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Bukowski, der "Dirty Old Man" der amerikanischen Literatur.
Bukowski, der "Dirty Old Man" der amerikanischen Literatur.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Zum 20. Todestag von Charles Bukowski: Mehr als Alkohol, Sex und Fäkalliteratur

Von Thomas Stechert

Säufer, Prostituierte, Zocker und Verlierer sind das Rückgrat im Universum des Charles Bukowski. Für die einen ein Gossenpoet, für die anderen ein vulgärer Schreiberling. Doch der US-Schriftsteller ist mehr, als eine schwarz-weiße Projektionsfläche. Er ist ein Spiegel der menschlichen Seele.

Auf den ersten Blick könnte man Henry Charles Bukowski jr. (1920 in Andernach, Deutschland als Heinrich Karl Bukowski geboren) vorwerfen, seine Mitmenschen nicht besonders gemocht zu haben. Und wer könnte es ihm verübeln? Die Charaktere seiner Romane, Erzählungen und Geschichten, allen voran sein alter Ego Henry Chinaski, sind geprägt von Desinteresse, Nihilismus und Selbstzerstörung. Es ist der Rand der Gesellschaft, die Kreaturen in den Schatten, die nur noch in zart-blassen Zuckungen menschliche Züge zu haben scheinen, denen Bukowski seine literarische Aufmerksamkeit lieh.

Bukowskis Roman "Factotum" - hier verfilmt von Bent Hamer - zeigt das Leben des Autors Anfang der 40er Jahre.
Bukowskis Roman "Factotum" - hier verfilmt von Bent Hamer - zeigt das Leben des Autors Anfang der 40er Jahre.(Foto: imago stock&people)

Ein differenzierter Blick scheint nötig, um in den von Alkohol, Schmuddel-Sex und hässlichen Worten durchtränkten Texten die Schönheit und die Freude am Leben eines Charles Bukowskis zu finden. Einige Leser halten sein Werk für überbewertet, stümperhaft und literarisches Flachwerk. Und sicher würde der am 9. März 1994 verstorbene Schriftsteller diesen Kritikern, dabei leicht an einem Glas nippend, mit lässiger Geste, nickend zustimmen. Denn wenn einer das Licht im Dunkeln sah - dann Charles Bukowski.

Im Alter von drei Jahren zog Bukowski, durch seinen Vater (der als US-Soldat nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland stationiert war) nach Los Angeles. Seine Jugend im 20er-Jahre L.A. war geprägt durch Entbehrungen. Ein gewalttätiges Elternhaus, ein trinkender Vater und eine vereinsamte Mutter waren Alltag. Durch extreme Akne gezeichnet, die ihm den Zugang zu anderen Mitschülern erschwerte, entwickelte sich der junge Charles zu einem scheuen Einzelgänger. Ein Leben am Rande der Gesellschaft war vorprogrammiert. Der Nährboden eines Schriftstellers, dem das Dunkel und die Einsamkeit der menschlichen Seele vertraut sind, schien gut bestellt.

Ein lebender Körper ohne Haut

Bukowski wird vom harten Kern seiner Anhänger als Schreibgott verehrt. Seine direkte Sprache ist für sie eine Art Religion, die dem aufmerksamen Leser sinnbildlich die Haut von den Knochen kratzt. Gegner seines Werks sehen nur einen vulgären Schreibstil hohlen Voyeurismus und sprechen ihm sogar die literarische Grundlage ab. Für sie ist sein episodenhafter knapper Schreibstil ein Argument für nicht vorhandenes Talent. Charles Bukowski spaltet.

Bukowskis Leben war gezeichnet von Wander- und Irrwegen. Ein Suchender ohne Ziel. Das Schreiben wurde sein Ventil. Die Welt aufs Papier rotzen in ihrer klaren rauen und schmutzigen Form. Oberflächen und inszenierter Anstand haben ihn nie interessiert. Er ließ seine Charaktere agieren, sprechen und denken, wie es die Menschen nun mal machen, wenn sie von allen aufgezwungenen Konventionen befreit sind. Das Tier in uns will flüchten, sich berauschen und sich allen erdenklichen Gelüsten hingeben. Regeln sind notwendig. Aber sie stören auch den freien Geist. Wir packen unsere Triebe in Kisten, geben ihnen medizinische Namen und ignorieren ihre Bedeutung. Bukowski ließ sich treiben. Seine Schriften reißen dem Organismus das Muskelfleisch vom Leib. Das pulsierende Blut, die freigelegten bebenden Organe sind zwar kein schöner Anblick, aber sie sind der Motor unseres Lebens.

