Wirtschaft
Nach der 150-Millionen-Entscheidung: Sichtlich erleichtert kommt Frank Asbeck aus der ersten Gläubigerversammlung. Die erste Hürde ist genommen
Nach der 150-Millionen-Entscheidung: Sichtlich erleichtert kommt Frank Asbeck aus der ersten Gläubigerversammlung. Die erste Hürde ist genommen(Foto: dpa)
Montag, 05. August 2013

Schuldenschnitt im Solar-Geschäft: Solarworld bekommt ein "Ja"

Die Aufgabe ist alles andere als einfach: Um Solarworld zu retten, muss Frank Asbeck, Chef und Gründer des Unternehmens, die Gläubiger überzeugen, auf hohe Millionenbeträge zu verzichten. Kurz vor der Hauptversammlung kommt es zu einem ersten richtungsweisenden Votum.

Auf Millionen verzichten: Der Pfeil weist den Gläubigern den Weg zur Entscheidung.
Auf Millionen verzichten: Der Pfeil weist den Gläubigern den Weg zur Entscheidung.(Foto: dpa)

Die entscheidende Phase der Solarworld-Rettung hat begonnen: In einem ersten Schritt haben Anleihegläubiger des schwer verschuldeten Solarmodulherstellers dem Rettungskonzept für das Unternehmen mit großer Mehrheit zugestimmt. In trockenen Tüchern ist die Rettung des einstigen Vorzeigeunternehmens aus dem TecDax damit allerdings noch nicht. Für Dienstag ist eine zweite Abstimmung in einer weiteren Gläubigerrunde angesetzt.

Voller Optimismus ging der Chef des größten deutschen Solarmodulherstellers in den Überlebenskampf seines Unternehmens. Bei der Gläubigerversammlung würden die nötige Teilnahme- und auch die Zustimmungsquote erreicht, hatte Frank Asbeck kurz vor Beginn der Sitzung versichert. "Ich bin 100 Prozent sicher, dass das klappt."

Nun liegt das Ergebnis vor, und Asbeck reagiert mit großer Erleichterung auf die Zustimmung: "Mit 99,9 Prozent Zustimmung haben die Gläubiger gezeigt, dass sie an Solarworld glauben", sagte Asbeck nach dem Ende der ersten von zwei Gläubigerversammlungen in Bonn. Diese breite Zustimmung sowie die rege Teilnahme der Gläubiger seien "auch ein gutes Zeichen für morgen".

Exakt 99,96 Prozent der Anwesenden hätten zu Wochenbeginn mit "Ja" gestimmt, teilte ein Firmensprecher mit. Das Anwesenheitsquorum von 25 Prozent wurde mit gut 35 Prozent deutlich übertroffen. Die Entscheidung dürfte nicht jedem Geldgeber leicht gefallen sein: Das hoch verschuldete Unternehmen plant einen scharfen Schulden- und Kapitalschnitt. Die Investoren sollen dabei auf 55 Prozent ihres Geldes verzichten. Im Gegenzug erhalten sie dafür neue Aktien des Unternehmens - die allerdings mit naturgemäß ungewissen Aussichten verbunden sind.

Zur Abstimmung eingeladen waren zunächst nur die Gläubiger einer 150-Millionen-Euro-Anleihe. Für Dienstag ist die deutlich gewichtigere Abstimmung unter den Gläubigern einer zweiten Anleihe des Unternehmens über 400 Millionen Euro angesetzt. Auch hier versprüht Asbeck im Vorfeld Zuversicht: Er rechnet eigenen Angaben zufolge fest mit der Zustimmung zum Rettungskonzept in der zweiten Gläubigerversammlung und in der abschließenden außerordentlichen Hauptversammlung am Mittwoch.

Noch kann der Plan platzen

Solarworld leidet wie andere deutsche Hersteller der Branche unter der Billigkonkurrenz aus China. Das Unternehmen steht mit über 900 Millionen Euro in der Kreide. Allein 2012 betrug der Verlust knapp 480 Millionen Euro. Jetzt steht es Spitz auf Knopf: Lehnen die Gläubiger nur eine der Umschuldungsaktionen bei den Anleihen ab, wäre der komplette Sanierungsplan vorerst gescheitert. Erforderlich ist dabei jeweils eine Zustimmung von mindestens 75 Prozent, dabei müssen mindestens 25 Prozent des Kapitals bei der Sitzung vertreten sein. Das sind die beiden Quoten, von deren Zustandekommen Asbeck vor Beginn der Versammlung so überzeugt war. Die betroffenen Banken haben dem Rettungsplan bereits zugestimmt.

