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Tom Petty, unvergessen.
Tom Petty, unvergessen.(Foto: imago/ZUMA Press)
Dienstag, 03. Oktober 2017

Zum Tode von Tom Petty: Ins große, weite Offene

Von Volker Petersen

Dass Tom Petty mit 66 Jahren stirbt, wiegt schwer. Die Rockmusik verliert eine ihrer profiliertesten Stimmen, einen ihrer besten Songwriter und Texter. Und vor allem einen, der die Seele Amerikas verstand wie kaum ein Zweiter.

Die Sache mit dem Rock 'n' Roll begann für Tom Petty, als er elf Jahre alt war. Seine Tante nahm ihn mit an ein Filmset, wo der Streifen "Ein Sommer in Florida" gedreht wurde. Und da sah der kleine blonde Tom den Hauptdarsteller, den er fortan verehren sollte: Elvis Presley. Da Toms Onkel am Set arbeitete, wurde der größte aller Rock 'n' Roller dem Jungen gar kurz vorgestellt – es war um Tom geschehen. Der tauschte alsbald seine Steinschleuder gegen einen Karton mit Elvis-Singles und verbrachte seine Zeit am Plattenteller, am Radio und an der Gitarre. "Ich liebte diese Elvis-Platten", sagte er später dem US-Radiosender NPR. "Sie waren ein magischer Ort für mich."

Blumen für Tom Petty an seinem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.
Blumen für Tom Petty an seinem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.(Foto: imago/ZUMA Press)

In den folgenden Jahrzehnten spielte Petty groß auf und wurde selbst zur Legende. Er schrieb Songs, die sich so amerikanisch anfühlen wie Blue Jeans, Pickup-Trucks und Ray-Ban-Sonnenbrillen. "Free Fallin'", "American Girl" oder "I won't back down" erklingen direkt aus dem Herzen des Rock – gerade weil immer auch Zweifel und Verzweiflung am amerikanischen Traum mitschwingen. In der vergangenen Nacht endete das Rock-'n'-Roll-Leben Tom Pettys. Der Musiker erlag im Alter von 66 Jahren einem Herzinfarkt. Der amerikanische Titel des Elvis-Films von damals passt gar nicht schlecht zu seinem Leben. Er lautete: "Follow that dream".

Dieser Traum war für den Jungen aus Gainesville in Florida auch immer der Traum, herauszukommen. Sein Vater mochte ihn nicht, ihm war es suspekt, dass sein Sohn sanftmütig schien und sich für Kunst interessierte. Er schlug und misshandelte ihn. "Meine Familie war White Trash", sagte Tom Petty 2006 dem US-Radiosender NPR. Also arm, nicht besonders gebildet. "Das ist mein Background, aber ich wollte immer anders sein." Wie das funktionieren könnte, sah er im Fernsehen. Dort erlebte er den Moment, der ihm den entscheidenden Anstoß gab, es selbst als Musiker zu versuchen. Es war, wie für so viele junge Musiker seiner Generation, der Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show.

Kluge Texte, unwiderstehliche Riffs

"Vorher dachte ich einfach nicht, dass man selbst ein Rock-'n'-Roll-Sänger werden könnte", sagte er. "Aber als ich die Beatles sah, ging mir ein Licht auf. Man trommelt einfach seine Freunde zusammen und gründet eine Band." Kurze Zeit danach seinen überall Bands in Garagen entstanden. Mit 17 verließ er schließlich die High School, um in einer zu spielen. Mudcrutch hieß die Formation, mit dabei waren auch schon Mitglieder seiner Band, mit der er als Tom Petty and the Heartbreakers die Welt erobern würde. Mit klugen Texten und unwiderstehlichen Riffs.

