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Außenansicht des "Berghain". In dem ehemaligen Heizkraftwerk wird auf drei Ebenen gefeiert, 1500 Gäste können dies tun. Es gibt Separees, Darkrooms, die Tanzfläche Panoramabar, die Tanzfläche Berghain in einer 18 Meter hohen Halle und die Klobar.
Außenansicht des "Berghain". In dem ehemaligen Heizkraftwerk wird auf drei Ebenen gefeiert, 1500 Gäste können dies tun. Es gibt Separees, Darkrooms, die Tanzfläche Panoramabar, die Tanzfläche Berghain in einer 18 Meter hohen Halle und die Klobar.(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Rest der Welt verschwindet": Das sagenumwobene Berghain

Drei Tage tanzen, Sex in dunklen Ecken: Um den Berliner Techno-Club Berghain ranken sich viel Mythen. Von der britischen Zeitschrift "DJ Mag" wurde er zum "besten Club der Welt" gekürt.

Um den Berliner Techno-Club Berghain ranken sich viele Mythen. In einigen dieser Geschichten geht es um Menschen, die drei Tage ohne Pause tanzen oder um die wegweisende Elektro-Musik. In den meisten aber geht es um ausschweifenden Sex. Betritt man das ehemalige Heizkraftwerk in der Nähe des Ostbahnhofs, ist man geneigt, jede einzelne dieser Geschichten zu glauben. In diesem Monat wurde der sagenumwobene Club, der Ende 2004 als Nachfolger des bereits legendären Clubs Ostgut eröffnete, in der britischen Zeitschrift "DJ Mag" von renommierten DJs zum "besten Club der Welt" gekürt.

Das Berghain, das das Ende des Party-Wochenendes immer erst am Sonntagabend verkündet, leitet seinen Namen zwar vom Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ab, mit dem normalen Alltag in Berlin hat der Club aber wenig zu tun. Er ist eine gut bewachte Parallelwelt, die pro Wochenende etwa 3000 Besucher aus dem In- und Ausland zählt. An der Grenze zwischen unserer Welt und dem Berghain steht Sven Marquardt. Der Türsteher ist inzwischen selbst eine Berühmtheit.

Türsteher diskutiert nicht

Sven Marquardt, der "Echsenmann".
Sven Marquardt, der "Echsenmann".(Foto: picture alliance / dpa)

Warum der über und über tätowierte Mann mit dem grau melierten Bart und den vielen Piercings im Gesicht - das Gesellschaftsmagazin "Dummy" taufte ihn kürzlich "Echsenmann" - bei dem einen kurz nickt, den anderen aber mit einem flüchtigen Kopfschütteln abweist, bleibt zunächst unverständlich. Nach einer halben Stunde Warten aber ist klar: Für eine Horde britischer Touristen in gestreiften Hemden ist es ebenso aussichtslos wie für eine Gruppe betrunkener Teenager. Auch wenn sie bis zu zwei Stunden gewartet haben: Sie müssen gehen. Sofort. Keine Diskussion.

Hat man die Hürde Marquardt genommen, folgt die zweite Prüfungsinstanz: Jeder wird abgetastet. Die Taschen werden regelrecht auseinandergenommen. Jedes einzelne Fach im Portemonnaie wird durchsucht. Dabei haben die Kontrolleure es in erster Linie auf Kameras abgesehen, die strengstens verboten sind. Wer ein Foto-Handy besitzt, muss glaubhaft versichern, es nicht benutzen zu wollen. Fotos aus dem Inneren des Clubs gibt es so gut wie nirgendwo.

Wer sich auf der Internetseite des Berghain informieren will, muss sich mit fremdartigen Ornamenten und kargen Informationen abfinden. Die Privatsphäre der Besucher soll geschützt werden, heißt es. Wie es trotz der Kontrollen dazu kommt, dass es in fast jeder Ecke der "Techno-Kathedrale" nach Marihuana riecht, bleibt eines der unzähligen Geheimnisse dieses Ortes.

