Stromschläge aus der OberleitungInsider kritisieren die Bahn

Schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn: Trotz mehrerer tödlicher Unfälle soll der Konzern seine Sicherheitsregeln für Arbeiten in der Nähe von Starkstromleitungen nicht verschärft haben - angeblich aus Kostengründen. Die Bahn weist dies zurück.
Wie steht es um die Sicherheit bei Instandhaltungsarbeiten im deutschen Schienenverkehr? Einem Zeitungsbericht zufolge hat es die Deutsche Bahn unterlassen, ihre Vorschriften für Arbeiten entlang von Oberleitungen an die Mahnungen und Warnungen aus der Praxis anzupassen.
Die Bahn wies die Vorwürfe zurück. "Sicherheit ist bei der Deutschen Bahn oberstes Gebot, dem hat sich alles unterzuordnen", erklärte der bundeseigene Konzern. Das Richtlinienwesen der Bahn unterliege ständiger Bewertung und Überprüfung.
Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zuvor berichtet, in den vergangenen Jahren sei es bei Arbeitsunfällen im Umfeld von Oberleitungen zu einer Reihe von tödlichen Vorfällen gekommen. Den Angaben zufolge soll es sich bei den Opfern um Mitarbeiter von Fremdfirmen handeln, die im Auftrag der Bahn Arbeiten in Gleisnähe verrichten sollten. Zu den typischen Aufgaben für externe Dienstleister der Bahn zählen zum Beispiel die Pflege von Böschungen, das Fällen von Bäumen oder Reparaturarbeiten an Bahnhöfen.
Obwohl es dabei mehrfach zu Arbeitsunfällen mit tödlichem Ausgang gekommen sein soll, habe die Deutsche Bahn ihre Sicherheitsvorschriften - "offenbar aus Kostengründen" - jahrelang nicht verschärft, berichtete die Zeitung. Auch seien geltende Sicherheitsstandards aus dem Vorschriftenkatalog der Bahn nicht eingehalten worden. Dabei hätten Mitarbeiter des Konzerns wiederholt vor den Gefahren gewarnt und strengere Regeln gefordert. Das Blatt berief sich auf interne Mails und Bahn-Dokumente.
Sieben Tote in vier Jahren
Allein im Zeitraum von 2008 bis 2012 sollen demnach mindestens sieben Arbeiter von Bahn-Fremdfirmen bei Stromunfällen ums Leben gekommen sein. In etlichen Fällen seien die Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft gewesen. Dies habe auch die Einschätzung von Führungskräften der Bahn ergeben. Dies sei durch interne Bahn-Vermerke belegt, berichtete die Zeitung.
Verschiedene Dokumente zeigen demnach, wie Mitarbeiter der Bahn über Jahre hinweg Sicherheitsprobleme meldeten und dabei zum Beispiel die Einhaltung von Mindestabständen zu Oberleitungen anmahnen. Die Serie an tödlichen Vorfällen soll Bahn-Mitarbeiter sogar dazu bewogen haben, spezielle Vorschriften für externe Kräfte in einer eigenen "Arbeitsanweisung" gebündelt festzuhalten. Damit sollten Unfälle durch unachtsame Annäherung an Starkstromkabel, Oberleitungen und andere stromführende Anlagen verhindert werden.
"Finanzielle Nachteile"
Gegen diese Vorschriften zum Schutz von Mitarbeitern in Fremdfirmen soll es allerdings konzernintern erheblichen Widerstand gegeben haben. So heißt es beispielsweise in einer Mail, aus der die "SZ" zitierte, es seien "finanzielle Nachteile für unser Unternehmen zu erwarten", wenn die Mindestabstände über die gewohnten Schutzabstände hinausgingen. Außerdem kämen durch die geforderte Kontrolle von Fremdarbeitern "Mehrkosten von über zwei Millionen Euro" pro Jahr auf den Konzern zu. Für die "neu zu erstellenden Sicherheitspläne" wiederum müsste eine sechsstellige Summe aufgebracht werden. Dieses Geld sei "in keiner Weise" eingeplant, wie die Zeitung berichtete.
Das speziell zusammengestellte Paket an Hinweisen und Vorschriften zu den besonderen Gefahrenquellen bei der Bahn sei daraufhin nicht wie ursprünglich geplant in Kraft gesetzt worden. Stattdessen hieß es, man müsse die Arbeitsanweisung "unbedingt" einer "unternehmerischen Bewertung" unterziehen. Erst nach dem Tod zweier Arbeiter im Juli 2012 wurde die Vorgabe dann schließlich doch veröffentlicht.
Mahner und Warner einfach versetzt?
Der Vorgang soll nicht ohne personelle Konsequenzen geblieben sein: Ein Beamter, der nach dem Tod der beiden Arbeiter auf die Problematik hinwies, soll von seinen Aufgaben entbunden worden sein. Zuvor hatte er unter anderem den Vorstand der DB Netz AG auf die Gefahren angesprochen. Später hatte er auch Bahnchef Rüdiger Grube darüber informiert.
In einer Stellungnahme zu den Vowrüfen verwies die Deutsche Bahn im Zusammenhang mit dem Vorfall aus dem Juli 2012 auf ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren. Die Staatsanwaltschaft Hannover sei dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass bei der Deutschen Bahn "kein regel- und pflichtwidriges Verhalten festgestellt werden konnte", erklärte der Konzern. Die Generalstaatsanwaltschaft Celle habe die ordnungsgemäße Einstellung des Verfahrens bestätigt.
15.000 Volt
Welche Gefahr grundsätzlich von Oberleitungen ausgeht, kann dabei als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Im Netz der Deutschen Bahn führen die Kabel eine Spannung von 15.000 Volt. Schon bei der Annäherung mit Gerätschaften wie etwa Leitern, Stangen oder anderen stromleitenden Gegenständen kann es zu einem Stromschlag kommen.
Mit Schildern, Sicherheitsregeln und Informationsbroschüren für die Öffentlichkeit versucht die Bahn, auf die Gefahrenquelle hinzuweisen. "Besondere Vorsicht ist bei elektrischen Oberleitungen (...) geboten", heißt es zum Beispiel bei bahn.de zum Thema Unfallprävention. "Berührungen verursachen meist tödliche Verletzungen. Selbst bei einem Abstand von bis zu eineinhalb Metern kann der Strom in einem Lichtbogen überspringen. Es gilt daher, ausreichend Abstand zur Oberleitung zu halten."