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Superfrau Hella von Sinnen und Co-Moderator Christian Gasser (r.) mit Lebenswerk-Preisträger Mattotti,
Superfrau Hella von Sinnen und Co-Moderator Christian Gasser (r.) mit Lebenswerk-Preisträger Mattotti,(Foto: Erich Malter, 2012)

Schöne Töchter, dicke Tante und Kitsch: Max und Moritz sind von Sinnen

von Markus Lippold, Erlangen

Die "dicke Tante" hat ihren Spaß. Hella von Sinnen verleiht im Superman-Kostüm den bedeutendsten deutschen Preis für grafische Literatur. Und wenn ihr die Geschichten nicht gerade "zu hetero" oder untot sind, dann ist sie begeistert. Preisträger gibt es auch. Sie handeln von schönen Mädchen, Massakern im Gaza-Streifen und einem schwarzen Polarforscher.

In diesem Kostüm stahl sie natürlich allen die Show: Verkleidet als Superman betrat Hella von Sinnen die Bühnen des Markgrafentheaters in Erlangen und hatte von der ersten Sekunde an nicht nur ihren Schweizer Co-Moderator Christian Gasser voll im Griff, sondern das gesamte Publikum. Selbst der für sein Lebenswerk geehrte italienische Künstler Lorenzo Mattotti, der kein Wort von der "dicken Tante" (von Sinnen über von Sinnen) verstand, gestand am Ende ein: "You are very funny" - du bist sehr witzig.

Der Strip "Schöne Töchter" von Flix erscheint regelmäßig im Berliner "Tagesspiegel". (Bitte klicken für den gesamten Strip.)
Der Strip "Schöne Töchter" von Flix erscheint regelmäßig im Berliner "Tagesspiegel". (Bitte klicken für den gesamten Strip.)(Foto: Flix - Tagesspiegel)

Und das war sie natürlich. Bereits zum zweiten Mal moderierte von Sinnen die Verleihung des Max-und-Moritz-Preises, der wichtigsten Auszeichnung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum, die traditionell auf dem Comic-Salon in Erlangen vergeben wird. Sie tat dies mit Schwung und Elan und entsprach damit einer Branche, die sich im Umbruch befindet. Die deutsche Comic-Szene erlebt so viel Aufmerksamkeit und Akzeptanz wie nie. Sie erlebt seit einigen Jahren enorme Zuwächse und bringt auch immer mehr deutsche Stars hervor.

Einer von ihnen, Flix, bekommt gleich den ersten Preis für den besten Comic-Strip, also jene Kurzform, die in deutschen Zeitungen gerade eine Renaissance erlebt. Mit "Schöne Töchter", der regelmäßig im Berliner "Tagesspiegel" erscheint, habe Flix einen "Comic-Strip über die Liebe zum Comic-Strip" geschaffen, heißt es in der Begründung der Jury. Und ganz nebenbei handeln die Geschichten natürlich auch von der Liebe.

"Da ist noch Saft in der Limette"

Für Flix ist es bereits die zweite Auszeichnung dieser Art, auch wenn er darauf hinweist, dass die Medaillen etwas anlaufen und man sie beständig putzen müsse. Zeit dafür wird er allerdings wenig haben, denn die Schlangen, die sich in seinen Signierstunden bilden, sind äußerst lang. Jedoch versicherte er im Gespräch mit n-tv.de: "Da ist noch Saft in der Limette."

Ausschnitt aus "Packeis" von Simon Schwartz, dem besten deutschsprachigen Comic.
Ausschnitt aus "Packeis" von Simon Schwartz, dem besten deutschsprachigen Comic.(Foto: Simon Schwartz - Avant-Verlag)

Flix war also der erste, der auf dem großen Sofa auf der Bühne Platz nehmen durfte und die folgenden zwei Stunden im gleißenden Scheinwerferlicht verbrachte. Zu ihm gesellte sich auch Simon Schwartz. Dessen in diesem Jahr erschienener Band "Packeis" (avant-Verlag) erzählt die Geschichte von Matthew Hanson. Er gehörte zur Expedition, die als erste den Nordpol erreichte. Doch der große Ruhm blieb ihm vorenthalten, denn er war schwarz. Die Jury lobte den Band als Mischung von "Abenteuer, Geschichtslektion und Visionen". Denn bei den Inuit wurde Hanson zum Mythos.

