Wirtschaft

Im Würgegriff der Corona-Krise Warum die Autoindustrie überleben wird

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Volkswagen hat die Produktion in Deutschland bis zum 9. April gestoppt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Einen derartig verheerenden Einbruch wie derzeit, quer durch die gesamte Wirtschaft, hat die Welt noch nie zuvor gesehen. Autohersteller gehören zu denen, die es am härtesten trifft. Ist diese fundamentale Krise das Ende? Eine Standortbestimmung auf ökonomischem Neuland.

Die Corona-Krise hat die Autoindustrie im Würgegriff. Nicht nur in Deutschland und den Hauptproduktionsländern China, USA und Japan, sondern rund um den Globus. Eine Krise dieses Ausmaßes gab es noch nie, weder in der Autoindustrie noch in der modernen Wirtschaftsgeschichte. So etwas hat die Welt einfach noch nicht gesehen, nicht nach der Ölkrise 1973/74, nicht nach der Kuwait-Krise 1991, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder in der schweren Finanz- und Weltwirtschaftskrise 2008/2009.

Erstmals erwischt es auch nicht nur die Hersteller im Massenmarkt - von Ford über Mitsubishi bis Volkswagen, um nur ein paar wenige aufzuzählen -, sondern auch die Nobelhersteller Audi, BMW und Daimler. Hinzu kommen sämtliche Zulieferer und Automobil-Dienstleister, groß wie klein, bis hin zum letzten Ein-Produkt-Anbieter ganz am Ende der Wertschöpfungskette. Und nicht zu vergessen, die Lebensmittel- und Getränke-Lieferanten für Kantinen und Brotzeit-Oasen. Alle sind gleichermaßen von dieser Krise betroffen, alle mussten ihre Arbeit einstellen. Am schlimmsten trifft es dabei die kleinen finanzschwachen Zulieferer mit ihnen Zigtausenden Beschäftigten. Sie kämpfen nun um ihre Existenz.

Weltwirtschaftskrisen gab es bereits zwei, aber keine Einbrüche quer durch die gesamte Wirtschaft, wie wir es derzeit sehen. Die Automobilindustrie, die Schlüsselbranche in jeder Volkswirtschaft steht an vorderster Verlustfront. Versuchte man Werkschließungen in den ersten Wochen 2020 vereinzelt noch mit konjunkturellen Absatzproblemen zu erklären, so ist der nachfolgende Zusammenbruch der automobilen Wertschöpfung auf breiter Front ausschließlich der Corona-Pandemie und den staatlich verordneten Lockdown-Maßnahmen zuzurechnen. Für den Ablauf gibt es kein Drehbuch und keine Blaupause.

Ökonomisches Neuland

Kann die Autobranche diese fundamentale Krise überleben? Seriöse Prognosen über die wirtschaftlichen Corona-Verluste der Autoindustrie abzugeben, ist unmöglich. Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens ist nicht bekannt, wie lange die Rezession anhält und wann die Krise ihren Tiefpunkt erreicht hat, von dem es dann endlich wieder erkennbar aufwärtsgeht. Zweitens verlaufen makroökonomische Prozesse und Entwicklungen dynamisch, mit nicht kalkulierbaren Selbstverstärkungseffekten - nach oben wie nach unten. Und drittens ist schwer abzuschätzen, wie stark und wie schnell die weltweit gestarteten massiven fiskalischen und monetären Stützungsprogramme wirken. Das gilt auch für Deutschland.

All das ist ökonomisches Neuland. Prognostiker stochern im Nebel, denn es gibt keine Rückgriffsmöglichkeiten auf frühere Krisen. Belastbare Fakten gibt es nur diese - und diese lassen nichts Gutes erahnen: In Europa hängen rund elf Millionen, in Deutschland rund zwei Millionen von 44 Millionen Beschäftigten direkt und indirekt von der Autobranche ab. Das macht 4,4 Prozent im Bundesdurchschnitt. In Bayern und Baden-Württemberg sind es sogar über 5 Prozent - ohne Dienstleistungen jedweder Art rund ums Automobil gerechnet.

