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Donnerstag, 23. Dezember 2010

Horst Hamann - vom Fußballer zum Starfotografen: "New York ist meine vertikale Stadt"

Der deutsche Fotograf Horst Hamann entdeckt New York als "vertikale Stadt".
Der deutsche Fotograf Horst Hamann entdeckt New York als "vertikale Stadt".(Foto: Horst Hamann / Edition Panorama)

New York, die Metropole am Hudson River, ist für viele Menschen ein "Sehnsuchtsort“. Auch für Horst Hamann, deutscher Fotograf und Bestseller-Autor. Er verhalf der vertikalen Panoramafotografie zum weltweiten Durchbruch. Wie es dazu kam, schildert er im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Hamann, wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Horst Hamann: Mit elf Jahren hab ich zu Hause eine Kamera gefunden, die ich dann ausprobiert habe: an Schulfreunden und Nachbarn. Mit 15 hatte ich meinen ersten eigenen Vergrößerer und einen eigenen Projektor. Ich hab mein Geld immer für die Fotografie zusammengespart.

War der Beruf des Fotografen dann ein Kindheitstraum von Ihnen?

Nein, eher nicht (lacht). Der Traum als Kind war eher, Nationalspieler zu werden. Aber Fotografieren hat mir damals schon Spaß gemacht. Ich habe ja quasi jahrelang in der Dunkelkammer verbracht und mir das Fotografieren von der Pike auf selbst beigebracht. Fotografie als Beruf hat sich eher über die Jahre hinweg entwickelt.

Sie waren, laut Ronald Reng, auch ein "mehr als passabler" Fußballspieler, stürmten für den FV 09 Weinheim in der dritthöchsten deutschen Spielklasse. Dennoch sind sie dann 1979, mit Anfang 20, nach New York gegangen. Warum?

Es waren zum Teil persönliche Gründe, zum Teil war es aber auch die Sehnsucht nach New York - der Wunsch, in diese Stadt zu gehen. Nach dem Abitur wollte ich reisen und die Welt erkunden. Und New York hat mich schon in jungen Jahren fasziniert. Ich kannte es aus Filmen, Büchern und vor allem von Fotos - beispielsweise von Andreas Feininger. New York war mein Sehnsuchtsort, meine Wunschstadt.

Damit war das Thema Fußball und der Traum des Nationalspielers für Sie erledigt?

Mit der Reise nach New York habe ich mich bewusst für die Fotografie entschieden - und gegen den Fußball und den FV Weinheim. Der Verein, bei dem ich einen Stammplatz hatte und mit Fritz Walter spielte, der später beim VfB Stuttgart Torschützenkönig wurde, hat mir damals auch ein Ultimatum gestellt.

Und dann in New York war Ihnen sofort klar, dass Sie als Fotograf arbeiten werden?

Nein, eigentlich nicht. Von Fotografie zu leben, ist nach wie vor schwierig. Auch wenn es heute, nach den zahlreichen Veröffentlichungen, etwas leichter erscheint. Die Lust und die Leidenschaft waren aber schon immer mit Fotografie verbunden.

Wie und wann sind Sie dann auf die Idee gekommen, Panoramaaufnahmen von New York konsequent in Hochformat zu machen?

Das hat ein bisschen gedauert. In den 80er Jahren habe ich in Köln eine Ausstellung gesehen mit Panoramafotos des Architekten Klaus Kinold. Die haben mich praktisch vom Hocker gehauen. Ich habe ihn dann in München gesucht und mit Fragen gelöchert. Er gab mir dann Tipps zur Kamera. Und ich konnte mir dann eine gebrauchte Linhof Technorama kaufen. In New York lag sie aber erst einmal jahrelang im Schrank. Sie ist ja eigentlich auf die Horizontale ausgelegt, eine Landschaftspanoramakamera.

New Yorks unverwechselbare Skyline
New Yorks unverwechselbare Skyline(Foto: REUTERS)

Aber irgendwann hat es dann Klick gemacht?

Genau! Es war 1991. An der Public Library. Da waren die Straßenschluchten so eng. Da habe ich die Kamera zum ersten Mal gedreht. Mit der Linhof kann man pro 120er Film nur vier Belichtungen machen und die haben es mir dann angetan. Das war quasi das Schlüsselerlebnis. New York ist die vertikale Stadt. Sie braucht vertikale Fotos.

Heute ist "New York Vertical" ein Bestseller mit mehr als 150.000 verkauften Exemplaren. Was macht das Buch so besonders? Wieso ist es so erfolgreich?

Das hat mehrere Gründe, denke ich: New York interessiert natürlich von Natur aus schon viele Leute. Dann kommt die einzigartige Architektur dieser Metropole dazu. Natürlich ist Fotografie auch ein weit verbreitetes Thema. Und dann das konsequent Neue damals, eine Panoramakamera einfach mal zu drehen, ist sicherlich auch ein Punkt. Das hat zu der Zeit noch keiner gemacht. Heute ist das anders. 

Gab es Schwierigkeiten bei der Verwirklichung, schließlich investierten Sie mehrere Jahre in das Projekt?