"Der größte Verlierer der Welt "

Matt Dillon (r.) übernahm die Hauptrolle in der Verfilmung von "Factotum".
Matt Dillon (r.) übernahm die Hauptrolle in der Verfilmung von "Factotum".(Foto: imago stock&people)

Mit fast 51 Jahren veröffentlicht Bukowski seinen ersten Roman. In "Der Mann mit der Ledertasche" verarbeitet er seine elfjährigen Erfahrungen als Briefsortierer bei der US-Post-Behörde. In autobiographischen Ansätzen lässt er den Leser am Leben seines alter Egos Henry Chinaski teilnehmen. Der alkoholkranke Postangestellte Chinaski dümpelt sinnlos durch sein Dasein. Sex, Saufen und Wetten sind sein Lebenselixier. Scheinbar sinnfrei und gleichgültig wird Bukowskis Anti-Held zum Spiegel der menschlichen Existenz. Nebenbei zerlegt er das bürokratische System der modernen Welt am Beispiel der amerikanischen Post. Auch heute, Jahrzehnte später, steht dieses System symptomatisch für den kalten Apparat, der unsere Gesellschaft kontrolliert. Das System drückt das Individuum an die Seite, via Facebook, NSA und allgegenwärtiger staatlicher Kontrolle wird der Mensch aufgelöst und seiner Einzigartigkeit beraubt. Bukowski zerreißt in seinen Schriften diesen Strom und reduziert den Menschen auf seinen ureigenen Zweck, seine Grundtriebe: Selbstzerstörung, Fortpflanzung, Fragen ohne Antworten. Die Maske der Gesellschaft wird bei ihm enttarnt, die Welt verliert ihre Hülle.

In seiner unkomplizierten Art, die von einigen auch als dilettantisch bezeichnet wird, legt Bukowski die Strukturen der menschlichen Seele offen, ohne dabei verbittert zu wirken. "Der größte Verlierer der Welt " findet reine Worte und entwirft dabei einen treffenden Sarkasmus, der für unverhohlene Heiterkeit sorgt. Dabei lacht man mit seinen Protagonisten, nicht über sie. Denn zwischen all den ordinären Zeilen und verstörenden Wörtern seiner unzähligen Gedichte, Essays, Kurzgeschichten und Romane liegt eine humorvolle und aufrichtige Zuneigung, als Kontrast zur Dunkelheit der menschlichen Existenz. Eine Zuneigung zu der, neben allen Abgründen und Scheußlichkeiten, nur der Mensch fähig ist.

"Als Genie geboren, als Idiot begraben"

Bukowski schürte gern sein Image als trinkender Quergeist. Auch wenn sein Lebenswandel mit dem Alter ruhiger wurde und das Fahrwasser aus Krankenhäusern, Prostituierten und Gefängnissen allmählich versiegte, ließ er keine Gelegenheit aus, seinem Denkmal eine weitere Kerbe zu verpassen.

Gefallen wollte er nie, was man über ihn dachte, war ihm egal. Bukowski wollte provozieren, er wollte herausfordern, er wollte dass man sich gegen ihn stemmt. Sein Gebaren und seine Texte ruhten sich nie auf dem reinen Selbstzweck aus. Sein literarischer Spiegel verzerrte die Fratzen der Menschen nicht, sondern schlug ihnen nur die Schminke aus der Hand. Bukowskis Schrift ist pures Leben. Das Gelesene und der Geist kämpfen. Man haut zu, fällt und geht zu Boden. Man rappelt sich auf und das Spielchen beginnt von Neuem. Mal schlägt man, mal wird man zerschlagen.

Bukowskis Worte: "Fast jeder kommt als Genie auf die Welt und wird als Idiot begraben" stehen als Synonym für sein Leben, sein Schaffen und den Kern der menschlichen Existenz. Die, die ihn schätzen, werden ihn weiter lesen. Die, die ihn ablehnen, werden ihn auch in Zukunft als maßlos überschätzt abtun. Doch die, die ihn noch nicht kennen, sollten Bukowski ruhig einmal lesen, um herauszufinden welcher Gruppe sie sich anschließen wollen.

Heute ist Charles Bukowskis 20. Todestag.

Quelle: n-tv.de

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