemeinschaftssinn der Fangruppierungen, ihr Idealismus scheint wiedererstarkt. Die Fans prägen die Stimmung einer Liga, beeinflussen ihr Image und damit auch den Marktwert. In dieser Saison zeigten sie in vielen Stadien eindrücklich, wie es klingen und aussehen kann, wenn ihnen die Lust aufs Spiel genommen wird, nämlich: leise, leer, langweilig. Darüber sollten die Verantwortlichen in der Sommerpause intensiv nachdenken.

4. Absteiger sind die neuen Aufsteiger

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Dino Hermann tritt den Gang in Liga zwei an.

(Foto: imago/Philipp Szyza)

Dino down, der HSV dankt ab. Und niemand ist überrascht. Der erste Abstieg, er ist verdient, spätestens nach dieser Katastrophensaison. Die wilde Lust auf Langeweile blieb ein frommer Wunsch, was auch dem Dauerchaos in der Führungsebene geschuldet war. Das Team war keine Mannschaft, sondern ein teuer zusammengewürfelter Haufen, der erst spät füreinander kämpfte. Erst, nachdem Christian Titz den Dino als SAT Nr 3 (Saisonabschnittstrainer) von der fußballerischen Intensivstation holte. Die Reanimation kam zu spät für die Rettung, aber früh genug für einen Neustart in Liga 2.

Titz taugt zum Heilsbringer - für den Klub und die Spieler. "Wir haben endlich wieder Fußball gespielt. Er hat eine Spielidee, einen Plan, zeigt uns immer, was er von uns verlangt", lobte Abwehrchef Kyriakos Papadopoulos. "Wir spielen das erste Mal seit vier Jahren Fußball", schwärmte Lewis Holtby. Die sportlichen Altlasten hat der HSV entsorgt, jetzt muss die Chefetage nachziehen. Als erstklassiges Zweitligavorbild drängt sich der VfB Stuttgart auf. Auf dessen Abstieg folgte der sofortige Wiederaufstieg, der noch von der Europa-League-Qualifikation gekrönt werden kann. Eine neue Euphorie lässt den schwäbischen Klub von innen leuchten, er hat sich in der Winterpause vor sich selbst gerettet. Genau das braucht der HSV.

5. Dortmund ist (noch) nicht der neue HSV

Augenhöhe mit dem FC Bayern? Von diesem Anspruch hat sich Borussia Dortmund in der chaotischsten Saison seit einem Jahrzehnt endgültig verabschiedet, und zwar eindrucksvoll. Mithalten kann der BVB mit den Münchnern allenfalls noch in der Kategorie "FC Hollywood", wobei der Rekordmeister durch die Ancelotti-Kovac-Fahrer-Hoeneß-Hannover-Possen aktuell auch hier noch vorn liegt. Aber: Als einziges Team der Liga hat der BVB gleich drei Flops in der Bilanz-BG von n-tv.de untergebracht, und dabei sind die theatralischen Ausfälle der Streik-Profis Ousmane Dembele und Pierre-Emerick Aubameyang nicht einmal berücksichtigt. Als finale Krönung hätte nur noch gefehlt, dass die Borussia am letzten Spieltag noch die Champions League vergeigt, wofür in einem 90-minütigen Spiegelbild der BVB-Achterbahnsaison mit zwei Slapstick-Gegentoren alles getan wurde. Oder, dass der Vertrag mit Peter Stöger sensationell doch verlängert worden wäre, als finaler Witz ohne Pointe. Aber auch wenn die Liga-Planstelle des Traditionsklubs, der aus großen Möglichkeiten ganz wenig macht, nach dem Abgang von Köln und HSV verwaist ist: Der neue HSV ist der BVB (noch) nicht. Die Klubbosse scheinen fähig zu Selbstkritik und offen für Impulse von außen. Dortmund down? Wäre, wäre Fahrradkette.

6. Mehr Trainerwechsel braucht die Liga!

Trainerwechsel im Fußball? Bringen gar nix, also wirklich überhaupt nüscht. Das tönt nicht vom deutschen Fußballstammtisch herüber in die Saisonlehren, das hat die internationale Wissenschaft eruiert. Das Thema scheint zu wichtig, um es Herrn Hinz, Frau Kunz und der Sportredaktion von n-tv.de zur ausgiebigen Diskussion zu überlassen und ist deshalb Gegenstand zahlreicher Studien geworden. Klicken Sie mal hier, aber lesen Sie sich nicht fest. Denn es ist ja so: All diese schönen Studien wurden nach dem unerklärlichen Ausreißer im Vorjahr in dieser seltsamen 55. Bundesliga-Saison gepflegt widerlegt (wenn man den VfL Wolfsburg mit seinen erfolglosen Personalrochaden und Bernd Hollerbach mal dezent unter den Stammtisch fallen lässt).

Und zwar nicht dadurch widerlegt, dass es schon vor Saisonende stolze neun Trainerwechsel gab und drei weitere fest eingetütet waren. Nein, ganz simpel durch nackte Zahlen. Außer Hollerbach und Bruno Labbadia hatten alle Neutrainer einen besseren Punkteschnitt als ihr Verein. Und: Der beste Neucoach der Vorsaison war Dieter Hecking in Gladbach mit 1,61 Punkten pro Spiel - was in diesem Jahr gleich von vier Kollegen übertroffen wurde (siehe Tabelle), selbst von Hamburgs Fast-Retter Christian Titz. Der wurde vom HSV nur dummerweise zu spät verpflichtet, ganz anders als Super-Jupp beim FC Bayern oder der voreilig als "Schwachsinnslösung" verunglimpfte Korkut beim VfB Stuttgart. Deshalb halten wir offiziell fest: Trainerwechsel im Fußball? Können gar nicht früh genug kommen! Und freuen uns hiermit schon einmal auf 27 im neuen Jahr. Mindestens.

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Quelle: n-tv.de

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