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Sowohl Lela, die Geisel der Schleuserbande, als auch Lannert kriegen im Verlauf der Handlung mehr als nur einen Kratzer ab.
Sowohl Lela, die Geisel der Schleuserbande, als auch Lannert kriegen im Verlauf der Handlung mehr als nur einen Kratzer ab.(Foto: SWR/Johannes Krieg)

Schleuser-"Tatort": Kein gelobtes Land

Von Julian Vetten

Der Stuttgarter "Tatort" möchte das Flüchtlingsthema zu einem Thriller verarbeiten und schickt Kommissar Lannert als Einzelkämpfer auf Rachefeldzug gegen ein bosnisches Geschwisterpaar. Der erzählerische Ansatz ist vielversprechend, trotzdem schmiert "Im gelobten Land" ab.

Kommissar Lannert spürt, dass etwas nicht stimmt mit diesem Laster, der seit Stunden mutterseelenallein auf dem Autobahnparkplatz steht. Lannert (Richy Müller) will den Zugriff, aber sein Kollege Bootz (Felix Klare) und das Team von der Drogenfahndung möchten lieber noch abwarten, um an die Hintermänner des vermuteten Drogendeals zu kommen. Vier Stunden lang warten die Polizisten, bis sie Lannerts Bitten nachgeben und den Laster aufbrechen. Doch statt Heroin oder Kokain finden die Beamten die Leichen von 23 Flüchtlingen, eingepfercht hinter doppelten Wänden - und jämmerlich erstickt, während die Kommissare ihr Kompetenzgerangel ausgefochten haben.

"Wenn Du die Toten mit nach Hause nimmst, machst Du den falschen Job", sagt der abgebrühte Drogenfahnder nach dem ersten Schockmoment und macht schulterzuckend weiter. Lannert kann das Erlebte nicht so einfach abschütteln, er gibt sich selbst eine Teilschuld am Tod der Menschen - und setzt alles in Bewegung, um die Schleuser zu erwischen, die hinter dem tödlichen Menschenschmuggel stehen. Weil die Kollegen nicht von dem Hauptverdächtigen überzeugt sind, den Lannert ihnen präsentiert, startet der Kommissar einen Ein-Mann-Feldzug.

"Im gelobten Land" verrennt sich

Die Ausgangslage des Stuttgarter "Tatorts" ist ungemein spannend und beleuchtet ein Thema, das aktueller nicht sein könnte. Lannert folgt dem mutmaßlichen Schleuser Milan Kostic (Sascha Alexander Geršak) in ein Flüchtlingsheim und findet ihn in einem heruntergekommenen Zimmer, zusammen mit seiner Schwester und einer Afrikanerin, die er als Geisel genommen hat. Ein Gutteil der restlichen Episode findet in ebendiesem Zimmer statt, wo Lannert und Kostic mit Knarren rumfuchteln und sich gegenseitig bittere Wahrheiten an den Kopf werfen.

Das ist leider auch der Moment, an dem aus einem ambitionierten ein anstrengender "Tatort" wird. "Im gelobten Land" verrennt sich bei dem Versuch, durch das Standoff zwischen Schleuser und Kommissar einen veritablen Thriller zu erzeugen: Dass die beiden Schleuser als Kinder selbst aus dem bosnischen Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen sind und ihren heutigen Job als Dienst an der Gemeinschaft verstehen, mag man ja noch akzeptieren - dass Kostic im Verlauf der Handlung aber mit seinem verkappten Humanismus auch Lannerts moralischen Kompass ins Wanken bringt, wirkt dann doch arg konstruiert.

Damit die beiden Streithähne genug Zeit zum Schreien haben, ist "Im gelobten Land" auf eine Reihe dramaturgischer Stützen angewiesen, die allzuviel Fahrt aus dem packenden Grundszenario nehmen. Das Spezialeinsatzkommando, dass Bootz seinem Kollegen hinterhergeschickt hat, durchsucht in quälender Langsamkeit ein Zimmer der Flüchtlingsunterkunft nach dem anderen - und übersieht später einen fremden Scharfschützen auf dem Dach, der zu der ohnehin schon überladenen Handlung noch einen weiteren Erzählstrang hinzufügt. Ein ganzer Haufen ähnlicher Ungereimtheiten und Überspitzungen sorgt dafür, dass man diesen Film als Zuschauer nicht ganz ernst nehmen kann - für einen "Tatort" mit so einem brisanten Thema unweigerlich der Todesstoß.

Quelle: n-tv.de

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