Schätzungen über die BIP-Wachstumsverluste durch die abrupte Produktionsunterbrechung in der gesamten automobilen Wertschöpfungskette gehen weit auseinander. Je nachdem, wie umfassend man die Branchenwertschöpfung und die Dauer des Produktionsausfalls ansetzt. Bei einem Anteil der durch die Autoindustrie angestoßenen Wertschöpfung am deutschen Bruttoinlandsprodukt von etwa zehn Prozent hätte bereits ein vierwöchiger Stillstand einen BIP-Verlust von rund 30 Milliarden Euro beziehungsweise minus ein Prozentpunkt Wirtschaftswachstum zur Folge. Schätzungen von einem Corona-Wachstumseinbruch in Deutschland von sieben bis zehn Prozent 2020 gegenüber dem Vorjahr sind also durchaus realistisch. Für die deutschen Hersteller hat Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität St. Gallen tägliche Umsatzverluste von 360 Millionen Euro errechnet.

Global gesehen ist davon auszugehen, das 2020 etwa 25 Millionen Autos weniger gebaut werden als 2019 - das entspricht einem Einbruch von fast einem Drittel. In Deutschland dürfte die Pkw-Produktion, die 2019 Export-bedingt bereits um 9 Prozent auf 4,7 Millionen geschrumpft war, nochmals um rund eine Million abnehmen, diesmal aber einmalig als Folge der Corona-Sonderfaktoren.

Die Corona-Krise währt nicht ewig

Trotz aller statistischer Negativ-Prognosen gibt es aber auch gute Gründe, auf ein Überleben der deutschen Autoindustrie und sogar ein Wiederauferstehen zu alter Größe zu hoffen. Die Hersteller werden Federn lassen, sie werden abrücken müssen von allem, was ihnen betriebswirtschaftlich lieb und teuer war: hohe Gewinnmargen, jährlich wachsende Umsätze und Erträge, Luxus-Investitionen und Kosten für Roboterautos, Elektromobilität, Kongresse und Geschäftsreisen, Formel-1-Zirkus und Sport-Sponsoring werden der Vergangenheit angehören. Aber die Hersteller werden überleben.

Die Corona-Krise befördert etwas Spannendes ans Tageslicht: Wirtschaft und Wirtschaften kann auch ohne aufwendige Verwaltungsprozesse, Büropaläste und Entwicklungszentren, ohne Verkaufstempel in Top-City-Lagen stattfinden, online und vom Homeoffice aus funktionieren. Das gilt im Allgemeinen, aber auch im Speziellen. Für manche deutsche Hersteller zum Beispiel, die in den vergangenen Jahren auf vielen Hochzeiten unterwegs waren, mitunter dabei aber die Bedürfnisse der Kunden aus den Augen verloren haben.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Der Dichter Friedrich Hölderlin schrieb einst: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Das trifft auch hier zu. Es gibt vier Gründe, die dafür sprechen, dass die Autoindustrie die Corona-Krise überleben wird:

1. Der globalen Politik wird es gelingen, den Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu verhindern, Einkommen und Beschäftigung zu stabilisieren und in einen neuen Aufschwung zu überführen. Kaufkraft und Masseneinkommen, an denen die Autoindustrie hängt, bleiben der Branche erhalten, und damit ihr Geschäftsmodell.

2. Das Bedürfnis nach Mobilität wird der Menschheit auch nach Corona erhalten bleiben, wenngleich in den Industriestaaten auf niedrigerem Niveau als vorher. Global wird das bisherige Produktionsniveau von über 90 Millionen Autos bis 2022 wieder erreicht.

3. Die Corona-Krise wird das Risiko- und Kosten-Bewusstsein in der gesamten automobilen Wertschöpfungskette in ungeahnter und bisher unbekannter Weise erhöhen. Not macht erfinderisch, Corona die Unternehmen innerlich stärker, und setzt verborgene technologische Kreativitäts- und Effizienz-Potenziale frei.

4. Und zu guter Letzt wird die Krise den Konzentrations- und Ausleseprozess in der Branche weiter anheizen. Schwache Unternehmen scheiden aus, die übrigen gehen gestärkt aus der Krise hervor. Und bleiben begehrte Objekte ausländischer Übernahmeversuche.

Quelle: ntv.de