Die Bilder von mir sind alles durchkomponierte Aufnahmen. Ich habe fast allein ein Jahr gebraucht, um dieses Riesenformat so spannend zu füllen, dass jede Aufnahme auch Sinn macht. Ich musste mit der Kamera gewissermaßen trainieren, denn die Linhof ist eine sehr starre Kamera, mit einer Festoptik. Da waren viele Aufnahmen dabei, die zu viel Himmel hatten oder zu viel Vordergrund. Die waren auf gut Deutsch einfach langweilig. Ich habe dann insgesamt fünf Jahre für das Buch fotografiert und versucht, so viel wie möglich gute Bilder zu sammeln.

Aber der Verkauf gestaltete sich schwierig?

Am Anfang waren die Buchbestellungen minimal. Die größten deutschen Buchhandlungen haben fünf bis acht Stück jeweils nur bestellt. Die ersten Reaktionen waren: das Buch ist zu groß, das passt in kein Bücherregal. Dann ist das Buch aber auch durch die Presse gegangen. Es hat mehrere Preise gewonnen - und letzten Endes stiegen, wie bei einem Schneeballsystem, dann auch die Verkaufszahlen. 

Wie viele Aufnahmen haben Sie denn für "New York Vertical" insgesamt gemacht?

(Lacht) Ach Gott. Ich habe sie nicht gezählt. Das mache ich nie, weil es mich wahrscheinlich sonst deprimieren würde. Ich schätze mal: etliche Tausend. Ich stand deswegen oft vor der Wahl: Film oder Food, denn die Aufnahmen waren nicht billig. Der Film und die Entwicklung kosteten damals etwa 25 bis 28 Dollar. Und man kann nur vier Aufnahmen pro Film machen. Das geht ganz schön ins Taschengeld. Da muss man sich schon auf die Aufnahmen konzentrieren und gut überlegen und kann nicht wie heute mit einer Digitalkamera einfach so rumballern und schauen, ob man es etwas getroffen hat.

Haben Sie ein Lieblingsmotiv in dem Buch?

Bilderserie

Mehrere sogar. Der Arm der Freiheitsstatue, der die Kraft und Macht von Amerika repräsentiert. Alles in allem habe ich für das Bild 16 Jahre gebraucht. Es hat ewig gedauert: Einmal waren zu viele Touristen da oben. Dann hatte ich keine Kamera dabei. Irgendetwas war immer. Auch beim Chrysler Building musste ich Geduld beweisen.

"NYV" erschien 1996. Seitdem sind einige Jahre vergangen. New York hat sich verändert. Denken Sie an ein "NYV 2"?

Eher nicht. Für mich ist dieses Kapitel abgeschlossen. Das Buch wurde so oft verkauft, die Bilder so oft publiziert. Es war so erfolgreich. Das Thema jetzt noch einmal aufzunehmen, wäre nur eine Art „warming up“. Und das will ich nicht.

Woran arbeiten Sie denn gerade?

Ich habe ein "neues“ Projekt, das aber auch schon insgesamt über 20 Jahre läuft. Diesmal in Farbe. Es sind amerikanische Landschaften. Es wird unter dem Titel "Americana“ nächsten Herbst bei Edition Panorama erscheinen.

Mit "Faces of a Company" haben sie die Chemiewerke von BASF in Ludwigshafen im Hochformat porträtiert und die Menschen, die in ihnen arbeiten. Welches Projekt würden Sie gerne noch verwirklichen?

Ich komme eigentlich aus der Porträtfotografie und würde deshalb gern noch einmal Menschen aufnehmen, diesmal in Verbindung mit einer Stadt. Das Ganze auch wieder vertikal. Ähnlich wie bei meinem Werk "Vertical New Yorkers“, für das ich 300 Menschen porträtiert habe - damals allerdings im Studio vor einer weißen Leinwand.

Welche Stadt können Sie sich noch in Hochformat vorstellen?

Dubai liegt da gewissermaßen auf der Hand. Da habe ich sogar eine Anfrage vorliegen. Aber mich interessieren auch scheinbar nicht vertikale Städte, also mit wenigen Hochhäusern, wo dann die vertikale Sichtweise an sich wieder im Vordergrund steht. So ähnlich wie bei "Paris Vertical“. Aus dem Bauch heraus würde ich deshalb sagen: Brasilia. Da wollte ich schon immer einmal hin. Das ist zwar eine Retortenstadt, aber ich denke, die Architektur ist sehr reizvoll. Buenos Aires wäre auch denkbar.

Noch einmal zurück zum Fußball:  Mit "Die Weltmeister" haben sie 2006 die damals noch lebenden 75 deutschen Fußball-Weltmeister vertikal porträtiert. Können Sie sich angesichts der bevorstehenden Frauen-Fußball-WM 2011 in Deutschland ein weiteres Buchprojekt "rund um den Fußball“ vorstellen?

Sicherlich. Wenn die Frauen nächstes Jahr Weltmeister werden, wäre ein Nachshoot denkbar. Das Thema habe ich auf jeden Fall im Hinterkopf. Man könnte eine Zusatzausgabe machen - nur mit den Frauen. Aber erst einmal müssen sie Weltmeister werden. (lacht)

Mit Horst Hamann sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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