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Männer weinen vergleichsweise selten. Doch wenn ihr Fußballverein mal verliert, können selbst ihnen die Tränen kommen.
Männer weinen vergleichsweise selten. Doch wenn ihr Fußballverein mal verliert, können selbst ihnen die Tränen kommen.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 23. Juli 2013

Frage & Antwort, Nr. 284: Warum weinen wir bei Traurigkeit?

Von Andrea Schorsch

Tränen müssen sein. Ohne Tränenflüssigkeit würde die Hornhaut des Auges trüb werden, und wir könnten nichts mehr sehen. Damit das nicht geschieht, halten wir durch Blinzeln das Auge feucht. Doch quellen mal die Gefühle über, ist auch der Tränenfluss plötzlich kaum zu bremsen. Warum?

Ich habe gerade eine traurige Zeit hinter mir, in der viele Tränen flossen – auch in den ungünstigsten Momenten. Warum ist das so? Warum müssen wir weinen, wenn wir traurig sind? (fragt Susanne K. aus Solingen)

Dass Frauen häufiger weinen als Männer, ist Fakt. Forscher haben festgestellt, dass Frauen 30 bis 64 Mal im Jahr die Tränen kommen, während das Männern im gleichen Zeitraum nur 17 Mal passiert – oder noch seltener. Noch dazu schluchzen Frauen oft herzzerreißend. Männer dagegen weinen eher still und damit weniger dramatisch.

Diese Ergebnisse scheinen die Ursache für den emotionalen Tränenfluss gleich mitzuliefern: Es muss an den Hormonen liegen; der Schluss liegt nahe. Bestätigen lässt er sich allerdings nicht. Einen Einfluss des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen auf die Tränenproduktion konnten Wissenschaftler nicht nachweisen. Auch das Milchbildungshormon Prolactin, das Schwangere vermehrt ausschütten (und die sind oft besonders nah am Wasser gebaut), steht nicht zwingend mit dem Weinen im Zusammenhang. Menschen, deren Prolactin-Werte dauerhaft erhöht sind, weinen zumindest nicht häufiger als Menschen mit normalem Prolactin-Spiegel.

Viele Thesen, keine Klarheit

Wenn es nicht die Hormone sind, was ist es dann, das Frauen häufig und Männern ab und zu die Tränen in die Augen treibt? Elisabeth Messmer von der Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat sich dieser Frage 2009 in einer Übersichtsarbeit gewidmet. Ihr Fazit: Emotionale Tränen bleiben ein Rätsel. Warum der Mensch weint, ist noch nicht abschließend geklärt. Theorien aber gibt es viele.

So schrieb der US-amerikanische Biochemiker William Frey in den 1980er Jahren dem verstärkten Tränenfluss eine reinigende Funktion zu: Bei Traurigkeit oder auch Wut produziert der Körper verstärkt bestimmte, ungesunde Eiweißstoffe. Bleiben sie in hoher Dosis im Organismus, können sie krank machen. Mit den Tränen aber, so erklärte es Frey, würden die Eiweißstoffe aus dem Körper gespült. Damit wurde auch verständlich, warum sich gefühlsbasierte Tränen anders zusammensetzen als Tränen, die etwa beim Zwiebelschneiden fließen.

Empirischen Befunden aber hielt Freys These nicht stand. "Zwar ist es möglich, über Tränen bestimmte Substanzen auszuscheiden", heißt es von Seiten der wissenschaftlichen Gesellschaft der Augenärzte (DOG). "Doch die Menge ist vernachlässigbar. Außerdem nimmt der Körper das Gros der Tränenflüssigkeit wieder auf."

Nach dem Weinen geht es besser. Oder?

Wenn es schon mit der biologischen Reinigung nicht so recht klappt, dann vielleicht mit der seelischen? Psychologen schreiben dem Weinen einen "Katharsis-Effekt" zu. Soll heißen: Es tut einfach gut, sich mal richtig auszuheulen und auf diese Weise emotionalen Druck loszuwerden. Danach geht es besser. Der Tränenfluss wirkt erleichternd.

Aber auch diese von den meisten Menschen immer wieder empfundene Wahrheit ist wissenschaftlich nicht durchweg haltbar. Studien zeigen, dass sich jeder Dritte, der ausgiebig Tränen vergießt, danach nicht unbedingt besser fühlt. Auch dass Weinen zu körperlicher Entspannung führt, ist unter Forschern umstritten. Nach zunächst hohem Puls und Schwitzen gehe der starke Tränenfluss später mit einer langsamen Atmung und anderen beruhigenden Mechanismen einher, sagen Psychologen. Augenärzte halten dagegen: "Während des Weinens sind Menschen körperlich erregt – vom Anfang bis zum Ende."

Tränen rufen Mitmenschen auf den Plan

Weinen wir also in seelischer Notlage vielleicht gar nicht in erster Linie für uns, sondern vor allem für andere? Auch diese Theorie verfolgen einige Forscher. Wer weint, weckt bei seinen Mitmenschen Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Beides kann gut gebrauchen, wer traurig und verzweifelt ist. Weinen hätte dann also eine kommunikative Funktion; es würde die anderen auf unser Befinden aufmerksam machen. Wir teilen es mit, ohne darüber viel Worte zu verlieren. Ungeklärt bleibt dann, so Kritiker, warum wir es im Allgemeinen vermeiden, in der Öffentlichkeit zu weinen. Bei den meisten Menschen fließen die Tränen eher im stillen Kämmerlein.

Doch da spielt möglicherweise auch die Sozialisation eine Rolle. Wer verinnerlicht hat, dass Tränen ein Grund zum Schämen sind, wer fürchtet, als Heulsuse oder Memme abgestempelt zu werden, weint lieber heimlich. Damit bleibt der Spott aus; Trost und Unterstützung aber ebenfalls.

Über den Nutzen emotionaler Tränen wird viel spekuliert. Viel leichter lässt sich da die Frage beantworten, warum die Nase läuft, wenn wir weinen. Das liegt ganz einfach daran, dass der Tränenkanal in der Nase endet. Von dort wird die Tränenflüssigkeit in den Rachen weiter transportiert. Solange wir nur blinzeln – und so die Hornhaut des Auges befeuchten – funktioniert das gut. Beim Weinen aber ist der Kanal voll. So voll, dass er überläuft.

Quelle: n-tv.de