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Nach dem Suizid von Udo Reiter sprechen über Sterbehilfe: Franz Müntefering, Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Bettina Schöne-Seifert und Nikolaus Schneider (v.l.).
Nach dem Suizid von Udo Reiter sprechen über Sterbehilfe: Franz Müntefering, Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Bettina Schöne-Seifert und Nikolaus Schneider (v.l.).(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)

Udo Reiter und die Sterbehilfe: Ein Suizid braucht kein TV-Format

Von Anna Meinecke

Wer sehr krank ist, muss sterben dürfen. Das finden die meisten Deutschen, das fand auch Udo Reiter. Als er sich das Leben nimmt, hinterlässt er der ARD einen Abschiedsbrief. Die verliest ihn und bietet damit der Abscheu vor dem Alter eine Bühne.

"Ich habe hier einen Brief, der für Sie alle zu Hause und für uns hier im Studio bestimmt ist." Günther Jauch spricht vom Abschiedsbrief Udo Reiters. Vor elf Tagen erschoss sich der ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks auf der Terrasse seines Hauses. Und ja, sein Brief war für die Öffentlichkeit bestimmt. Das heißt aber nicht, dass diese dessen Inhalt kennen sollte.

Anfang des Jahres stritt Udo Reiter bei Jauch noch selbst für die Sterbehilfe.
Anfang des Jahres stritt Udo Reiter bei Jauch noch selbst für die Sterbehilfe.(Foto: picture alliance / dpa)

Für seine Sendung "Udo Reiters letzter Wille - dürfen wir selbstbestimmt sterben?" hat Jauch wohl ausgesuchte Gäste geladen. So viel vorab: Es ist eine überdurchschnittlich angenehme Auswahl an Talkshowteilnehmern. Man übt sich in Zurückhaltung, bleibt sachlich oder wird persönlich, ohne privat zu werden. Es ist kein gegenseitiges Abschlachten.

Kampf für ein Recht auf Selbsttötung

Die Sendung huldigt der Idee diverser Überzeugungen mit Respekt vor mehr als der Brisanz des Themas, dem Respekt vor Menschen. Im positivsten Sinne ist die Sendung mehr Gespräch als Talkshow, sie hat nur einen Fehler. Reiter stritt fast sein gesamtes Leben lang öffentlichkeitswirksam für Sterbehilfe und ein persönliches Recht auf Selbsttötung. Sein Tod darf aber trotzdem nicht dafür benutzt werden, eine wesentliche Debatte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu befeuern. Reiters Freitod ist kein Beispiel für einen erfüllten Wunsch jener, deren Fürsprecher Reiter sein wollte.

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Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert findet etwa, ein Arzt müsse beim Sterben helfen dürfen. Nicht jedem, sondern denen, die unheilbar schwer krank sind oder eine Behinderung mit Leidenszuständen haben. Sie will damit Patienten helfen, die ihren Zustand als unwürdig und unerträglich empfinden. Bedingung ist: Sie müssen freiverantwortlich handeln, also bei gesundem Verstand sowie nach guter Beratung und wohl überlegt, frei von Druck durch die Gesellschaft oder Dritte ihre Entscheidung fällen.

Dass Udo Reiter freiverantwortlich handelte, als er am 9. Oktober den Abzug drückte, kann angenommen werden. Aus Reiters Sicht müsste man vielleicht sagen: Es soll sogar. Er hatte entsprechende Absichten nicht nur einmal kundgetan. Franz Müntefering, der seine krebskranke Frau hingebungsvoll bis zu ihrem Tod pflegte, moniert in der Sendung jedoch zu Recht: Wäre Reiter den medizinischen Kriterien Schöne-Seiferts gerecht geworden? Die Gesprächsrunde lässt seine Frage unbeantwortet.