Auf dem selbstbetitelten Debüt-Album von 1976 ist dann schon dieser Song, "American Girl", der zwar aus der Perspektive ebenjenes Mädchens erzählt wird, aber genauso vom jungen Rocker selbst handelt. Die sei mit Versprechen großgezogen worden, heißt es darin, und sie konnte nicht aufhören daran zu glauben, dass das Leben noch irgendwo etwas mehr zu bieten haben musste. Die Flucht aus der Kleinstadt ist auch im anderen großen Klassiker "Free Fallin'" das Thema. Darin geht es wieder um ein amerikanisches Mädchen, aber eins, das Jesus und Amerika liebt und das der Erzähler zurücklässt, weil er den langweiligen Ort Reseda verlässt. Weil er von mehr träumt?

Nicht nur der Traum von der großen weiten Welt und der Musiker-Karriere wurde für Tom Petty wahr. Auch ein verrückter, eigentlich ausgeschlossener Traum für den Jungen aus Gainesville. Einer der Beatles wurde ein enger Freund – George Harrison gründete mit ihm, Roy Orbison, Bob Dylan und Jeff Lynne Ende der 80er sogar eine Allstar-Band, die Travelling Wilburys, die den unwiderstehlichen Hit "Handle with Care" landeten. "Seltsamerweise haben wir uns von Anfang gut verstanden", sagte Petty über seine Freundschaft zu Harrison. "Ich habe ihn immer über die Beatles ausgefragt und ihn wahrscheinlich damit genervt. Aber er mochte die Beatles ja auch. Er mochte es, über sie zu reden und sich an sie zu erinnern."

Plötzlich heroinsüchtig

In den 90er-Jahren war es mit dem Glamour für Tom Petty vorbei – trotz weitere Hitalben, darunter sein Soloalbum "Wildflower". Er ließ sich von seiner Frau Jane Benyo scheiden, mit der er 22 Jahre lang verheiratet gewesen war. Petty wurde drogensüchtig. "Heroin zu nehmen ging mir gegen den Strich", sagte er seinem Biografen Warren Zane. "Ich wollte kein Sklave sein. Ich versuchte also herauszufinden, wie ich davon loskommen könnte." Mit kaltem Entzug sei es nicht gelungen, sagte er. Allzuviel darüber reden wollte er auch nicht. "Ich habe Angst, dass die Leute dann denken, sie könnten die Drogen nehmen und auch wieder aufhören. Aber das funktioniert nicht. Es gelingt nur sehr wenigen." Ihm offenbar schon – und im neuen Jahrtausend wartete dann auch schon eine Ehrung auf den Sänger. 2002 wurde er in die Rock 'n' Roll Hall of Fame aufgenommen. Das hieß glücklicherweise aber nicht, dass es vorbei war mit Tom Petty.

Dass sie es noch drauf hatten, zeigten er und die Heartbreakers auf ihrem letzten Album. Manche Textzeilen auf "Hypnotic Eye" von 2014 wirken geradezu prophetisch. Der Song "Power drunk" scheint nur zu gut auf den aktuellen US-Präsidenten zu passen. Gott schütze uns vor den Gedanken mancher Männer, heißt es da, Gott schütze uns vor dem Schmerz, den sie hinterlassen. Jetzt siehst du sie am Himmel und sie glauben ihre eigenen Lügen. Im Opener des Albums, "American Dream Plan B" geht es einmal mehr um einen Traum, diesmal den amerikanischen. Daddy sei sauer, dass der Sohn nicht mehr die gleichen Chancen habe wie er, lässt Petty den Erzähler sagen. Aber er habe einen Traum und er werde für ihn kämpfen.

Tom Petty wäre einer gewesen für ein Alterswerk, er war einer, von dem man noch etwas erwarten konnte. Einer, der sich vielleicht noch einmal selbst erfunden hätte, so wie der späte Johnny Cash. Nun ist der Sänger ein letztes Mal ins große, weite Offene aufgebrochen, um sein grandioses Album von 1991 zu zitieren. Dass Tom Petty nicht mehr für uns und über uns singen wird, ist ein großer Verlust. Aber wir haben seine Songs und wenn es darauf ankommt, sei jedem empfohlen "I won't back down" in der Playlist nach oben zu ziehen und den Lautstärkeregler nach rechts zu schieben.

Quelle: n-tv.de

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