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Die Mitarbeiterinnen der "Emma" Chantal Louis, Anett Keller, Margitta Hösel und Alice Schwarzer im Januar 2017.
Die Mitarbeiterinnen der "Emma" Chantal Louis, Anett Keller, Margitta Hösel und Alice Schwarzer im Januar 2017.(Foto: dpa)
Donnerstag, 26. Januar 2017

Freundin, Feindin, Feminismus : "Emma" - eine Emanze wird 40

Von Sabine Oelmann

Brauchen wir "Emma"? Und braucht "Emma" uns? Zweimal ja, denn "Emma" wird 40, ein echt sensibles Alter für eine Frau. Und "Mutter" Alice Schwarzer? Ist erstaunt über den Spross, feiert, freut sich und "schüttelt ungläubig mit dem Kopf".

(Foto: dpa)

Als "Emma" auf die Welt kam, war ich zehn, mein Bruder sieben Jahre alt. Meine Mutter war Hausfrau in West-Berlin und wirkte immer so, als hätte sie absolut keine Zeit für Kokolores. Sie "hielt meinem Vater den Rücken frei", wie man so schön sagte, wenn der Mann Karriere machte und die Frau zu Hause blieb. Es stimmte aber auch alles bei uns. Wenn andere Frauen sich von ihrem Mann trennten, weil sie sich "selbst verwirklichen wollten", hob meine Mutter eine Augenbraue und fragte: "Und, ist sie jetzt glücklicher in ihrer kleinen Wohnung ohne Mann und mit den Kindern und dem Halbtagsjob?" Meine Mutter war nicht feministisch. Sie war eher feminin. Sie kümmerte sich um uns Kinder, es gab mittags nach der Schule warmes Essen (nicht nur für uns, auch für unsere Freunde), und abends ging sie aus. Mit meinem Vater, schick. Eine super Kindheit.

Später ging meine Mutter wieder arbeiten, als wir "aus dem Gröbsten raus waren", und irgendwie hat sie sich dann auch noch sehr emanzipiert. Ich muss sie mal fragen, ob sie jemals "Emma" gelesen hat. Denn darum soll es hier ja eigentlich gehen, um eine Frauenzeitschrift, die über "die hellen und die dunklen Seiten eines Frauenlebens" berichtet. Tja, was soll man sagen, in der "Brigitte" konnten wir lesen, wie wir das Beste aus unserem Äußeren machen ("die Rubrik "Vorher/ Nachher" war richtungsweisend), in der "Emma" stand und steht noch heute, wie Feminismus geht.

Dass man inzwischen ganz gut aussehen und trotzdem feministisch sein darf, ist sicher auch ein Verdienst von Alice Schwarzer und ihren Mannen, Verzeihung, MännInnen, äh Frauen. Blöder Witz, liebe LeserInnen, ja, aber mit der weiblichen Sprache hatte man und frau es nicht immer einfach. Doch dies nur am Rande.

Am 26. Januar 1977 erschien die "Emma" also zum ersten Mal; 330 Ausgaben, 29.068 Seiten und 40 Jahre später sehen wir online, dass die Themen sich nicht so groß verändert haben. Oder? Auf "Emma.de" lesen wir zum Beispiel: "So sieht eine Klitoris aus", erfahren, dass dies das Zentrum der weiblichen Lust ist und erschrecken, da laut "Emma" 83 Prozent der 15-jährigen Mädchen noch nie etwas von diesem Wunderding zwischen ihren Beinen gehört haben sollen.

Es wird über den "Millionenprotest" von Feministinnen anlässlich des "Sisters March" für Frauenrechte - einen Tag nach der Vereidigung Donald Trumps zum US-Präsidenten - berichtet, und es sind viele Frauen mit lustigen Mützen oder orangen Brillen zu sehen und Gloria Steinem, die unfassbar gut aussehende, 82 Jahre junge Journalistin und Frauenrechtlerin, die den Frauenzug in Washington anführt. Hier in Deutschland gratulieren viele Prominente zum Geburtstag und betonen, dass "Emma" unverzichtbar ist und ihr Leben zum Besseren gewandelt hat. Sogar die Kanzlerin , die bereits 1993 als Frauenministerin einen vielbeachteten, emanzipatorischen "Emma"-Artikel verfasst hatte, resümiert jetzt in einem Beitrag für die Jubiläumsausgabe, dass sie sich darüber freue, wie hartnäckig "Emma" sich für die Belange der Frauen einsetzt und sich auch durch Gegenwind nicht vom Kurs abbringen lässt". Sie ärgert sich aber auch darüber, dass die Zeitschrift "manchmal auch da streitbar und unversöhnlich ist, wo Konsensbereitschaft und Lösungsangebote ihren Zielen förderlicher wären." Typisch Angie.

Auch die "Emmas", die Macherinnnen, kommen in der Festausgabe zum 40. Geburtstag zu Wort: Sie stammen laut eigener Aussage aus drei Generationen und sind Frauen wie du und ich. Sie bringen Apfelkuchen für die Redaktion mit, sie haben Vorurteile: "Da macht so eine Frau in Wallewalle-Klamotten und Zopf die Tür auf", "Ich trug tatsächlich eine Latzhose", "Das war aber 1984", "Ja, und heute sind die wieder der letzte Schrei", "Also, ich habe noch nie in meinem Leben eine Latzhose getragen" und so weiter.