Natürlicher Verfall als Makel

Befürworter der Sterbehilfe wollen Patienten einen Tod ermöglichen, der weder einsam noch grausam sein muss. "Giftspritze" ist ein Begriff, der mehrfach fällt an diesem Abend - oder "Giftcocktail". Davon sprach auch Reiter stets, doch schließlich wählte er die Schusswaffe, die er sich recht schnell besorgte, nachdem ein Unfall ihn 1966 an einen Rollstuhl gefesselt hatte. Er müsse mit dem völligen Verlust seiner Selbstständigkeit rechnen, schreibt Reiter in seinem Abschiedsbrief. Er werde wohl "kürzer oder später" dement werden. "Müsse rechnen", "werde wohl" - Floskeln, die ein austherapierter Krebspatient vermutlich nicht verwenden würde. Von Reiter ist keine schwere Erkrankung bekannt.

Thomas Gottschalk fiel es nicht immer leicht, den verstorbenen Freund zu verstehen.
Thomas Gottschalk fiel es nicht immer leicht, den verstorbenen Freund zu verstehen.(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)

Auch wenn die Kritik an der öffentlichen Person Reiter eine leise ist: Sie klingt doch an. Als eine "bildungsbürgerliche Idee" bezeichnet Müntefering die Herangehensweise Reiters an den Tod. Und der gute Freund des Verstorbenen, Thomas Gottschalk, der die Runde wohl am meisten bereichert, führt den Gedanken einer neuen gesellschaftlichen Ästhetik an, aufgrund derer der Opa eben nicht mehr "wackelnd und sabbernd" im Kreise der Familie sitzt. Verfall wird in einer Zeit, in der er aus der Mitte der Gesellschaft verdrängt wird, trotz seiner Unvermeidbarkeit als Makel empfunden.

"Ich möchte nicht in einem Zustand sein, wo man mir oben in Kanülen den Nahrungsersatz einfüllt und unten die Exkremente mit Gummihandschuhen wieder herauskratzt", sagt Reiter in einem Einspieler, und verzieht angewidert das Gesicht. Es klingt wie ein Schlag in die Magengrube für all die, die sich dafür entscheiden, ihren Lebensweg zu Ende zu gehen - sei er noch so hart für die, die den Tod geschehen lassen und für die, die sie mit all ihrer Liebe begleiten.

"Man hofft, dass er Mut gehabt hätte"

Man dürfe nicht den Fehler begehen, die Würde eines Menschen von seinen geistigen oder körperlichen Fähigkeiten abhängig zu machen, erinnert der scheidende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, die Runde. Man müsse stattdessen "die Würde ans Leben binden". Und es ist immer wieder Müntefering, der feststellt, dass nicht Sauberkeit und die Fähigkeit, sich zu artikulieren ein Leben lebenswert machen. Wenn er sagt: "Man hofft, dass er Mut gehabt hätte, weiterzuleben", ist das genau die richtige Stoßrichtung.

"Der Rotwein hat ihm geschmeckt, er hat die Vögel zwitschern hören - genauso wie ich", erzählt Gottschalk von seinem letzten Treffen mit dem Freund rund zwei Wochen vor dessen Tod, doch er spricht auch von pessimistischen Reflexen und Depression. Udo Reiter konnte das Leben sehen und er hat sich dagegen entschieden. Nach beinahe einem halben Jahrhundert im Rollstuhl hatte er Angst vor dem Selbstverständlichen: seinem Alter. Es braucht Mut, sich mit der eigenen Unvollkommenheit zu konfrontieren, so wie es Mut braucht, die schwindende Überzeugung von der eigenen Großartigkeit zu akzeptieren.

Im Januar diesen Jahres noch stritt Reiter selbst bei Jauch für ärztliche Suizidbeihilfe. Jetzt lässt er es posthum andere für ihn tun. Doch eine gute Debatte muss besonders im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch den richtigen Anlass haben. Reiters Tod war es nicht.

Er hat kein Zeichen gesetzt für die, die unerträglich leiden. Sondern eins für jene, die zu viel wollen. Die, die aufgeben, weil sie nicht mehr so hell leuchten wie vielleicht gestern noch. Udo Reiter kann aber nicht für die Dementen sprechen. Nicht für die Krebskranken und auch nicht für die, deren Leben jeder Freude beraubt ist. Udo Reiter hat für sich selbst gesprochen und er ist für sich selbst gestorben. Sein Abschiedsbrief war für die Öffentlichkeit bestimmt - aber ein persönlicher Abschiedsbrief braucht kein TV-Format.

Quelle: n-tv.de

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