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Der Knackpunkt: Damit die Sanierung gelingt, müssen die Investoren auf sehr viel Geld verzichten. Erst vor kurzem hatte Solarworld für das erste Halbjahr nach vorläufigen Zahlen wieder massive Umsatzrückgänge und erneut rote Zahlen gemeldet. Zur Rettung des Unternehmens hatte Asbeck zugesagt, auch in seine eigene Tasche greifen zu wollen. Der Solarworld-Gründer steuert aus seinem eigenen Vermögen rund 10 Millionen Euro bei. Zudem will ein Großinvestor aus Katar mit 35 Millionen Euro einsteigen und außerdem ein Darlehen in Höhe von 50 Millionen Euro geben.

Bei zwei früheren Anleihegläubigerversammlungen hatten die Teilnahmequoten mit 18 beziehungsweise 22 Prozent deutlich zu niedrig gelegen. "Bitte nehmen Sie an den Versammlungen teil und Ihre Interessen wahr", hatte Asbeck zuletzt Mitte Juli in einem Brief an Solarworld-Gläubiger appelliert.

"Insolvenz heißt Totalverlust"

Die Zukunft von Solarworld bleibt laut Experten auf alle Fälle schwierig. "Zu schaffen ist nicht nur die Sanierung", sagte Wolfgang Hummel vom Zentrum für Solarmarktforschung bei n-tv. Hinsichtlich der Zustimmung der Gläubiger zeigte sich der Solarexperte zuversichtlich. "Es geht im wahrsten Sinne um alles oder nichts. Oder vielleicht sollte man in dem konkreten Falle sagen: um den Verzicht auf viel und - mit der Erwartung im Zweifel einer Insolvenz - alles zu verlieren. Vor diesem Hintergrund glauben wir, dass die Gläubiger dem gegenwärtigen Sanierungskonzept, wenn möglichweise auch mit Variationen, zustimmen werden."

Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) sieht die Rettungsversuche allemal für lohnend an. "Das ist immer besser als eine Insolvenz, die für die Aktionäre meist Totalverlust heißt", sagte ein Sprecher. Solarworld beschäftigt mit Produktionsstandorten in Freiberg/Sachsen und Hillsboro im US-Bundesstaat Oregon sowie der Zentrale in Bonn insgesamt rund 2600 Menschen.

Leicht wird das angestrebte Comeback von Solarworld allerdings auch nach einer erfolgreichen Rettung nicht. "Wir sind hier im internationalen Wettbewerb", meinte Solarexperte Hummel bei n-tv. Bislang habe die Branche insbesondere die chinesische Konkurrenz unterschätzt. "Man hat geglaubt, hier ein Ingenieur-Produkt zu haben und musste feststellen: Das Ingenieur-Produkt war am Ende ein Massenprodukt, ähnlich wie CD-Roms, ähnlich wie USB-Sticks", beschrieb der Fachmann das Grundproblem der Branche. "Und mit einem Massenprodukt in Deutschland, bei den hohen Herstellungs- und Fertigungskosten, ist schwer zu konkurrieren. Das gilt nicht nur für den Solarbereich."

"Raus aus dem Massengeschäft"

Doch auch auf dem heimischen Markt weht den Solarunternehmen ein kalter Wind entgegen. In Deutschland werden die Vergütungssätze für Photovoltaik-Anlagen wegen des zwar abgeschwächten, aber immer noch starken Zubaus weiter verringert. Vom 1. August bis zum 31. Oktober 2013 sinken sie nach Angaben der Bundesnetzagentur jeweils zum Monatsersten um 1,8 Prozent. Erstmals werde die Vergütung im Oktober 2013 für große Photovoltaik-Dachanlagen von 1 bis 10 Megawatt und für Freiflächenanlagen bis 10 MW unter 10 Cent pro Kilowattstunden fallen.

Chancen sieht das Zentrum für Solarmarktbranche vor allem in der Spezialisierung. "Es wird nicht mehr allzu viele Spieler geben", prophezeite Solarexperte Hummel. "Wir müssen raus aus dem Massengeschäft." Deutschland müsse komplexe Systeme herstellen, forderte er bei n-tv. "Solar" habe nur dann eine Chance, wenn "wir es kombinieren mit intelligenter Steuerung, mit Software, mit Speicher, um am Ende kein solares, sondern ein Energiemanagementsystem anbieten zu können, das komplex ist, das aber auch die Möglichkeit bietet, wieder Geld zu verlangen, Geld zu verdienen, weil Massenhersteller dazu nicht in der Lage sind."

Quelle: n-tv.de