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Bei uns im Norden - da is' was los ...
Bei uns im Norden - da is' was los ...(Foto: dpa)

"Polizeiruf" im Liebeswahn" : Da, wo es weh tut

Von Katharina Miklis

Alles kann, nichts muss: Beim "Polizeiruf 110" ermitteln Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau in Rostock in der Sadomaso-Szene. Das Zusehen tut nicht nur wegen der brutalen Sexpraktiken weh, auch die Logik wird schmerzlich vermisst.

"Es gibt nichts was es nicht gibt", sagt die Dame aus dem Sadomaso-Club und sortiert fein säuberlich die Peitschen und Knebel im Folterkeller. Die Kommissare Sascha Bukow und Katrin König (Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau) gehen für ihren neuen Fall dahin, wo es wehtut. Das Motto aus dem Swingerkeller in Rostock dürfte dabei auch für den "Polizeiruf 110: Liebeswahn" gelten: Alles kann, nichts muss. Erlaubt ist, was den Filmemachern gefällt.

Brutale Szenen um 20.15 Uhr ...
Brutale Szenen um 20.15 Uhr ...(Foto: NDR/Christine Schröder)

Bevor der Fall aus Rostock gegen Ende ins Absurde abrutscht, wird es jedoch tatsächlich spannend - und sehr blutig für die Sendezeit. Nach dem "Tatort: Franziska", der am vergangenen Wochenende aus Jugendschutzgründen ins Nachtprogramm verbannt wurde, geht es auch beim "Polizeiruf" gleich zu Beginn brutal zur Sache: Ein Mann wird in einem Keller gefoltert. Requisiten wie die flackernden Glühbirnen oder das blutige Medizinbesteck scheinen Horrorfilmen wie "Saw" entliehen. Ein kleines bisschen Horrorschau. Das Gesicht des Opfers ist im Hannibal-Lecter-Stil fixiert - das macht es dem Täter einfach, die Zunge seines Opfers mit der Gartenschere herauszuschneiden. Wenig später verblutet der Mann, dem die Flucht gelingt, auf dem Rücksitz eines Taxis.

Kann diese Ehe noch gerettet werden?
Kann diese Ehe noch gerettet werden?(Foto: NDR/Christine Schröder)

Der NDR hatte statt des gewohnten Ermittlerkrimis einen Thriller aus Rostock versprochen. Und diesem Versprechen wird Drehbuchautor und Regisseur Thomas Stiller ("Sie hat es verdient") zunächst auch gerecht. Und zwar derart, dass man sich fragt, warum dieser Thriller über brutale Sexpraktiken und Foltermethoden in der Primetime bleiben durfte, während der "Tatort: Franziska" verschoben werden musste. Während Bukow und König in der SM-Szene ermitteln (König: "Was ist nur aus dem guten alten Kuschelsex geworden?"), geht es auch im Privatleben der Ermittler zur Sache: Bukows Frau Vivian (Fanny Staffa) hat eine Affäre mit seinem Kollegen Thiesler (Josef Heynert). Und auch Bukow selbst scheint zumindest interessiert an der hübschen Ärztin (Alma Leiberg) seines Sohnes. Das ist dann auch die Stelle, an der sich Regisseur Stiller die erste Schwäche erlaubt: Der Asthmaanfall von Bukows Sohn wird zusammengeschnitten mit dem lustvollen Stöhnen der Mutter. Künstlerische Freiheit? Sehr platt, gefühlt grenzwertig.

Erotomanische Quälereien

Der Kommissar steht auf die undurchschaubare Ärztin, seine Frau liebt auch einen anderen - Sodom und Gomorra in Rostock.
Der Kommissar steht auf die undurchschaubare Ärztin, seine Frau liebt auch einen anderen - Sodom und Gomorra in Rostock.(Foto: NDR/Christine Schröder)

Für Bukows Privatleben markiert diese Szene den Beginn des heimischen Terrors: Während sich die Kommissare mehr und mehr mit der Vorliebe des ermordeten Lehrers für schmerzhafte Sexualpraktiken beschäftigen, wird Bukows Familie zunehmend mental gefoltert. Die Rosen, die über Nacht vor der Haustür verstreut wurden, hält die Frau des Kommissars noch für eine Aufmerksamkeit ihres Liebhabers. Doch dann häufen sich anonyme Anrufe mitten in der Nacht, Liebesbriefe mit kruden Botschaften erreichen Bukow, eine Gestalt schleicht im Dunkeln durch den Garten und beobachtet das bröckelnde Familienglück. Spätestens als Kollegin König beim Joggen niedergestochen wird, ist klar: Der aktuelle Fall hat - was für ein Zufall - auch etwas mit Bukows Privatleben zu tun. Aber das ist auch der Moment, in dem das gesamte Spannungsgerüst des Films zusammenkracht.

Die überzeugenden Schauspieler Hübner und Sarnau sind das große Glück dieses "Polizeirufs", der so stark beginnt und am Ende recht lieblos und realitätsfern aufgeklärt wird. Es ist nämlich die nette Ärztin, die sich für ihre erotomanischen Quälereien einen Folterkeller im Krankenhauskeller eingerichtet hat - und das ist mehr als absurd. Im Keller wird gefoltert und kaum tönt der Pieper, ist die Medizinerin wieder im OP zur Stelle. Oben die zarte Medizinerin, unten die manische Folterfrau, die gerne Männer bestraft, von denen sie nicht geliebt wird. Und Bukow wird ganz zufällig Opfer ihrer kranken Liebesfantasien. Und wie soll die zierliche Frau einen Mann wie ihn betäubt und dann von seiner Wohnung bis in die tiefsten Katakomben des Krankenhauses geschleppt haben?

Immerhin: Bukows Zunge bleibt dran. Unausgesprochen bleibt jedoch die Affäre seiner Frau mit dem besten Kumpel. Wenn der "Polizeiruf" schon keinen logischen Plot serviert, dann immerhin die Erkenntnis, dass es in der Liebe viele Möglichkeiten gibt, sich wehzutun. Und dafür braucht es nicht unbedingt Peitsche und Streckbank.

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Quelle: n-tv.de

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