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Hatten ihren Spaß: Joko (l.) und Klaas
Hatten ihren Spaß: Joko (l.) und Klaas(Foto: dpa)
Mittwoch, 08. März 2017

Das ZDF "gefickt": Die ganze Wahrheit über das Gosling-Gate

Von Verena Maria Dittrich

Joko und Klaas - zwei lustige Blödelheinis foppen das ZDF. Eigentlich zum Feiern, dieses Gosling-Gate, doch ein fahler Beigeschmack bleibt.

"Sie haben angebissen", sagt die "Circus HalliGalli"-Mitarbeiterin und kann, wie das gesamte Team von Joko und Klaas kaum glauben, was sie da gerade am Telefon erfahren hat. Die Macher der "Goldenen Kamera" möchten Ryan Gosling bei der Veranstaltung dabei haben - koste es, was es wolle. Und wenn er nur aufschlägt, wenn er auch einen Preis erhält? Gut, dann wird er ihm noch schnell verliehen, Hauptsache er kommt.

Inzwischen ist bekannt, dass die beiden ProSieben-Knallchargen Joko und Klaas das ZDF, allen voran die Verantwortlichen der "Goldenen Kamera", nicht nur verhohnepiepelt, sondern um es im "HalliGalli"-Sprech zu sagen, sprichwörtlich "gefickt haben". Ein von ihnen eingeschleuster falscher Ryan Gosling, ein Koch aus einer Münchner Betriebskantine, sahnte den Preis für den besten internationalen Film ab - ein Streich, der polarisiert und der lange nicht so lustig war wie die ihm vorausgegangene sechswöchige Vorarbeit.

Haben eher entfernte Ähnlichkeit miteinander: Ryan Gosling und Ludwig Lehner (r.)
Haben eher entfernte Ähnlichkeit miteinander: Ryan Gosling und Ludwig Lehner (r.)(Foto: dpa)

Joko und Klaas packen aus. Wie haben sie es überhaupt geschafft, das ZDF so zu foppen? Im Nachhinein scheint die Nummer so simpel, dass man es kaum glauben kann: Mit einer flupps zusammengezimmerten Website mit in Gold gestanzten Lettern im Hintergrund, das macht was her, einem Prepaid-Handy, jemanden, der dem echten Ryan Gosling ein bisschen ähnlich sieht und einer wichtig aussehenden Entourage - und schon geht’s los.

"Dreistester Anforderungskatalog aller Zeiten"

Das sogenannte "Gosling-Gate" ist eigentlich witzig und könnte auch dafür gefeiert werden - eigentlich. Denn was dieser Streich aufdeckt, ist so hanebüchen, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

"Die goldene Kamera" wähnt sich, die glamouröseste Preisverleihung Deutschlands zu sein. Wenn aber ein Hollywoodstar gerade zufällig im Land ist, bekommt er auch einen Preis. Stimmt das wirklich? Leider ja. Natürlich sagen Joko und Klaas nach dem gelungenen Coup, dass das ZDF die Angelegenheit mit "Humor nehme", aber ganz so "fluffig", wie man es nach getaner Arbeit gern aussehen lassen will, ist es nicht.

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Das Peinliche, das, was am meisten für Kopfschütteln sorgt, sind nämlich die Mechanismen dieses Preisverleih-Systems. Joko und Klaas stellen eine der größten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Europas, die monatlich Millionen von Euro zur Verfügung hat, vollkommen bloß und zeigen dem zahlenden Zuschauer, wie dilettantisch es hinter den Vorhängen der Unterhaltungsindustrie zugeht. Zwei Typen, die einfach nur rumblödeln.

Die Verantwortlichen der "Goldenen Kamera" lassen sich blenden - von einem gefakten Internetauftritt und Anrufen angeblicher Agenturmanager. Weil es sich, ihrem Glauben nach, um einen großen Hollywoodstar handelt, macht man den Hofknicks.

