Kolumnen

Per Saldo Facebook für reiche Anfänger

Facebook-Hauptquartier im kalifornischen Palo Alto.

Facebook: Die wahre Bedeutung von unermesslich.

Es gibt ein neues Status-Symbol: ein winziges Stück Facebook für zwei Mio. Dollar. Investoren balgen sich darum, Analysten stehen Kopf und der Rest fragt sich: Wer ist verrückter? Derjenige, der virtuellen Freunden einen Milliardenwert gibt oder diejenigen, die das tatsächlich glauben?

"I Am Rich". So hieß eine App für das iPhone, die keinen anderen Zweck hatte, als zu suggerieren, dass der Besitzer es sich leisten kann, 999,99 US-Dollar für einen Edelstein auf dem Display auszugeben, der nichts anderes tut, als rot zu leuchten. Die Applikation wurde von Apple nach einem Tag aus dem App Store entfernt, aber acht Leute hatten sich dieses Stück Kunst gegönnt. Einfach so, ohne weiteren Gegenwert zu erwarten.

i-am-rich-app-250x241.jpg

Funkelnder Edelstein: Was ist der virtuelle Schein wert?

Was diese Geschichte mit Facebook zu tun hat? Vielleicht nichts. Vielleicht zeigt "I Am Rich" aber auch, was in der virtuellen Welt alles möglich ist – vorausgesetzt, man hat genug Fantasie, ein Potenzial zu sehen. Mehr als 500 Millionen Nutzer haben bereits das Potenzial des Online-Netzwerkes Facebook entdeckt, alleine am Neujahrswochenende wurden 750 Mio. Fotos auf den Profilseiten hochgeladen. Sagt Facebook. Die Frage, was das in barer Münze wert ist, ist unendlich schwerer zu beantworten.

Goldman Sachs erhöht den Einsatz

Eine neue Antwort darauf fand in den vergangenen Tagen eines der größten US-Investmenthäuser. Goldman Sachs zahlte für lächerliche 0,8 Prozent an dem Internet-Unternehmen unfassbare 450 Mio. Dollar und bewertete Facebook so nebenbei mit 50 Mrd. Dollar. Noch vor einem halben Jahr hatten Fachleute Facebook auf 26 Mrd. Dollar geschätzt.

Außerdem legte die Großbank für seine wohlhabende Kunden einen Fonds im Wert von mindestens 1,5 Mrd. Dollar auf. Wer ein Stückchen vom außerbörslichen Facebook-Kuchen à la Goldman haben will, muss mindestens zwei Mio. Dollar auf den Tisch legen. Diese Exklusivität schreckt die Anleger jedoch nicht ab – ganz im Gegenteil: Das Haus habe Anfragen für Beteiligungen im Gesamtvolumen von "einigen Milliarden Dollar erhalten", berichtete das "Wall Street Journal". Die Börsengemeinde ist in heller Aufregung.

Goldman.jpg

Goldman-Sachs-Fonds: Winzige Facebook-Häppchen zu horrenden Preisen

(Foto: REUTERS)

Analysten suchen fieberhaft nach dem Rechenweg, der es Goldman Sachs ermöglichte, dem Internet-Unternehmen mit dem jungen Mark Zuckerberg an der Spitze ein 50-Milliarden-Dollar-Etikett aufzukleben. Bei geschätzten zwei Mrd. Dollar Umsatz, ohne erkennbaren Gewinn sei das betriebswirtschaftlicher Unfug, heißt es aus verschiedenen Ecken. Und überhaupt: Was wissen die Jungs bei Goldman Sachs schon über Social Networks? Schließlich sei allgemein bekannt, dass die Facebook-Seite in den Goldman-Büros blockiert sei – da habe schon der Facebook-Finanzchef David Ebersmann persönlich vorbeischauen müssen, damit die Banker verstehen, was dort genau passiere.

Dass nun einige Zahlen aus den "geheimen Unterlagen" für die Goldman-Kunden aufgetaucht sind, macht die Sache bislang nicht besser. Laut Prospekt hat Facebook in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 335 Mio. Dollar verdient, bei einem Umsatz von 1,2 Mrd. Dollar. Doch die Geschäftszahlen waren offenbar nicht geprüft und boten zudem kaum Details dazu, wie genau Facebook nun seine Erlöse erzielt. Wer von den Goldman-Kunden die zwei Mio. Dollar auf den Tisch legt, tut es also weitgehend im Blindflug – und mit der Hoffnung auf unfassbare Renditen, wenn Mark Zuckerberg sein Unternehmen doch noch an die Börse bringen sollte. Klarer Fall einer neuen Dotcom-Blase, unken nun die gestressten Analysten und verweisen auf gescheiterte Modelle wie MySpace. Hier habe doch sogar Medienzar Rupert Murdoch höchstpersönlich für den einstigen Star unter den sozialen Netzwerken 600 Mio. Dollar auf den Tisch gelegt. Mittlerweile hat jedoch Facebook MySpace mit seinen 100 Mio. Nutzern deutlich überholt und MySpace muss offenbar die Hälfte seiner Belegschaft entlassen.

Die Bank gewinnt

Dass Facebook nicht eines Tages von einem neuen Internet-Startup vom Thron gestürzt wird, kann auch Goldman Sachs seinen Kunden nicht versprechen. Gewonnen hat die Bank aber trotzdem schon. Denn zum einen kassiert sie für die Fondsanteile saftige Gebühren, zum anderen gilt es als sicher, dass sie es sein wird, die Facebook bei einem möglichen Börsengang auf das Parkett geleiten darf.

Auch für Facebook hat der Deal Vorteile: Bei einer derartig hohen Bewertung dürfte ein etwaiger IPO ordentlich Geld in die Kassen spülen. Und die Zwei-Millionen-Dollar-Anleger? Die müssen keine Angst mehr haben, ein Mega-Geschäft zu verpassen. Und wenn daraus doch nichts wird: Sie haben an den Traum geglaubt. Sie hatten den rot funkelnden Edelstein.

Quelle: ntv.de