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Das Dortmunder "Tatort"-Team.
Das Dortmunder "Tatort"-Team.(Foto: dpa)

Tatort "Hundstage": Die Stadt der verlorenen Kinder

Von Ingo Scheel

Achter Fall für die True Detectives aus dem Pott - diesmal bekommt es das Team um Faber und Bönisch mit einem komplizierten Geflecht aus Schuld und Verlust zu tun. Die Dortmunder etablieren sich damit endgültig ganz oben in der "Tatort"-Riege.

Sommer in der Stadt. Die Hitze drückt, die T-Shirts kleben an den Körpern und die Grafik-Installation im Turm des "Dortmunder U" mit seiner aufpeitschenden Wassergischt wirkt fast ein wenig zynisch. Auch als Faber (Jörg Hartmann) in die Fluten steigt, dient das nicht etwa der Erfrischung, der Kommissar hört Hilferufe aus dem Dortmunder Hafen. Eine Frau kann er retten, für den Mann, der auch um sein Leben kämpft, kommt jede Hilfe zu spät. Zudem ist er nicht ertrunken, sondern hat eine Kugel in der Brust.

Martina Bönisch (Anna Schudt, l.) und Eva Dehlens (Maren Eggert) mitt einem Hundeführer.
Martina Bönisch (Anna Schudt, l.) und Eva Dehlens (Maren Eggert) mitt einem Hundeführer.(Foto: dpa)

Hat die gerettete Judith Stiehler (Anne Ratte-Polle) den Mann, einen Top-Manager, erschossen? Was hatten die beiden miteinander zu tun? Faber und Bönisch (Anna Schudt) treffen die Witwe, Eva Dehlens (Maren Eggert) und für Bönisch reißen alte Wunden auf. Der Sohn der Dehlens war 14 Jahre zuvor spurlos verschwunden, für die Kommissarin war es einer ihrer ersten Fälle. Zudem einer, der nicht gelöst wurde und dabei von ihren privaten Problemen überschattet war, ihr Sohn war zu dem Zeitpunkt lebensgefährlich erkrankt.

Alle sind betroffen

Was man dem "Tatort" immer wieder mal vorwerfen musste, diese mehr oder weniger kompatibel eingepassten Privatplots, die sich an den Fall lehnten, sind erneut Teil der Geschichte. Auch hier sind alle, aber wirklich alle, von der Problematik betroffen - der Verlust eines Kindes beziehungsweise der drohende Verlust, betrifft hier alle auf beiden Seiten des Verhörtisches. Faber, immer noch und immer noch widerwillig in psychologischer Behandlung, hat den Tod von Frau und Kind längst nicht verarbeitet, Bönisch und ihre Verwicklungen in den alten Fall belasten sie immens und auch zwischen Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) - die beiden einst ein Paar, sie hatte das gemeinsame Kind abgetrieben - sind die Gräben längst nicht geschlossen.

Und Erlösung scheint es nicht zu geben: Faber tröstet das Dosenbier nur kurz, vorm unverzichtbaren Imbisswagen kommt es gar zu einer kurzen Annäherung zwischen ihm und Bönisch, später geht ein One-Night-Stand mit der Wurstbräterin kolossal schief. Kossik trinkt ebenfalls, dazu machen Tabletten und Doppelkorn die Runde. Es sind eben "Hundstage", und das nicht nur wegen der dräuenden Hitze, die über Dortmund liegt. Regisseur Stephan Wagner (Grimme-Preisträger unter anderem für "Dienstreise" und "Der Fall Jakob von Metzler") erzählt die Geschichte ganz und gar nicht linear, sondern schüttet Puzzleteile auf den Tisch und scheint aus allen Zeitebenen verschiedene Flashbacks, mal als Szenen, dann wieder als Zeilen, in die Geschichte einzuweben.

Bedrohlich und spannend

Das Tempo scheint sich beinah den Temperaturen anzupassen. Auf ein paar zu schnell gegangene Schritte, folgen wieder Pausen zum Durchatmen, wirkliche Erholung bieten sie nicht. Zu bedrohlich, zu unterschwellig spannend ist das Geschehen, das Kameramann Thomas Benesch mit stimmigen Bildern, tollen Fahrten und Perspektiven - etwa der, als Faber und Dehlens quer durch den Luxusbungalow des Managers mit der Dienstpistole auf Bönisch, die vor dem Haus steht, zielen - greifbar macht.

Reizvoll auch der extreme Gegensatz zwischen dem nüchternen Bauhaus-Ambiente der Dehlens und dem fast unwirklich und puppig anmutenden Zwergenhaus der Familie Stiehler. Einen weiteren Glanzpunkt setzt der Score von Irmin Schmidt (Can), der Ambient-Teppiche auslegt, stählerne Akzente setzt und dem Seelendunkel einen Klang verleiht.

Am Ende, wie so oft, folgt der Lösung keine Erlösung. Der Himmel zieht zu, Regen kündigt sich an, die Hundstage sehnen den Guss herbei. Wie die Protagonisten, einem statischen Theater-Ensemble gleich, die Gesichter gen Wolken richten - ein emotionales, starkes Bild. "Und - warum bin ich Polizist geworden?", fragt der regennasse Faber später seinen Psychologen. Der nächste Fall aus Dortmund könnte den Zuschauer der Antwort vielleicht wieder ein kleines Stück näherbringen. Oder eben nicht. Es wird sich lohnen, das herauszufinden.

Quelle: n-tv.de

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