Wirtschaft
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Sonntag, 06. Mai 2018

Zwischen Zins und Zahlen: Notenbanken lassen Anleger im Unklaren

Von den Unternehmen sind auch in der kommenden Woche weiter starke Zahlen zu erwarten. Doch die Entwicklung von Inflation und Zinsen verunsichert die Anleger. Klassische Börsen-Regeln helfen derzeit kaum weiter.

Im Spannungsfeld aus starken Unternehmensdaten bei gleichzeitiger Unsicherheit über die Zinsentwicklung werden sich die Börsen auch kommende Woche zeigen. Die Berichtssaison erreicht einen ihrer Höhepunkte in Europa und dürfte Anleger tendenziell weiter in Aktien locken. Denn die Mehrzahl der Unternehmen überzeugt bislang.

Selbst die als Achillesferse gesehene Stärke des Euro fällt nicht bei allen Exporteuren so schlimm wie befürchtet ins Gewicht. Immer wieder gelingt es Unternehmen von Adidas über MTU bis hin zur Fluggesellschaft IAG, den schädlichen Währungseinflüssen ein kleines Schnippchen zu schlagen. Auch operativ zeigt sich, dass die positiven Konjunktureffekte auf die Unternehmensgewinne trotz hoher Erwartungen oft unterschätzt wurden. 

Starke Zahlen für 2018 nutzen nicht viel

Anleger dürften daher genau darauf achten, dass es nicht nur bei Auftragseingängen wie aus Deutschland kommende Woche weiter rund läuft, sondern auch bei den Produktionsdaten. Erste Warnzeichen sollten hier nicht unter den Tisch gekehrt werden. So mussten die extrem exportlastigen Maschinen- und Anlagenbauer im Branchenverband VDMA bereits ein Auftragsminus von 7 Prozent aus dem Ausland vermelden.

Zudem betonen institutionelle Investoren, dass sich die Basis ihrer Anlageentscheidungen verändert. Sie stützen sich ab dieser Berichtssaison immer stärker auf Gewinnschätzungen für 2019; gute Daten für das gerade laufende Quartal mögen dann zwar noch nett sein für die Stimmung, werden aber keine neuen Anlagegelder mehr in die Märkte locken. 

Gemengelage um Zins und Inflation verwirrt weiter

Dazu wissen die Märkte nicht, zu welchen Zinssätzen sie die Gewinne der kommenden Quartale abdiskontieren sollen. Denn von der US-Notenbank gab es keine klaren Hinweise auf den wichtigen "Dot Plot", also ob es im laufenden Jahr zu drei oder vier US-Zinserhöhungen kommen wird. Die boomende Weltwirtschaft ließe mehr Zinsschritte logisch erscheinen, doch dazu passen wiederum die Inflationsschätzungen nicht. So hatten in der abgelaufenen Woche die Verbraucherpreise aus der Eurozone wieder einmal deutlich tiefer als erwartet gelegen. Mit nur 0,7 Prozent in der Kernrate liegen sie meilenweit vom Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) entfernt.

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Im Fokus der kommenden Woche werden daher wieder diverse Notenbankentscheidungen und vor allem ihre Aussagen stehen - unter anderem sind die Bank of Japan und die Bank of England am Zug. Die wichtigsten Inflationsdaten für den gesamten Monat kommen dann am Donnerstag aus den USA und China. 

Zeitraum wichtiger als konkrete Euro-Dollar-Kurse

Tendenziell sprechen die Daten dafür, weiter Druck auf den Euro auszuüben. Denn je länger sich die Devise unter 1,20 Dollar hält, desto mehr Entspannung dürfte sich an den Aktienmärkten breit machen. "Niedrige Eurokurse nutzen nichts, wenn sie nur kurz anhalten", sagte ein Devisenhändler: Wichtiger sei die Dauer der Zeiträume mit niedrigen Durchschnittskursen, da dann immer mehr Exporteure in den Genuß tieferer Kurse bei ihrem Hedging-Bedarf kämen.

Denn wie massiv ein hoher Euro belastet, zeigten beispielsweise die Geschäftszahlen von BASF bis Air France-KLM, wo er den Quartalsgewinn in Größenordnungen im Hundert-Millionen-Euro-Bereich drückte. Anlegern bleibt daher nicht erspart, bei jedem einzelnen Unternehmen genau auf dessen Wechselkursbelastungen und Quartalszahlen zu achten. 

Nicht auf ein "Buy in May" setzen

Auf zu stark vereinfachte Handelsregeln sollten Anleger angesichts der Informationsflut aber auch nicht ausweichen: So unterstreicht Stratege Markus Reinwand von der Helaba, dass simplifizierte Regeln wie "Sell in May" kein wirkliches Entscheidungskriterium zur Aktienanlage seien. Und selbst wenn man die Regel auf einen typischen Anlagezeitraum von sechs Monaten ausdehnt, enthalten sie keine gute Nachricht für Anleger.

Denn Rückrechnungen bis zum Jahr 1965 zeigen, dass der Dax im Zeitraum von Mai bis Oktober eine signifikant niedrigere Entwicklung aufweist als zwischen November und April. Ähnliche Saisonmuster seien auch bei vielen anderen Indizes zu beobachten, unterstreicht Reinwand. Selbst die Besonderheit dieses Jahres, dass sich die meisten Börsenbarometer schon seit ihrem Hoch im Januar im Korrekturmodus befänden, schaffe nicht den Sonderfall eines "Buy in May".

Selbst in den Jahren, in denen Aktien bis Ende April eine Schwächephase gezeigt hätten, habe sich der Dax im Sechs-Monats-Zeitraum von Mai bis Oktober mit minus 6,7 Prozent noch deutlich schlechter entwickelt als im Durchschnitt aller Jahre mit plus 0,4 Prozent. "Das saisonale Argument spricht somit dafür, sich mit Engagements weiterhin zurückzuhalten", warnt Reinwand.

Quelle: n-tv.de