Der Preis für die beste deutschsprachige Comic-Künstlerin ging an Isabel Kreitz, die sichtlich überwältigt war. Sie wurde zuletzt vor allem durch ihre großartigen Bände "Die Sache mit Sorge" und "Haarmann" (beide bei Carlsen) bekannt. Hella von Sinnen war jedenfalls erstaunt, was ein Bleistift in den richtigen Händen erschaffen kann.

Preis für "Gaza" von Joe Sacco

"DasTapfere Prinzlein" von Èmile Bravo ist der beste Kindercomic.
"DasTapfere Prinzlein" von Èmile Bravo ist der beste Kindercomic.(Foto: Èmile Bravo - Carlsen Verlag)

Auch David Basler von der Schweizer Edition Moderne nahm auf dem Sofa Platz. Er nahm den Preis für den besten internationalen Comic stellvertretend für Joe Sacco entgegen, der nicht nach Erlangen kam. Der Malteser wurde für seinen beeindruckenden Band "Gaza" ausgezeichnet. Er erzählt darin streng dokumentarisch von zwei Massakern der israelischen Armee an palästinensischen Flüchtlingen im Gazastreifen im Jahr 1956. Auch der Preisträger für den besten Kindercomic, Émile Bravo, war nicht persönlich anwesend. Den Preis für "Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergenbären", ein satirisches Märchen, nahm stellvertretend der Carlsen-Verlag entgegen.

Den Spezialpreis für ein herausragendes Lebenswerk erhielt Lorenzo Mattotti. Er sei ein "Comic-Revolutionär", sagte Laudator Andreas Platthaus über den Italiener, der als einer der Großmeister des europäischen Comics gilt. Den Spezialpreis der Jury erhielt Rossie Schreiber vom Verlag Schreiber und Leser, die für "ihre Pionierarbeit" als Comic-Verleger geehrt wurde. Den Preis für die beste studentische Comic-Publikation erhielten Studenten aus Luzern für ihr "Ampel Magazin". Der zum zweiten Mal vergebene Publikumspreis ging an Daniela Winkler für "Grablicht" (Droemer Knaur) - eine Entscheidung, die Hella von Sinnen erschütterte. Denn mit der Kombination von Manga und Zombies konnte sich rein gar nichts anfangen. Allerdings gestand auch Winkler ein, dass ihr Werk "Kitsch für Mädchen" sei.

Von Sinnen hatte trotzdem Spaß an ihrem Auftritt. Wortreich bestimmte sie das Geschehen auf der Bühne und überquatschte auch die Preisträger. Da hatte sie auch kein Problem, jene Comics abzukanzeln, die nicht ihren Geschmack trafen. Den als besten internationalen Comic nominierten Band "Fünftausend Kilometer in der Sekunde" des Italieners Manuele Fior etwa fand sie zu "zu hetero". "Das ist nicht meins." Ebenso wenig verstand sie, was die Leute so an halbtoten Zombies interessiert. "Ich bin in den Wechseljahren", sagte von Sinnen, "das ist halbtot genug".

Allerdings machte es Spaß, wie von Sinnen enthusiastisch von ihrer Lektüre der nominierten Comics erzählte. Angesichts ihrer Begeisterung wünscht man sich, dass mehr Menschen die immer noch grassierenden Vorurteile ablegen würden, Comics seien Kinderkram oder bestenfalls leichte Trivialliteratur. Immerhin feiern auch deutsche Comics zunehmend Erfolge, werden im Ausland wahrgenommen und übersetzt. Die Szene genießt dies sichtlich. Der diesjährige Max-und-Moritz-Preis von Erlangen untermauert diese Entwicklung zusätzlich. Man erinnert sich an die Zeit, die Rossi Schreiber treffend umschrieb: "Es war nicht immer leicht, aber es war immer was los."

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Quelle: n-tv.de

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