Der Börsen-Tag"Die Börse ist zu einem Tollhaus geworden"
Das Hin und Her in der US-Zollpolitik wird Anlegern nach Einschätzung von Experten auch in der neuen Woche das Leben schwer machen. "Die Börse ist zu einem Tollhaus geworden und der Alleinunterhalter Donald Trump bestimmt, wo es langgeht", sagt Anlagestratege Jürgen Molnar vom Brokerhaus RoboMarkets. "Anleger sind weiterhin gut beraten, Ruhe zu bewahren und die Nerven zu behalten."
In einem überraschenden Schritt hatte US-Präsident Trump am vergangenen Mittwoch die erst kürzlich verhängten Zölle auf Einfuhren größtenteils ausgesetzt. Daher verzichtet die Europäische Union (EU) vorerst auf die geplanten Gegenzölle. "Die 90-tägige Pause gibt allen Zeit für Verhandlungen oder schlimmstenfalls zur Umorganisation der Geschäfte, um die drohenden Folgen der erhöhten Abgaben abzumildern", erläutert Analystin Ipek Ozkardeskaya von der Swissquote Bank.
Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst des Online-Brokers CMC Markets, warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen an mögliche Verhandlungen zur Beilegung des Zollstreits. "Es ist kaum vorstellbar, dass die Staaten zu willfährigen Erfüllungsgehilfen der Wünsche des amerikanischen Präsidenten werden." Zudem seien dessen Ziele bislang unklar. Sorgen bereitet Börsianern zudem, dass sich die USA und China mit immer neuen Zöllen und Gegenzöllen belegen. Dieser Handelskrieg habe das Potenzial, die Weltwirtschaft in eine Rezession zu stürzen, warnt ein Händler. Die Erleichterung der Dax-Anleger über die ausgesetzten übrigen US-Zölle währte daher nur kurz. Unter dem Strich büßte der deutsche Leitindex in der alten Woche etwa 1,5 Prozent ein.
Der Pessimismus der Anleger spiegelt sich unter anderem in den Erwartungen für die Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Gründonnerstag wider: Wegen der drohenden Abkühlung der heimischen Konjunktur gilt eine Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt als sicher. Einige Experten gehen davon aus, dass die Währungshüter im Herbst noch einmal nachlegen werden.
Auf der Unternehmensseite richtet sich die Aufmerksamkeit der Anleger zum Start der Bilanzsaison auf die Ausblicke und mögliche Prognose-Senkungen der Unternehmen. Aus dem Dax legen unter anderem der Konsumgüter-Hersteller Beiersdorf sowie der Labor- und Pharma-Zulieferer Sartorius Zahlen vor. Im Ausland öffnen unter anderem die Banken Goldman Sachs und Citigroup, der Telekom-Ausrüster Ericsson, die Brauerei Heineken und der Streaming-Anbieter Netflix ihre Bücher. Die komplette Terminübersicht für diese Woche finden Sie hier.