Wirtschaft

Euroland versucht zu zaubern Hebeln und alles wird gut

Das derzeitige Zauberwort in der europäischen Krisenbewältigung heißt "Hebelung". Was genau sich hinter dieser Wortschöpfung verbirgt, ist noch unklar. Fest steht nur, dass der Euro-Rettungsfonds damit deutlich über sich hinaus wachsen soll. Voraussichtlich geht es nicht mehr um Milliarden-, sondern um Billionen-Beträge.

So wie es aussieht, ist das Milliardenpaket zur Rettung klammer Euroländer und möglicherweise auch Banken zu eng geschnürt. Die europäische Politik versucht daher unter Hochdruck diesem milliardenschweren Päckchen ein zusätzliches Polster zu verpassen. Das ist nicht einfach, weil es wohl keine Regierung in Euroland mehr gibt, die freiwillig für noch mehr Geld haften und damit Steuergelder in die Rettung anderer Länder reinbuttern will.

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Verliert Euroland seine Bodenhaftung?

(Foto: REUTERS)

Was ist derzeit möglich? Der erweiterte Euro-Rettungsschirm EFSF kann im Kampf gegen die Euro-Schuldenkrise maximal 440 Milliarden Euro verleihen. Das Geld beschafft sich der Fonds dadurch, dass er Anleihen begibt, also selbst Kredite am Kapitalmarkt aufnimmt. Im Prinzip ist das nichts anderes, als die Ausgabe von Eurobonds, die die Bundesregierung offiziell strikt ablehnt.

Für die zu begebenden Anleihen haften die Mitgliedstaaten der europäischen Währungsunion. Mit dem eingesammelten Geld sollen Anleihen kriselnder Staaten aufgekauft oder auch Notkredite ausgegeben werden. Die Idee mag gut sein. Das Dilemma ist, dass die möglicherweise benötigten Finanzhilfen immer noch eine ganz andere Größenordnung erreichen könnten, als sie selbst im erweiterten Rettungsschirm vorweggenommen wurden. Mittlerweile kaum zu glauben, aber wahr: Ursprünglich waren für diese Hilfsmanöver sogar nur 250 Milliarden Euro vorgesehen. Finanzexperten sind sich einig, die Finanzdecke war von Anfang an zu kurz bemessen, um alle im Ernstfall zu versorgen.

Euroland unter Dampf

Die große Unbekannte in der Rechnung ist, wie viele Rettungseinsätze letztlich nötig sein werden, um die europäische Schuldenkrise erfolgreich zu meistern. Die Lage in Italien oder Spanien gibt Anlass zu Sorge. Auch Kapitalhilfen für die europäischen Banken oder weitere Hilfszahlungen an Portugal oder Irland sind keineswegs ausgeschlossen. Auch für den Ernstfall, dass große Volkswirtschaften gerettet werden müssen, soll Vorsorge getroffen sein. Der mühsam ausgetüftelte Rettungsschirm soll schließlich nicht zusammenklappen.

Aber keine Regierung will für mehr als die bislang bewilligten 440 Milliarden Euro gerade stehen. Die Lösung ist, den EFSF "unter den klar definierten Obergrenzen maximal effizient zu nutzen". Was nichts anderes heißt, als dem Rettungschirm mehr Dampf zu verleihen, ohne dass sich das Risiko für die Einzelstaaten erhöht. Aber wie kann Euroland mit dem "Sprit", den es hat, weiter fahren als es eigentlich möglich ist?

Um das zu schaffen, werden sich die Staaten voraussichtlich eines finanztechnischen "Hebels" bedienen, der aus dem, was dem Euro-Rettungsschirm EFSF zur Verfügung steht, in der Tat mehr machen wird. Das Attraktive an diesem "Hebel" – aus Sicht der Regierungen – ist, dass das Haftungsrisiko der einzelnen Staaten hierfür im Normalfall nicht steigt. Das hat den Vorteil hat, dass die Regierungen innenpolitisch nicht vor dem Problem stehen, noch mehr Finanzhilfen durchsetzen zu müssen.

Da sie keine weiteren Risiken übernehmen, riskieren die Staaten auch nicht ihre Ratings. Der Verlust ihrer Kreditwürdigkeit hätte zur Folge, dass sie sich am Kapitalmarkt selbst nur Geld zu höheren Zinsen leihen könnten. Die berühmte Katze würde sich also in den Schwanz beißen. Man würde für verschuldete Partner-Staaten in die Bresche springen und dafür aber selbst vom "Pfad der Tugend " abkommen.

Teilkasko statt Vollkasko

Um den EFSF auf nennenswerte Summen "hoch zu hebeln" muss deutlich mehr Geld von Investoren eingesammelt werden. Dafür müsste der Fonds entsprechend viele Anleihen begeben. Hierfür will man bei ausländischen Geldgebern werben. Auch eine Art Versicherungslösung für Staatsanleihen kriselnder Eurostatten, die in die EFSF-Richtlinien eingebaut werden soll, und die die nötige Überzeugungsarbeit leisten soll, wird diskutiert. Der Trick ist, dass die Investoren ein nicht unerhebliche Risiko selber tragen sollen.

Der EFSF-Hebel soll danach nicht als Vollkaskoversicherung funktionieren, sondern wie eine Teilkaskoversicherung. Statt 100 Prozent wäre nur ein Teil, 20 bis 30 Prozent, der Staatsanleihen durch die Mitgliedstaaten versichert. Immerhin der Totalausfall wäre für die Investoren damit ausgeschlossen.

Diese Lösung soll bei Anlegern und Banken um Vertrauen werben und dafür sorgen, dass Investoren Staatsanleihen in diesem Volumen tatsächlich auch kaufen. Ein weiterer Fall wie der von Griechenland, das sich selbst nicht mehr mit Geld am Kapitalmarkt versorgen kann und Hilfe aus dem Rettungsfonds braucht, soll auch mit dieser "eingeschränkte Haftung" verhindert werden.

Wirkt der Hebel Wunder?

Abgesehen davon, dass niemand einschätzen kann, ob es überhaupt Interessenten für diese Anleihen geben wird, geben Kritiker auch zu bedenken, dass niemand weiß, um wie viel Geld der Fonds "gehebelt" werden muss, damit alle kriselnden Euroländer abgeschirmt werden können, die es möglicherweise noch nötig haben. Die Spekulationen über diese Summe überschlagen sich, so dass selbst ein Hebel auf zwei Billionen Euro nicht mehr ausgeschlossen ist. Bestätigt sind die Summen in dieser Größenordnung allerdings nicht. Bislang handelt es sich um Modellrechnungen.

Skeptische Stimmen geben außerdem zu bedenken, dass die freien Ressourcen des EFSF bereits beträchtlich geschrumpft sind. Das heißt, dass auch ein "Hebeln" der Restsumme nicht mehr so viel bringt, wie man es sich vielleicht erhofft. Hinzu kommt, dass die garantierenden Staaten nicht vor einer Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit gefeit sein werden. Denn der Ankauf von Staatsanleihen soll nach dem deutschen Richtlinienentwurf ausdrücklich auf solche Staaten begrenzt werden, die sich bereits in einem Programm befinden oder vorsorglich einen Kredit erhalten haben. Das Risiko ist also nicht gebannt. Der Leitlinien-Entwurf des Bundesfinanzministerium sieht passenderweise vor, die Details zu den Anleihekäufen nur in begrenztem Maß zu veröffentlichen. Der Ernstfall, eine Staatspleite in Euroland, bleibt bei diesem Konzept völlig außen vor.

Quelle: n-tv.de

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