Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 222 Vergewaltigen Erpel Enten?

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Drei Erpel bedrängen eine Entendame.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kürzlich habe ich beobachtet, wie sich im Wasser mehrere Erpel auf eine Ente gestürzt haben, sodass diese beinahe ertrank. Es sah so aus, als würden die Männchen versuchen, das Weibchen mit Gewalt zu decken. Gibt es im Entenreich wirklich Vergewaltigungen? Und kann man als Spaziergänger eingreifen? (fragt Maren H. aus Albstadt)

Entzückt sind Parkbesucher jedes Jahr, wenn sich die ersten Flauschbällchen mit ihren Entenmuttis ins Nasse trauen. Putzig schauen sie aus, und kaum ein Entenliebhaber mag sich ausmalen, dass eine grausame Vergewaltigung dem Schlüpfen der Küken vorausgegangen sein soll. Doch selbst bei Enten sind keine Störche am Werk – wie also läuft das Befruchtungsritual unter Entenweibchen und Erpeln, den Entenmännchen, ab?

Es ist Frühling und auch unter Stockenten hat die Paarungszeit begonnen. Bereits im Herbst zuvor haben sich die Erpel in Balzgruppen von maximal 15 Männchen zusammengeschlossen. Um bei den hochgradig stimulierten Erpeln die Gesellschaftsbalz auszulösen, bedürfe es im Winter und zeitigen Frühjahr nicht einmal der Ankunft eines Weibchens, schreibt der bekannte Ornithologe Joseph Reihholf. Die Erpel reckten die Köpfe, täten ganz aufgeregt und gäben mit einer bogenförmigen Kopf- und Halsbewegung den "Grunzpfiff" von sich. Sie stellen sich jedoch lediglich zur Schau und kämpfen nicht miteinander. Ab dem Frühjahr verkleinern sich die Balzgruppen der Erpel, dafür können Spaziergänger vermehrt gemeinsam über das Wasser gleitende Pärchen beobachten. Die Entenweibchen haben unter den Balzenden ihren Favoriten gefunden.

Zeit für die Paarbalz: Jetzt wird mit dem Kopf genickt und gewackelt. Es kommt zu Besteigungen der Entendame durch ihren Auserwählten, die aber nur der Übung dienen. Zu dieser Zeit sind die Eier noch nicht gereift – doch, wenn es soweit ist, werden "die dazu nötigen Paarungen schnell und wirkungsvoll zur rechten Zeit vollzogen", schreibt Reihholf.

Ledige Erpel sind frustriert

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Ging der Geburt dieser süßen Küken eine Zwangsbegattung voraus?

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Aber dieses friedliche Paarungsritual unter Stockenten ist tatsächlich nur die halbe Geschichte. Denn im Frühjahr kommt es bei den Vögeln zu einer weiteren Form von Balz, bei der es alles andere als gesittet abläuft. Stürzen sich mehrere Erpel erbarmungslos auf eine einzige Ente, bleibt manch ein Parkbesucher, so wie unsere Leserin, von der Brutalität schockiert zurück.

Nach Reihholf ist die Gefahr einer Entenvergewaltigung umso größer, je länger sich Balzgruppen von Männchen auf den Gewässern aufhalten. Bis in den Juni lässt sich beobachten, wie ledige Erpel – manchmal kilometerweit – laut quakende Entenweibchen in der Luft jagen. "Oft wehren sich die Enten gegen die Angreifer und nehmen Reißaus, doch oft gelingt dies auch nicht", erklärt der Ornithologen Jens Scharon vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegenüber n-tv.de. Ist die Ente müde geflogen und selbst ihr Partner abgeschüttelt, kommt es auf dem Wasser zu mehrfachen Zwangsbegattungen durch die ledigen Erpel. "Anders als beim Menschen können die Entenweibchen gleichzeitig Eier von verschiedenen Männchen ausbrüten", sagt Scharon. Doch nicht alle Weibchen schaffen es bis zur Brutzeit: Der Kampf im Wasser kann für die Ente tödlich enden – etwa dann, wenn im Eifer des Gefechts ihr Kopf zu lange unter Wasser gedrückt wird.

Der Natur ihren freien Lauf lassen

Zwar bezeichnet Reihholf die Zwangsbegattung der Ente als Vergewaltigung, doch kämen diese Zwangskopulationen bei Stockenten ganz normal vor, so wie die Gesellschaftsbalz der Erpel und die Balz der Pärchen vor der eigentlichen Befruchtung. Scharon möchte nicht von Vergewaltigung sprechen. "In der Tierwelt gibt es keine ethisch-moralischen Aspekte wie beim Menschen – und somit auch keine Vergewaltigungen", sagt der Ornithologe. Demnach ist das Tierreich grausam, aber nicht böse.

Von Eingriffen durch Spaziergänger in solche Szenen hält Scharon wenig. "Wir können auch nicht verhindern, dass ein Greifvogel einen Singvogel frisst – moralisch eventuell bedenklich, aber natürlich". Auch spielten sich die Zwangsbegattungen im Wasser ab, sodass Zuschauer nur mit Stöcken oder Steinen eingreifen könnten. Dabei sei die Verletzungsgefahr für die Enten viel zu groß. Doch gerade Spaziergänger sind nicht ganz unschuldig an der Häufigkeit der gewaltvollen Deckungen. Gerade dort, wo das ganze Jahr über gefüttert werde, komme es oft zu einem Ungleichgewicht in der Anzahl von Männchen und Weibchen und zu einem Überschuss an Erpeln, sagt Scharon.

Übrigens: Gewaltsame Deckungen im Tierreich sind nicht den Erpeln vorbehalten. Auch bei anderen Vogelarten sei ein ähnliches Verhalten zu beobachten, sagt Scharon, und gerade unter Amphibien seien solche Übergriffe normal. Auf eine Erdkröte stürzen sich oft so viele Männchen, dass diese gar nicht wieder an die Luft kommt. Häufig führt das zum Tod der Kröte.

Quelle: ntv.de