Bloß nicht den Ryan Gosling verärgern, indem man sich erdreistet, seine Identität zu überprüfen oder vorab mal ein paar Worte mit ihm wechselt. Vielleicht ist der Ryan ja noch müde vom Flug, erkältet oder hat einen Furz quer sitzen. Alles, wirklich jede Forderung im Bezug auf Goslings Erscheinen und sei sie auch noch so absurd, wird akzeptiert. Es war "der dreisteste Anforderungskatalog aller Zeiten." "Die machten alles, die ließen sich alles gefallen", so das Blödel-Duo. "Wir konnten das selbst kaum glauben. "

Hey Ryan, bist du's wirklich?

Tatsächlich ist es ein Unding, dass eine Live-Show nicht ein einziges Mal sichergeht, ob der vermeintliche Star auch tatsächlich derjenige ist, der er vorgibt zu sein. Man möchte sich nicht ausmalen, wer da alles ungeprüft beim ZDF einreiten könnte.

Der Ablauf scheint folgender: Jeder, der einen schweren Wagen mit abgedunkelten Scheiben und einen Tross Bodyguards um sich hat, wird hofiert. Wir - der Hofstaat, Du - der große Star. Niemand fragt: Hey, bist du wirklich der oder der? Ach, wird schon hinhauen, die Sache mit der richtigen Identität, scheint auch Thomas Hermans zu denken, Creative Direktor der "Goldenen Kamera" und schwer beschäftigt mit seinem Laptop, als der Fake-Ryan-Gosling alias Ludwig Lehner geschlagene sechs Minuten neben ihm steht und auf seinen großen Auftritt wartet.

Joko und Klaas ist ein großer Coup gelungen. Im Grunde aber haben sie sich mit diesem Gag nicht nur einen Gefallen getan, sondern irgendwie auch etwas geschadet. Und zwar der Unterhaltungsindustrie, zu der sie selbst gehören, ihrem eigenen Sender und zu guter Letzt dem TV-Zuschauer. Denn wie gesagt, der Moment, als der falsche Ryan die Bühne betrat, war eher zum Fremdschämen als lustig.

Schabernack im Geiste der Zeit

So verkommt die Freude, dem ZDF, wenn auch aus betont humoristischer Absicht ans Bein gepinkelt zu haben, zum Rohrkrepierer. Wir wissen jetzt: Ja, es war und ist womöglich noch immer machbar, mit einer blonden Perücke auf dem Kopf, zwei dicken Wollsocken im Ausschnitt und ein paar Kumpels im Schlepptau bei den Machern der "Goldenen Kamera" als Pamela Anderson durchzugehen. "Die Pamela hat Migräne, liebes ZDF." "Na gut, man sieht sich ja dann - später auf der Bühne." Ein Irrenhaus!

Das "Gosling-Gate" ist ein Schabernack, der in unseren Zeitgeist passt. Alles wird nur noch benutzt, um einen Kalauer loszutreten. Pennäler-Gags auf Kosten der Zuschauer. Eher per Zufall wird dabei aufgedeckt, wie Hollywood-Leuten die Füße geleckt werden.

Das ZDF ist unabhängig, finanziell gefüttert mit eingetriebenen Gebührengeldern, behäbig und - nachlässig. Genauso wie es als gerecht angesehen wird, dass alternde Intendanten dieses TV-Kolosses mehr verdienen als die deutsche Bundeskanzlerin, scheint es okay zu sein, dass da keiner ist, der weiß, wen man sich da überhaupt auf die Bühne holt.

Vor diesem Hintergrund scheint die Buckelei vor vermeintlichen Obrigkeiten aus Hollywood noch unerträglicher, als sie es ohnehin schon ist.

Übrigens: "La La Land" hat zwar sechs Oscars, aber keinen in der Hauptkategorie - wenigstens da konnte die Aktion von "Circus HalliGalli" Hollywood unter die Arme greifen, denn ohne Joko und Klaas hätte der Film nicht die "Goldene Kamera" als "Bester Film International" bekommen. Nachzulesen bei Wikipedia. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Quelle: n-tv.de

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