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Der "King of Pop" lebt: Ein halbes Jahrhundert George Michael

Von Axel Witte

"Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum". Und ja, ohne seine Musik auch weniger schön. Vor mehr als 30 Jahren hat der Sänger und Songwriter George Michael seine Karriere gestartet - heute feiert er seinen 50. Geburtstag.

Wo sind all die Jahre hin und warum sind sie dahin? (Foto: Sony Music)
Wo sind all die Jahre hin und warum sind sie dahin? (Foto: Sony Music)

Es ist schon erstaunlich. Obwohl George Michael in seiner über drei Dekaden dauernden Karriere gerade einmal sechseinhalb Studioalben mit eigenen, neuen Songs veröffentlicht, kennt ihn und seine Musik nahezu jeder. Verantwortlich für diesen gefühlten Widerspruch sind ein an Widrigkeiten nicht armes Leben und ein unglaubliches Talent als Sänger und Komponist.

Michaels kometenhafte Karriere beginnt 1981 als eine Hälfte des Duos Wham! in London. Er, der introvertierte und schüchterne Kreative, Sohn eines zyprischen Einwanderers und einer Engländerin, findet in seinem lebenslustigen Schulfreund Andrew Ridgeley seinen kongenialen Band-Partner. Die Erfolgsformel für ihr erstes Album "Fantastic" ist dabei denkbar einfach: tanzbare, groovige Popsongs und viel gute Laune. Mit der seinerzeit vorherrschenden kühlen Inszenierung des New Wave oder New Romantic haben die beiden nichts am Hut. Sie geben sich locker – wahlweise in Lederjacken oder Tennis-Outfits. Und der Erfolg gibt ihnen recht. Schnell füllen Hits wie "Wham Rap" oder "Club Tropicana" die Tanzflächen zwischen Glasgow und Ibiza.

"Make It Big"-Tour 1984.
"Make It Big"-Tour 1984.(Foto: AP)

Ein Rechtsstreit mit ihrer ersten Plattenfirma sorgt dafür, dass die Band zwei Jahre kein neues Album veröffentlicht. 1984 erscheint dann "Make It Big" und der Erfolg ist riesengroß. Stilecht im sonnigen Süden Frankreichs aufgenommen, gelingt Wham! damit ein Pop-Klassiker. Weniger Dance, dafür deutlich mehr soulig angehauchte Popsongs untermauern die Ambitionen der Band - und vor allem die des mittlerweile allein für die Kompositionen verantwortlichen George Michael. Während er im Studio Hits wie am Fließband schreibt und produziert, konzentriert sich Kollege Ridgeley darauf, gelegentlich zur Gitarre zu greifen und ansonsten sein Dasein als Popstar in Bars und mit Autorennen zu verbringen. Dennoch gibt er dem oft zweifelnden, schüchternen Michael Halt und Stabilität.

Zahnpastalächeln, cremefarbene Anzüge & Sahnepop

Mit Hits wie "Wake Me Up Before You Go-Go", "Everything She Wants" oder "Last Christmas" gelingt Wham! nun auch der Durchbruch in den USA. Ob im cremefarbenen Anzug oder knalligen Badeshorts, die zumeist weiblichen Teenager dieses Planeten reißen sich um die beiden. Selbst in China dürfen sie als erste westliche Popband Konzerte geben. Das Image der smarten Latin-Lover wird mit jedem Foto, jedem Video, jedem Konzert gekonnt in Szene gesetzt.

Wham!, kurz vor der Trennung.
Wham!, kurz vor der Trennung.

Mitten in dieser Erfolgsphase veröffentlicht Michael mit "Careless Whisper" eine Solosingle - und die Welt schmachtet mit. Es ist ein erster Test in Richtung Solokariere. Zu eng ist ihm das Korsett des gutgelaunten Popstars, zu heiter das berühmte Zahnpastalächeln der Band. Und auch seine Sexualität irritiert ihn - fühlt er sich doch zunehmend von Männern angezogen. Eine Tatsache, die für ihn als Pin-Up pubertierender Mädchen nur schwer einzuordnen ist. Mit blond gefärbter Mähne und einem von zu viel Wein getrübten Blick weiß er oft selbst nicht, ob die gnadenlose britische Boulevardpresse ihn oder Lady Diana auf die Titelblätter zerrt.

Zwei Jahre später ist es so weit. Wham! trennen sich - als Freunde. Zwei letzte Singles erobern die Charts, ein letztes Konzert im Londoner Wembleystadion elektrisiert die Fans.

Sollte sich Michael von seiner Solokarriere weniger Aufmerksamkeit versprochen haben, irrt er. Sein 1987 veröffentlichtes Album "Faith" wird ein Megaseller. Mit deutlich männlicherem Image schafft er allein in den USA fünf Nummer-Eins-Hits. Künstlerisch halten sich teils gefühlvolle, teils obsessive Balladen ( "One More Try", "Father Figure") und schnelle Dancetracks ("I Want Your Sex", "Monkey", "Faith") die Waage. Eine gigantische Welttournee krönt seinen Erfolg. Doch Michael wird die Erwartungshaltung vonseiten seiner Plattenfirma und der Öffentlichkeit zu viel.

Die Metamorphose vom Popstar zum Künstler gelingt

Mit "Listen Without Prejudice" veröffentlicht er 1990 ein vergleichsweise stilles und nachdenkliches Album - und verweigert die Promotion-Arbeit. Es gibt kaum Interviews und keine Videos, in denen er selbst zu sehen ist. Stattdessen klagt er gegen seine Plattenfirma auf Vertragsauflösung - zu sehr fühlt er sich reglementiert und unter Erfolgsdruck. Dennoch kann er mit "Praying For Time" und "Freedom `90" zwei Hits verbuchen. Die Metamorphose vom Popstar zum Künstler gelingt.