Gummimatratzen an Eisenketten

Sind die Taschen durchsucht und zwölf Euro Eintritt bezahlt, öffnet sich das Tor zur fremden Welt. Ein Wort taucht unwillkürlich im Kopf derjenigen auf, die der Legende Berghain zum ersten Mal begegnen: "Apokalypse". Der Laden ist dunkel, karg und unheimlich. Im Erdgeschoss stehen große Beton-Sofas. Wer die große Stahlfreitreppe hinaufsteigt, bei dem breitet sich das unbestimmte Gefühl aus, etwas Verbotenes zu tun. Es geht vorbei an einer großen Gummi-Matratze, die an Eisenketten hängt.

Das Tor zur fremden Welt.
Das Tor zur fremden Welt.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Decke über der großen Tanzfläche im ersten Stock ist fast 20 Meter hoch. Die Musik ist laut und hart. Die tanzende Masse - sie besteht vor allem aus Männern - ist in Ekstase. In der obersten Etage ist die Musik nicht ganz so hart und im Vergleich zum Rest des "Techno-Tempels" ist es hier, in der sogenannten Panoramabar, fast hell. Auf der einen Seite ermöglicht eine Fensterfront den Blick gen Kreuzberg, auf der anderen hängt eine große Fotografie des Künstlers Wolfgang Tillmans: eine nackte weibliche Scham.

Es geht um Sex

Ein Blick auf die Tanzenden zeigt: Einen festgelegten Dresscode gibt es nicht, auch wenn viele der überwiegend männlichen und schwulen Gäste Jogginghosen und ein weißes Handtuch tragen, mehr nicht. Pärchen, die sich schon gefunden hatten, bevor sie das Berghain betraten, sieht man selten. Wenn, dann bilden sie kleine Inseln in der wogenden Masse. Viele der Berghain-Besucher kommen allein. Das liegt zum einen daran, dass große Gruppen beim Türsteher ohnehin keine Chance haben, zum anderen aber daran, dass es im Berghain vielen darum geht, mit jemandem Sex zu haben, den man wenige Minuten zuvor noch nicht kannte. Diese neuen Pärchen stehen dann oft kurz und wild knutschend am Rand der Tanzfläche, bevor sie sich in eine der zahlreichen dunklen Ecken zurückziehen.

Die Frage "Zu dir oder zu mir?" stellt sich im Berghain nicht. Es gibt zwei Darkrooms - einen mit Liegeflächen, die mit Vorhängen abgetrennt werden können, und einen mit kleinen Kabinen, in dem es so dunkel ist, dass Vorhänge überflüssig wären. Auch die schummrigen Unisex-Toiletten werden oft zweckentfremdet. Über den Waschbecken sucht man Spiegel vergeblich. Es scheint, als solle nichts an die Welt draußen erinnern. Ein Blick in den Spiegel hat in einer durchzechten Nacht schließlich schon manchen vor die Frage gestellt: Was mache ich hier eigentlich?

Gruppen auf StudiVZ

Im Online-Netzwerk StudiVZ gibt es Dutzende Berghain-Gruppen. Die Abgewiesenen haben sich beispielsweise in der Gruppe "Zu hetero fürs Berghain" zusammengeschlossen und behaupten, man habe sie nicht in den Club gelassen, weil sie zu "maskulin" seien. Andere verkünden: "Was im Berghain passiert, bleibt auch im Berghain". Und wieder andere sagen: "Zum Realitätsentzug ins Berghain? Warum nicht?".

Kürzlich hat auch der Musikjournalist Tobias Rapp (früher "taz", jetzt "Spiegel") dem Berghain ein Denkmal gesetzt. In seinem Buch "Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset" (Suhrkamp-Verlag) schreibt er: "Andere Läden betritt man, bleibt eine Weile und fährt dann anderswohin. Hier bleibt man. Der Rest der Welt verschwindet."

Quelle: n-tv.de

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