Wirtschaft

Erholung schneller als erwartet Wirtschaftsforscher jubeln

Deutschlands Wirtschaft feiert ein verspätetes Sommermärchen. Und die Jubelstimmung bleibt - zumindest noch bis 2011. Das sagen die Wirtschaftsforscher des RWI und des IWH voraus und erhöhen ihre Prognosen für das BIP-Wachstum des laufenden und des kommenden Jahres. Für sie ist die Krise vorbei.

In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass das deutsche Sommermärchen 2006 nicht nur im Vorfeld der EM eine Neuauflage in den Nachbarländern erlebt.

Deutschland jubelt: Der Aufschwung ist da - und er bleibt auch 2011.

Endlich - fast geschafft: Nach Ansicht des IWH-Instituts wird die deutsche Wirtschaft die Krise bis Ende nächsten Jahres vollständig verdaut haben. Sie werde in diesem Jahr um 3,5 und 2011 um 2,0 Prozent wachsen, sagte das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) voraus. "Die deutsche Konjunktur erholt sich schneller von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise als weithin erwartet", sagte IWH-Konjunkturchef Oliver Holtemöller. "Bereits Ende des kommenden Jahres wird das Bruttoinlandsprodukt in etwa wieder zu dem Niveau von vor der Krise aufgeschlossen haben." 2009 war die Wirtschaftsleistung um 4,7 Prozent eingebrochen. Während sich bislang vor allem Exporte und Investitionen erholten, dürfte 2011 auch der private Konsum spürbar zum Wachstum beitragen.

Das IWH rechnet wegen des Aufschwungs mit einer sinkenden Arbeitslosigkeit und einer niedrigeren Neuverschuldung. Die Zahl der Erwerbslosen werde in diesem Jahr um rund 200.000 und 2011 sogar um rund 350.000 auf dann 2,87 Millionen sinken. Wegen der guten Konjunktur und sprudelnder Steuereinnahmen erwartet das IWH, dass der deutsche Staat schon 2011 und damit ein Jahr früher als geplant die EU-Defizitgrenze von drei Prozent einhalten kann. "Vorausgesetzt, dass die Bundesregierung die beschlossenen Konsolidierungsmaßnahmen auch tatsächlich umsetzt", sagte Holtemöller.

2010 werde die Hürde mit 3,6 Prozent noch verfehlt, 2011 aber mit 2,5 Prozent deutlich unterschritten. Die Bundesregierung strebt erst für 2012 die Einhaltung der Defizitgrenze an.

RWI hebt Prognosen an

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat seine Prognose für das deutsche Wachstum in diesem Jahr deutlich und im nächsten leicht angehoben. Das RWI prognostizierte einen Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,4 Prozent für 2010 und um 2,2 Prozent für 2011, nach bisherigen Prognosen von plus 1,9 Prozent und plus 1,7 Prozent.

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Im nächsten Jahr dürfte die Inlandsnachfrage nach der Erwartung des RWI "moderat, allerdings stetig" ausgeweitet werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

"In der gegenüber dem Juni 2010 um 1,5 Prozentpunkte erhöhten Prognose spiegelt sich vor allem das unerwartet kräftige Wachstum im zweiten Quartal wider", erklärten die Essener Ökonomen. In der Grundtendenz bleibe die Expansion aber moderat. Das Institut rechnete mit sinkenden Arbeitslosenquoten und einer vorübergehend stärker ansteigenden Staatsverschuldung.

Unsicherheit noch "relativ hoch“

"Die deutsche Konjunktur befindet sich in einem Aufschwung, allerdings haben bisher weder Produktion noch Auftragseingänge das vor der Finanzkrise beobachtete Niveau erreicht", betonten die Wirtschaftswissenschaftler. Die Lage sei bei weitem nicht so günstig, wie dies die jüngst überraschend starke Zunahme des BIP vermuten lasse. In den Sommermonaten habe die Industrieproduktion nahezu stagniert.

Das RWI betonte, die Unsicherheit insbesondere an den Finanzmärkten sei noch relativ hoch. "Es ist daher nicht auszuschließen, dass es dort zu erneuten Schocks kommt", erklärten die Wirtschaftsforscher. Solche Anspannungen könnten beispielsweise dann entstehen, wenn Zweifel darüber aufkämen, dass der Großteil der Banken die neu beschlossenen Baseler Eigenkapitalanforderungen ("Basel III") fristgerecht erfüllen könne.