"Faith"-Tour, 1988.
"Faith"-Tour, 1988.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Als Konsequenz seines verlorenen Rechtsstreits boykottiert Michael allerdings weitere Plattenveröffentlichungen. Außer für wenige Auftritte, zumeist bei Benefizkonzerten, zieht er sich ansonsten aus der Öffentlichkeit zurück. Privat scheint sich sein Leben allerdings zum Guten zu wenden. Mit 27 Jahren findet George Michael in dem Brasilianer Anselmo Feleppa eine erste große Liebe. Nur zwei Jahr später ist Feleppa tot - gestorben an den Folgen seiner HIV-Infektion. Michael verneint später eine Ansteckung und ist zu dem Zeitpunkt offiziell noch immer nicht schwul.

Depressionen, Drogen und eine Schreibblockade begleiten seine Trauer um den geliebten Menschen. Es dauert bis 1996, ehe George Michael das Ärgste überstanden hat und mit "Older" sein drittes Studioalbum herausbringt. Diesmal mit einer erfolgreichen Mischung aus nachdenklichen, ruhigen Balladen und schnellen Up-Tempo-Nummern. "Fastlove", "Jesus To A Child" und "Star People" heißen die Hits. Das Comeback ist geglückt. George Michael scheint wieder bereit für die große Bühne.

Sexuell sucht er die Öffentlichkeit

Bis 1997 seine Mutter stirbt. Erneut beuteln den Künstler schwere Depressionen. Wieder sind Alkohol und Drogen seine Weggefährten. An eigene Songs ist nicht zu denken. Er leidet still, öffentliche Exzesse sind ihm fremd. Lediglich in sexueller Hinsicht sucht er die Öffentlichkeit. 1998 wird Michael auf einer Parktoilette in Los Angeles bei dem Versuch verhaftet, einen Polizisten in Zivil zu verführen. Er wird zu einer geringen Strafe verurteilt und die Welt erfährt von seiner Homosexualität. George Michael nimmt den Vorfall mit Humor und durchbricht seine künstlerische Blockade zumindest kurzzeitig. Er schreibt den Song "Outside", welcher den Vorfall ironisiert und ihm einen erneuten Hit einbringt. Mit "Songs From The Last Century" folgt ein Jahr später immerhin ein Swing-Album mit Coverversionen von ihm verehrter Künstler.

"25 Live"-Tour 2008
"25 Live"-Tour 2008(Foto: picture-alliance / dpa)

In den folgenden Jahren engagiert sich Michael noch stärker für eine liberalere Politik in Großbritannien, die AIDS-Hilfe und die Legalisierung von Cannabis. Er spendet weitere Millionen für wohltätige Zwecke und wettert öffentlich gegen den zweiten Irak-Krieg. Doch es dauert bis 2004, bis er mit "Patience" ein neues Studioalbum veröffentlicht. Wieder mit einer Mischung aus melancholischen, ruhigen Stücken und aufpeitschenden Tanznummern. Die Singles "Amazing" und "Flawless" erfreuen die immer noch gewaltige Fangemeinde des Sängers. Mit "25 Live" legt er zwischen 2006 und 2008 nach und feiert sein 25-jähriges Bühnenjubiläum mit einer weltweit ausverkauften Konzerttournee – der ersten seit fast 20 Jahren. Er verzaubert sein Publikum mit mitreißenden Shows und seiner grandiosen Stimme.

Probleme beim Autofahren

George Michael scheint nun bei sich angekommen, wären da nicht immer wieder skurrile Auffälligkeiten. Mal schläft er mitten auf der Kreuzung hinter dem Steuer seines Wagens ein, mal rammt er mit diesem ein Gebäude. Immer sind Drogen mit im Spiel. Infolgedessen wird er 2010 zu einer Gefängnisstrafe von acht Wochen verurteilt, nach vier Wochen ist er wieder frei.

Im Jahr 2011 tourt er mit einem Symphonieorchester durch Europa, als ihn eine Lungenentzündung beinahe das Leben kostet - wochenlang ringt er auf der Intensivstation mit dem Tod. Seinen Rettern aus dem Krankenhaus widmet er daraufhin das Lied "White Light", seine bisher letzte Veröffentlichung.

Aber auch im Jahr 2013 gibt George Michael wieder Grund zur Sorge, als er als Beifahrer auf einer Autobahn bei hoher Geschwindigkeit aus dem Wagen fällt. Wie durch ein Wunder kommt er mit einigen Kratzern davon. Schnell machen Gerüchte über einen Suizidversuch oder einen erneuten Drogenrausch die Runde. Eine offizielle Erklärung des Sängers bleibt aus.

Es war und ist ein bewegtes Leben, welches der Mensch und Musiker Georgius Kyriakos Panagiotou - so sein bürgerlicher Name - durchlebt. Voll von Erfolg, Freude, Leid, Liebe, Traurigkeit, Talent, Begierde, Zweifel und Selbstfindung. Wobei die Qualität und Intensität seiner Lieder durch eben diese Fülle an Gelebtem genährt werden - ein geradezu klischeehaftes Künstlerdasein und schon jetzt ein gewaltiges musikalisches Erbe.

Quelle: n-tv.de

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