Byebye, Post-Feminismus

Es muss weitergehen!
Es muss weitergehen!(Foto: imago/IPON)

Auch die Chefin, die kaum fassen kann, wie schnell die Zeit verging, gerät ins Plaudern: Die 74-Jährige erzählt in der Jubiläumsausgabe, wie es weitergehen wird und warum es weitergehen muss. Sie redet über feministische Wahrheiten und aktuelle Entwicklungen. Und darüber, dass scheinbar Erreichtes neu verteidigt werden muss. Denn: "it's Trump-Time! "Die lockeren Zeiten des Post-Feminismus sind vorbei. Spätestens seit der Trump-Wahl ist wieder Feminismus pur angesagt", schreibt Schwarzer. Und sie schwärmt: "Für uns 'Emmas' ist das 'Emma'-Machen ja ein permanentes Abenteuer. Heft für Heft 116 Seiten - und die totale Freiheit, zu denken und zu schreiben, was die Redaktion relevant findet. Kein Konzern, kein Kalkül, keine Anzeigengeber, die reinreden. Einzig und allein die Lust am Zeitschriftenmachen, der Spaß an der Kommunikation mit den LeserInnen und der Gesellschaft sowie die Hoffnung auf Aufklärung und eine auch für Frauen gerechtere Welt."

(Foto: dpa)

Ein Traum? Weiterhin? "Ich will den Mund nicht zu voll nehmen", fährt Alice Schwarzer fort, "doch mir scheint, 'Emma' könnte heute die einzige Publikumszeitschrift auf der Welt sein, die noch so funktioniert. Und das wird auch so bleiben. Denn viele Anzeigen hatten wir noch nie (trotz nie nachlassender Bemühungen)." Man hört sie förmlich lachen bei dieser Aussage. 90 Prozent aller Einnahmen stammen aus dem Verkauf des Heftes, und damit kann die Zeitschrift bisher schuldenfrei existieren. Für ein Magazin, das noch nie in seiner Geschichte auch nur einen Pfennig beziehungsweise Cent für Werbung hatte, ist das beachtlich. "Emma" ist also nicht nur geschlechterpolitisch, sondern auch medienpolitisch gesehen eine Pionierleistung. "Solange die LeserInnen wollen, wird es also "Emma" geben", frohlockt die Chefin und Gründerin.

Männer sind auch MenschInnen

Dass Alice Schwarzer nicht nur eine Feministin, sondern auch eine Humanistin ist, dürfte sich mittlerweile ja herumgesprochen haben. Und das beinhaltet auch Männer! Für deren Chancengleichheit sie ebenso kämpft wie für Gewaltfreiheit. "Hätte mir vor 40 Jahren jemand gesagt, dass ich 'Emma' noch im Jahre 2017 machen würde - ich hätte wohl ungläubig den Kopf geschüttelt", schreibt sie anlässlich des 40. Jubiläums. "Beim Start im Herbst 1976 hatte ich keinesfalls die Absicht, Verlegerin zu werden, ja noch nicht einmal Chefredakteurin. Ich wollte einfach nur dazu beitragen, dass in Deutschland eine unabhängige, öffentliche Stimme von und für Frauen existiert. Denn wir engagierten Journalistinnen hatten in den bewegten 70er Jahren die Erfahrung machen müssen, dass die so genannten 'Frauenthemen' plötzlich Männersache wurden - und nicht selten gar nicht oder nur klischeehaft berichtet wurden. Was sich seither etwas, aber nicht wesentlich geändert hat." Sie warnt: "Wir leben in einer Periode der­ Rück­schläge." Stimmt leider, denn wie man sieht, muss über diese Themen weiter explizit berichtet werden: Zu Donald Trumps ersten Amsthandlungen gehörte beispielsweise, das Geld für Organisationen, die im Ausland Abtreibungsberatungen anbieten, zu streichen. Ein Rückschritt ohnegleichen!

Eine große Freude muss für Alice Schwarzer sein, dass die  LeserInnen jung und alt sind (jede Vierte ist unter 30, jede Zweite zwischen 30 und 50), Mütter oder keine Mütter sind. "Sie lieben Männer (80 Prozent) oder/und Frauen (15 Prozent). Sie wollen die Welt auf den Kopf stellen - oder nur ein bisschen besser machen", schreibt Schwarzer.

Come together

Zurück zum Anfang: Neulich hat meine Mutter sich mit einer alten Frau angelegt, die mit dem Regenschirm auf mein Auto einschlug, weil ich vor dem Haus meiner Eltern halb auf dem Bürgersteig stand. Ich schimpfte nur aus dem offenen Fenster, weil ich gleich wieder weg wollte, und weil ich die Alte kenne und sie mir eigentlich leid tut (alt, einsam, verbittert, zu viel Kohle), aber meine Mutter wäre fast auf sie losgegangen: Sie ist noch immer sehr schnell, wendig und effizient. Die Frau schlug inzwischen nämlich nicht mehr nur auf mein Auto, sondern auch auf meine Mutter (die noch immer irgendwie frisch operiert war zu diesem Zeitpunkt, nicht kosmetisch!), und ich musste dazwischen gehen. Die Alte zuckelte dann zeternd mit ihrem lahmenden Hund ab, der niemandem etwas zuleide tut, den ich aber dennoch mittendrin als "Köter" beschimpft hatte, was nun wiederum meine kleine Tochter zum Heulen brachte. Ich musste dann leider lachen ob der Absurdität der Situation: Sollten wir denn nicht alle Freundinnen sein, wir Frauen? Und prügeln sich Mädchen denn, vor allem in fortgeschrittenem Alter? Hallo, Mädels! Love, Peace und so! Es gibt noch eine Menge zu tun! 

Vor 32 Jahren zog ich zu Hause übrigens aus mit den Worten: "So wie du werde ich nie sein," und fand mich irre cool, aufgeklärt und fast ein bisschen feministisch. Sehr wissend. Wenn ich mich da mal nicht getäuscht hatte …

Quelle: n-tv.de

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