"Moderat, aber stetig“

Im nächsten Jahr dürfte die Inlandsnachfrage nach der Erwartung des RWI "moderat, allerdings stetig" ausgeweitet werden. Bei allmählich steigender Kapazitätsauslastung und anhaltend niedrigen Zinsen sei mit weiter zunehmenden Ausrüstungsinvestitionen zu rechnen. Auch die Konsumnachfrage dürfte leicht zum Wachstum beitragen. Der private Konsum dürfte 2011 um 0,7 Prozent steigen, nach einem Rückgang um 0,1 Prozent in diesem Jahr.

Die Baukonjunktur hingegen werde wohl durch das auslaufende Investitionsprogramm und die schlechte Finanzlage der Kommunen gedämpft werden. Von der Außenwirtschaft werde ein geringerer Wachstumsbeitrag erwartet. Die Exporte werden nach den Berechnungen des RWI 2010 um 14,9 Prozent und 2011 um 6,8 Prozent steigen, die Importe dieses Jahr um 12,7 Prozent und nächstes um 4,7 Prozent.

Knapp drei Millionen ohne Job

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt werde sich dabei voraussichtlich weiter verbessern. Das RWI erwartete einen Rückgang der Zahl der Arbeitslosen auf 3,250 Millionen im Jahr 2010 und 3,055 Millionen im Schnitt des kommenden Jahres. Der Beschäftigungsanstieg dürfte sich fortsetzen, wenn auch langsamer. Gleichzeitig sei zu erwarten, dass die Kurzarbeit bis Ende 2011 unter das Niveau vor der Rezession sinkt. Da zudem das Arbeitsangebot aus demographischen Gründen rückläufig bleiben werde, sei mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote auf jahresdurchschnittlich 7,7 Prozent in diesem und 7,3 Prozent im nächsten Jahr zu rechnen.

Defizitquote steigt

Die staatliche Defizitquote wird 2010 nach den Berechnungen der Essener Ökonomen aufgrund der expansiven Ausrichtung der Finanzpolitik wohl von 3,0 Prozent auf 3,9 Prozent in Relation zum BIP steigen. "Die Lage der Staatsfinanzen würde sich damit zwar weiter verschlechtern, infolge der insgesamt günstigeren Konjunktur aber deutlich weniger als bislang angenommen", betonte das RWI. Im kommenden Jahr sei wegen des angekündigten Einschwenkens auf einen Konsolidierungskurs mit einem Rückgang der Defizitquote auf 3,0% zu rechnen.

Die Teuerung dürfte laut RWI moderat bleiben. Zwar dürften die erhöhten Rohstoff- und Energiepreise nach und nach an die Verbraucher weitergegeben werden. Bei noch schwach ausgelasteten Kapazitäten blieben die Überwälzungsspielräume in vielen Bereichen aber gering. Das RWI erwartet daher "eine nur moderate Erhöhung der Inflation" auf 1,1 Prozent in diesem und 1,5 Prozent im kommenden Jahr.

Dass Deutschland die Rezession aus heutiger Perspektive glimpflicher überstanden habe als viele andere Länder, sei auch den Weichenstellungen der Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre zu verdanken. Die Reformen des Arbeitsmarktes dürften wesentlich zu der robusten Beschäftigung beigetragen haben. Auch seien die öffentlichen Haushalte vor der Rezession in einer relativ guten Verfassung gewesen, so dass die Fehlbeträge aufgrund des Konjunktureinbruchs vergleichsweise wenig zugenommen und nicht das alarmierende Niveau anderer Länder erreicht hätten.

Auch die Weltwirtschaft habe die Finanzkrise trotz expandierender Produktion noch nicht überwunden. Die weltwirtschaftliche Produktion dürfte nach der Erwartung des Institutes dieses Jahr um 3,3 Prozent und nächstes um 2,6 Prozent steigen. "Die Finanzmärkte sind weiterhin sehr volatil, die Erholung hat sowohl in den Industrie- als auch in den Schwellenländern wieder nachgelassen", so das RWI.

Quelle: ntv.de, rts/DJ