Der Börsen-TagIm Würgegriff des Iran-Kriegs
Der Krieg im Nahen Osten wird Börsianern zufolge auch in dieser Woche die Richtung am deutschen Aktienmarkt vorgeben. Anleger stellen sich die bange Frage, wie stark die Energiepreise noch steigen und wie sehr die Weltwirtschaft davon betroffen sein wird. Zuletzt eskalierte die Lage mit der Beschädigung von Energieinfrastruktur sowohl im Iran als auch in Katar und Kuwait. Auch die für den Ölhandel relevante Meerenge von Hormus ist für Schiffe weiterhin unpassierbar. "Das Risiko einer Energiekrise - ähnlich wie nach der Ukraine-Invasion im Jahr 2022 - ist damit gewachsen", sagen die Strategen der LBBW. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnte sogar vor der möglicherweise schwersten Energiekrise der Geschichte. Es könne bis zu sechs Monate dauern, die Öl- und Gasflüsse aus der Golfregion wiederherzustellen. Rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gasversorgung sei in der Region blockiert. Politiker und Märkte unterschätzten das Ausmaß der Störung, erklärte Birol.
Händler müssen ein höheres Risiko einer anhaltenden Unterbrechung der Ölversorgung aus dem Persischen Golf einkalkulieren. Seit Beginn des Krieges vor knapp drei Wochen ist der Preis für das Nordsee-Öl Brent wegen der Furcht vor langfristigen Versorgungsengpässen um gut 64 Prozent in die Höhe geschnellt. Je teurer das Öl, desto tiefer fielen in den vergangenen Tagen die Aktienkurse. Der Dax gab allein am Freitag 2,0 Prozent ab und schloss mit 22.380 Punkten sehr deutlich unter der 23.000er-Marke.
Der Dax-Ausverkauf hielt sich nach Einschätzung der Helaba dennoch in Grenzen, denn die Kursrückgänge hätten zwischenzeitlich auch wieder Käufer angelockt. "Offensichtlich gibt es noch Investoren, die dieses Niveau eher als Kaufopportunität bewerten", sagt Helaba-Strategin Claudia Windt. Die Stimmung der Anleger sei eher sorglos als panisch, heißt es auch bei der LBBW. Für die Aktienstrategen der DZ Bank würde ein dauerhaft hoher Ölpreis die Rahmenbedingungen für die Aktienmärkte weltweit zwar merklich eintrüben. Es bestehe aber die Chance, dass der Konflikt auf absehbare Zeit schon wieder vergessen sei. Bislang überwiege weiterhin die Perspektive, dass weder die USA noch der Iran ein Interesse daran haben dürften, wenn die Öl- und Gasproduktion militärisch stärker ins Visier genommen würde.
Die LBBW-Experten warnen indes vor der Annahme, dass der Spuk an den Finanzmärkten schnell wieder vorbei sein könnte. Historische Vergleiche zeigten, dass Börsenkorrekturen bei Terror- und Kriegsereignissen zumeist einige Monate andauern, ehe eine Erholung einsetzt. "Die Volatilität dürfte hoch bleiben, eine defensive Positionierung ist weiterhin angebracht."
Das Augenmerk der Investoren liegt auf der Konjunkturentwicklung: In dieser Berichtswoche stehen morgen die deutschen Einkaufsmanagerindizes und am Mittwoch das iFO-Geschäftsklima auf dem Programm. Der heutige Wochenstart geht terminlich ruhig vonstatten.
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