Der Börsen-TagWie lange hält die EZB still? Stimmen zum Zinsentscheid
Hier Stimmen zum EZB-Zinsentscheid:
Alexander Krüger, Hauck Aufhäuser Lampe: "Die EZB ist trotz stark gestiegener Energiepreise ruhig geblieben. Ihre kräftig angehobene Inflationsprojektion für 2026 entspricht der veränderten Lage. Es ist klar, dass die EZB auf einen Angebotsschock keinen Einfluss hat. Wie lange die EZB stillhält, hängt jetzt von der Dauer und Höhe der Energiepreise ab. Dass sich die Notenbank zurzeit alle Optionen offenhält, ist ein gangbarer Weg. Wahrscheinlich wird die EZB stillhalten, solange die Aussicht auf ein baldiges Kriegsende besteht. Sobald sich Zweitrundeneffekte einstellen, gerät sie stärker unter Druck. Sie wird dann zu entscheiden haben, ob sie die Inflation zu Lasten einer gebeutelten Wirtschaft bekämpft. Sollte es zu Zinserhöhungen kommen, dann aber wohl eher in geringem Ausmaß."
Lena Dräger, IWF-Institut Kiel: "Die geldpolitische Lehre aus 2022 ist zweigeteilt: Die EZB sollte weder durch institutionelle Bindungen noch durch vorschnellen Aktivismus in eine Situation geraten, in der sie vor oder hinter die Kurve gerät. Die richtige Strategie ist deshalb klar: Geduldig bleiben, aber handlungsbereit sein. Die EZB sollte jetzt abwarten - und gleichzeitig unmissverständlich signalisieren, dass sie bei Anzeichen für steigende Inflationserwartungen und Zweitrundeneffekte entschlossen reagieren wird."
Jörg Asmussen, Deutsche Versicherungswirtschaft: "Trotz der zuletzt deutlich gestiegenen Energiepreise ist es richtig, dass die EZB die Leitzinsen unverändert lässt. Die Dauer des Kriegs im Nahen Osten und damit die Auswirkungen auf Inflation und Wachstum sind derzeit nicht abzuschätzen. Sollte der Preisschub anhalten, stehen die Zentralbanken vor einem klassischen Zielkonflikt. Gegen Angebotsschocks ist Geldpolitik ein stumpfes Schwert. Zugleich kann die EZB nicht zulassen, dass sich höhere Energie- und Nahrungsmittelpreise in den Inflationserwartungen verfestigen. Die Erfahrungen von 2022 haben gezeigt, wie schwierig ein solcher Vertrauensverlust werden kann. Im Vergleich zur US-Notenbank ist die EZB aber in einer günstigeren Ausgangslage. Die Inflation im Euroraum lag zuletzt leicht unter dem Preisstabilitätsziel, während sie in den USA weiterhin erhöht ist. Das verschafft der EZB Zeit, aber mehr auch nicht."