Wirtschaft

Lockerung hilft Handel kaum Viele Läden bleiben leer

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Kaum Kunden in den deutschen Innenstädten.

(Foto: imago images/Robert Poorten)

Viele Einzelhändler schließen zum ersten Mal nach vier Wochen ihre Geschäfte wieder auf. Doch eine Rückkehr zur Normalität ist noch nicht in Sicht. Die Branche klagt über "willkürliche" Regeln und fordert ein umfassendes Hilfspaket.

An Motivation fehlt es den Händlern jedenfalls nicht nach vier Wochen Zwangspause. "Wir sind voller Power und wollen jetzt richtig in die Saison starten", sagt Markus Henkenjohann, der in der Kölner Innenstadt das Geschäft "Funktion Schnitt" für nachhaltige Mode leitet. Von einer Rückkehr zum Normalbetrieb kann jedoch an diesem Morgen, an dem in den meisten Bundesländern kleine und mittelgroße Einzelhandelsläden wieder öffnen dürfen, keine Rede sein. In Vorbereitung auf den Neustart in Corona-Zeiten hat sich im Laden von Henkenjohann einiges geändert. Um Hygiene und Mindestabstände zu gewährleisten, wurden unter anderem zwei der vier Umkleidekabinen gesperrt. Vor der Kasse markieren rot-weiße Klebebänder, wo die Kunden warten dürfen. Die Mitarbeiter tragen wie auch in anderen Geschäften in der Umgebung Mundschutz, für die Kunden halten sie Handdesinfektionsmittel bereit.

Hoffnungen, dass sich die Branche nach vier Wochen mit Umsatzverlusten von teilweise 100 Prozent nun schnell erholen wird, sind allerdings verfrüht. Nur vereinzelt sind an diesem Vormittag Kunden in der Kölner Innenstadt unterwegs, ebenso wie in anderen Städten und in Einkaufszentren. "Da wird es noch mehr brauchen, um die Verluste der vergangenen Wochen auszugleichen", sagt Thomas Roeb. Der Wirtschaftswissenschaftler und Einzelhandelsexperte von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg glaubt, dass sich auch in den kommenden Wochen noch mehr Verluste - wenn auch in geringerem Umfang - bei den Einzelhändler anhäufen werden.

Denn die Kundenfrequenz dürfte weiter gering bleiben. In der Krise beobachte er eine "gewisse Konsummüdigkeit", so Roeb, und vor allem eine "Angst vor der Zukunft", die viele Menschen davon abhalte, alle in den letzten Wochen unterbliebenen Einkäufe einfach nachzuholen. Zudem verhindern auch die Abstandsregeln und andere Maßnahmen, dass es Gedränge in den Geschäften gibt, selbst wenn die Kunden doch in Scharen kommen wollten. Mit einer Erholung der Umsätze auf Vor-Corona-Niveau rechnen Branchenvertreter bis zum Ende dieses Jahres nicht.

Immobilienverband schlägt Beratergremium vor

Für Unverständnis bei Branchenvertretern sorgen die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Maßnahmen. In Bayern, Berlin, Thüringen und Brandenburg dürfen Geschäfte überhaupt noch nicht öffnen. Das lasse viele Regeln willkürlich erscheinen, sagt Andreas Mattner, Geschäftsführer des Einkaufszentrumsbetreibers ECE und Präsident des Branchenverbands Zentraler Immobilien Ausschuss (Zia). "Sind denn Bayern, Hessen und Sachsen dicker als andere Bundesbürger, dass sie 20 Quadratmeter Mindestfläche pro Person im Laden benötigen, während in anderen Bundesländern nur zehn Quadratmeter vorgeschrieben sind?", fragt Mattner ironisch.

Im Zentrum der Kritik steht die in den meisten Bundesländern geltende Grenze von 800 Quadratmeter Verkaufsfläche. Größere Geschäfte müssen geschlossen bleiben. Kfz- und Fahrradhändler sowie Buchhandlungen dürfen ungeachtet ihrer Größe öffnen. Ohne die großen Kundenmagneten wie Kaufhäuser, Elektronikmärkte und Bekleidungsketten werden weiterhin kaum Menschen in die Innenstädte und Shoppingcenter zurückkehren, worunter auch die kleinen Läden leiden. "Dabei haben die Lebensmittelhändler und auch die Baumärkte in den vergangenen Wochen gezeigt, dass sie in der Lage sind, auch auf großen Flächen Hygieneregeln und Mindestabstände durchzusetzen", sagt Iris Schöberl, die Vorsitzende des Zia-Ausschusses Handel. Es habe keine bekannten Ansteckungsfälle in diesen Märkten in den vergangenen Wochen gegeben.

Mattner und Schöberl beklagen, dass die aktuellen Regelungen die Erfahrungen und Möglichkeiten des Handels, etwa mittels moderner Technik die Kundenfrequenz zu messen und zu steuern, nicht berücksichtigten. Zudem fordern sie ein umfangreiches Rettungs- und Förderpaket für den Einzelhandel. Um die 1,2 Millionen Jobs der Branche und nicht zuletzt auch die rund 120 Milliarden Euro Mietzahlungen an die Immobilienbetreiber zu schützen, sollten etwa die Mehrwertsteuer und die Gewerbesteuer bis Ende des Jahres gesenkt werden. Vor allem aber fordert der Zia, dass Vertreter von Händlern und ihrer Vermieter künftig in einer Expertenkommission ähnlich wie bislang Virologen und Ökonomen von der Bundesregierung angehört werden, bevor über neue Corona-Regeln entschieden wird.

Quelle: ntv.de