Wirtschaft

Anklage gegen Tengelmann-ChefWendung im Fall des verschwundenen Managers Haub

19.05.2026, 15:33 Uhr
imageVon Liv von Boetticher
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Christian Haub. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Staatsanwaltschaft Köln erhebt Anklage gegen Tengelmann-Chef Christian Haub. Im Kern steht der Vorwurf, er habe im Verschollenheitsverfahren um seinen Bruder Karl-Erivan Haub entscheidende Informationen verschwiegen - und damit den Weg für einen Milliarden-Deal geebnet, der ihm die Mehrheitsanteile am Tengelmann-Konzern gesichert hat.

Am Anfang des Krimis steht ein nüchterner Vorgang: Am 10. Mai 2021 geht beim zuständigen Sachbearbeiter am Amtsgericht Köln eine eidesstattliche Versicherung ein, ergänzt durch einen dreiseitigen Begleittext. Auf nur einer Seite wird darin ein zentraler Satz festgehalten: Christian Haub lägen "keine belastbaren Hinweise, geschweige denn Beweise dafür vor, dass mein Bruder Charlie noch leben könnte." Es ist jener Satz, der heute im Zentrum eines der brisantesten Wirtschafts- und Familienfälle Deutschlands steht. Denn genau diese Erklärung bildete eine Grundlage dafür, dass Karl-Erivan Haub, der 2018 in den Schweizer Alpen verschwand, 2021 offiziell für tot erklärt wurde.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft waren jedoch - neben einer Vielzahl interner Dokumente - die sogenannten "Moskau-Fotos", die Karl-Erivan Haub im Jahr 2021 lebend in der russischen Hauptstadt zeigen sollen, Christian Haub vor Abgabe der Erklärung bekannt. Das wurde von ihm jedoch weder vor Gericht noch der Familie des Verschollenen offengelegt. Und genau hier liegt die Brisanz: Die Todeserklärung war Voraussetzung für weitreichende wirtschaftliche Entscheidungen innerhalb des Tengelmann-Konzerns. Ohne sie wäre eine Neuordnung der milliardenschweren Firmenanteile kaum möglich gewesen.

Damit steht ein schwerer Verdacht im Raum: Wurden entscheidende Informationen von Christian Haub den Behörden gegenüber zurückgehalten, um wirtschaftliche Interessen nicht zu gefährden?

Nicht die Echtheit, das Verschweigen zählt

Ob die Fotos aus Moskau tatsächlich Karl-Erivan Haub zeigen, ist unklar. Laut einem LKA-Gutachten konnten die Ermittler dies weder bestätigen noch ausschließen. Gleichzeitig kamen von Tengelmann beauftragte Gutachter zum Ergebnis, dass es sich bei der auf den Fotos gezeigten Person zu "99 Prozent" um den Verschollenen handelt. Doch um diese Frage geht es der Anklage nicht: Im Fokus steht vielmehr die Frage, warum Hinweise auf ein mögliches Weiterleben weder gegenüber dem Amtsgericht Köln noch gegenüber den engsten Angehörigen eine Rolle spielten - obwohl sie für die Entscheidung erheblich hätten sein können.

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Dass der Fall nun vor Gericht landen könnte, geht maßgeblich auf investigative Recherchen von Journalisten von RTL/ntv/Stern zurück. Über Jahre wurden Hinweise zusammengetragen, wonach Informationen über den Verbleib des Unternehmers im Umfeld der Familie bekannt gewesen seien. Mit der Anklage folgt die Staatsanwaltschaft nun zentral dieser Spur.

Christian Haubs Rechtsanwalt Mark Binz geht scharf gegen die Ermittler vor. Er wirft dem zuständigen Oberstaatsanwalt Tim Engel vor, entlastende Umstände nicht berücksichtigt zu haben und äußert "ganz erhebliche Zweifel an der gebotenen Neutralität". Die Anklageerhebung selbst bezeichnet er als "Skandal". Wörtlich erklärte Binz laut "WAZ", der Staatsanwalt habe "noch schnell Anklage erhoben" - "aus Trotz?". Bereits zuvor hatte Binz gefordert, das Verfahren einzustellen. Zugleich hat der Anwalt eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht und will den zuständigen Oberstaatsanwalt aus dem Verfahren drängen. Warum genau, bleibt bislang unklar. Eine Presseanfrage von ntv ließen Christian Haub und sein Anwalt unbeantwortet.

Quelle: ntv.de

Tengelmann