Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 235 Wieso weht es meist von Westen?

Windfluechter.jpg

Windflüchter zeigen deutlich, von wo der Wind am häufigsten weht.

(Foto: Klaus-Peter Beu)

Ich war kürzlich vier Tage lang mit dem Fahrrad Richtung Westen unterwegs und hatte die ganze Zeit Gegenwind. Warum eigentlich kommt der Wind bei uns meist von Westen? (fragt Irene B. aus Offenburg)

Verkürzt lässt es sich mit einem einzigen Satz sagen: Die Erdrotation ist schuld. Doch um diese Antwort zu verstehen, sind einige Erklärungen zur Windentstehung und den Strömungsverhältnissen auf der Erde nötig. Mitteleuropa liegt im Bereich der Westwindzone. So klar das ist, so kompliziert ist die Begründung. Sie beginnt bei der Bewegung von Luft.

Scheint die Sonne auf die Erde, erwärmt sich die Luft. Am schnellsten geht das über Land. Dort steigt die erwärmte Luft dann auf und die kühlere vom Meer strömt nach. So also entsteht Wind. Seine Bewegungsrichtung steht fest: Die Luft zieht immer vom Hoch- ins Tiefdruckgebiet. Denn die Gegenden, in denen die warmen Luftmassen nach oben steigen, sind die Tiefdruckgebiete, dort herrscht geringer Luftdruck. Die Regionen aber, in denen die am Himmel erkaltete Luft dann nach unten sinkt und nachströmt, sind einem erhöhten Luftdruck ausgesetzt. Dort also ist ein Hoch.

Da die Energiezufuhr, die Erwärmung der Luft durch die Sonne, für die Entstehung der Winde verantwortlich ist, spielt auch die Position der Erde zur Sonne eine entscheidende Rolle in dem Geschehen. Während die Gebiete um den Äquator ständig erwärmt werden, kommt die Sonne an den Polen ein halbes Jahr gar nicht über den Horizont und im Sommer steht sie dort nur sehr flach am Himmel. Am Äquator bildet sich die "äquatoriale Tiefdruckrinne", an den Polen sinkt die kalte Luft ab und es entsteht ein Hochdruckgebiet. Damit ist klar: Bodennah weht immer ein Wind von den Polen Richtung Äquator.

Mehr als Wind aus Nord und Süd

Das klingt nach einem Nordwind auf der Nordhalbkugel und einem Südwind auf der Südhalbkugel. Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn es gibt einen Vorgang, der die Winde von ihrem Weg abbringt: die Erdrotation. "Durch die Drehung der Erde", sagt Uwe Wienert, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst, "werden alle auf ihr stattfindenden Bewegungen, also auch Luftströmungen, in charakteristischer Weise abgelenkt: auf der Nordhalbkugel in Strömungsrichtung gesehen nach rechts, auf der Südhalbkugel nach links."

Luftzirkulationsschema der Erde.jpg

Das Luftzirkulationsschema der Erde. Die Westwindzonen sind grün markiert.

(Foto: Deutscher Wetterdienst)

Es kommt also zu Nordost- und Südostwinden. 10 bis 15 Kilometer über dem Erdboden jedoch weht ein anderer Wind: "Die durch die Sonneneinstrahlung erwärmte und aufsteigende Luft über dem Äquator fließt in größeren Höhen polwärts", erklärt Wienert. Doch natürlich bleibt auch sie nicht unbeeinflusst von der Erdrotation. Auch diese Luftmassen werden auf der Nordhalbkugel nach rechts abgelenkt. "Bereits 2000 bis 3000 Kilometer nördlich bzw. südlich des Äquators haben sie eine westliche Strömungsrichtung eingeschlagen", sagt der Meteorologe. Dies ist auch die Region, in der die bereits erkaltete Luft absinkt. In der Folge bildet sich dort der "subtropische Hochdruckgürtel". Er hat einen prominenten Vertreter: das "Azorenhoch".

Zwischen Hochdruckzone und Tiefdruckrinne

Nun ist der Schritt zur Westwindzone, endlich, nur noch ein kleiner. "Ein Hoch", führt Wienert aus, "wird auf der Nordhalbkugel im Uhrzeigersinn umströmt." Auf der unteren, der südlichen Seite des subtropischen Hochdruckgürtels, entsteht also eine nordöstliche bis östliche Strömung. "Die wird auch als Passat bezeichnet", sagt der Experte. Und jetzt wird es spannend: Denn auf der oberen, der Nordseite der subtropischen Hochdruckzone, entwickelt sich folgerichtig eine südwestliche bis westliche Luftströmung. "Und dort ist in der Regel Mitteleuropa gelegen", bringt Wienert den Gedankengang zu Ende.

Damit hätten wir bereits eine Erklärung für den bei uns vorherrschenden Westwind. Doch Einflüsse aus dem Norden tun ihr Übriges und verstärken das Phänomen sogar noch. Denn treffen die kalten (nord-)östlichen Winde vom Pol auf die milden Luftströmungen aus dem subtropischen Hochdruckgürtel, können sich intensive Sturmtiefs bilden. Wie Wienert erklärt, geschieht dies typischerweise in einer Zone um den 60. Breitengrad herum. Das ist die "subpolare Tiefdruckrinne". Unter ihrem Einfluss liegen in Europa der Nordatlantik zwischen Island und Schottland sowie das mittlere und südliche Skandinavien.

"Da Deutschland und Mitteleuropa genau zwischen dem subtropischen Hochdruckgürtel im Süden und der subpolaren Tiefdruckrinne im Norden liegen, ergibt sich eine südwestliche bis westliche Luftströmung, die hier typischerweise dominiert", schließt Wienert seine Erklärung ab. - Wer gen Osten radelt, hat daher meistens Rückenwind.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema