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Von Meuffels Theorien - immer wieder sehenswert.
Von Meuffels Theorien - immer wieder sehenswert.(Foto: picture alliance / dpa)

"Polizeiruf 110" mit Matthias Brandt: Am Ende nur Verlierer

Von Ingo Scheel

Der Mörder ist tot. Es lebe der Mörder. Als ein Häftling sich das Leben nimmt, taucht ein Mann auf und behauptet, er habe dessen Tat begangen. "Und vergib uns unsere Schuld" ist vielschichtig, spannend, exquisit - und konsequent bis zum Schluss.

Unschuldig hinter Gittern - insbesondere für Seriensüchtige zur Zeit eines der meistdiskutierten Themen. Die Netflix-Serie "Making a Murderer" erzählt die Geschichte des US-Amerikaners Steven Avery, der zunächst 18 Jahre unschuldig im Gefängnis verbringt, um kurze Zeit nach der Freilassung für einen Mord verurteilt zu werden, den er vermutlich auch nicht begangen hat.

Regisseur Marco Kreuzpaintner
Regisseur Marco Kreuzpaintner(Foto: picture alliance / dpa)

Der Steven Avery des "Polizeirufs" heißt Tim Haffling (Sebastian Griegel). Zehn Jahre einer lebenslangen Haftstrafe hat Haffling verbüßt. Auch er soll ein junges Mädchen ermordet haben. Auch er hat seine Unschuld immer wieder beteuert. Seine Geschichte ist es jedoch nicht, die erzählt wird. Es ist vielmehr die der Figur, die auch jene inbrünstig herbeisehnen, die an Averys Unschuld glauben: ein Mann, der behauptet, der wirkliche Täter zu sein.

Nachdem Haffling sich in seiner Zelle erhängt hat, steht besagter Mann plötzlich im Büro von Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Jens Baumann (Karl Markovics), vom schlechten Gewissen sichtlich zerfressen, behauptet, er habe die 16-Jährige damals umgebracht.

Wenn der Zweifel nagt

Dass von Meuffels zunächst nur zaghaft reagiert, hat vornehmlich einen Grund: Er hatte Haffling damals gestellt, verhört und nach zahlreichen Befragungen förmlich zum Geständnis getrieben. Letzte Zweifel waren nie ganz ausgeräumt. Sollten sich diese nun bestätigen? Haffling unschuldig, Baumann der Täter - und von Meuffels schuld am Tod Hafflings?

Das Autoren-Duo, die Grimme-Preisträger Alexander Buresch und Matthias Pacht ("Das wahre Leben"), entscheiden sich zwischen klassischer Crime-Erzählweise und Psychodrama konsequent für Letzteres. Und Regisseur Marco Kreuzpaintner setzt das beeindruckend um. Während im Hier und Jetzt die Begegnungen von Meuffels mit Baumann den roten Faden geben, sind es vor allem die Rückblenden, die die Geschichte erzählen. Dem Rätsel des Falles angepasst, sind diese jedoch weniger linear erzählt als vielmehr szenische Bruchstücke, bei denen nie ganz klar ist, ob das alles so passiert ist. Ob es von Meuffels Theorien sind, Baumanns Erinnerungen oder künstlerisch überhöhte, beinah traumartige Sequenzen. Kreuzpaintner stellt den Zuschauer so quasi direkt neben den Kommissar, lässt ihn die Verwirrung, das innere Chaos unmittelbar mitfühlen. Hier wird nicht erklärt, nachvollziehbar erzählt oder vom Falllösungs-Imperativ ausgegangen, im Gegenteil - zuweilen gehen in den Verhörszenen sogar Bild und Ton auseinander, was die Doppelbödigkeit des Ganzen noch bestärkt.

Die Geschichte vermeidet jegliche Nebenschauplätze, folgt ausschließlich seinem grandios aufspielenden Personal: Lola Dockhorn als lebensdurstige Miriam, Karl Markovics, der dem Schmerz der ungesühnten Täterschuld ein zerfurchtes Gesicht gibt. Und natürlich der gewohnt formstarke Matthias Brandt, der lange ruhig bleibt, mit dem Fortgang der Ereignisse und der Gewissheit werdenden Ahnung der eigenen Mitschuld schließlich doch kollabiert.

Story, Schauspieler, filmische Kraft - ein "Polizeiruf" auf höchstem Niveau. Und als von Meuffels sich am Ende aufmacht und ihn die doch noch zusammengeführten losen Enden zum vermeintlichen Ort führen, an dem Leiche vergraben sein soll - da gönnt sich der Film mit einem fulminanten Spatenstich auch noch ein offenes Ende. Das ist ebenso konsequent wie grandios.

Quelle: n-tv.de

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