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Infantin Cristina (2. v. l.) nahm ganz hinten auf der Anklagebank Platz.
Infantin Cristina (2. v. l.) nahm ganz hinten auf der Anklagebank Platz.(Foto: REUTERS)

Prozess beginnt auf Mallorca: Prinzessin Cristina will nichts gewusst haben

Von Volker Petersen

Eine Prinzessin vor Gericht - das ist etwas Neues in Spanien. Die Infantin Cristina soll über die kriminellen Machenschaften ihres Mannes Bescheid gewusst haben. Acht Jahre Haft werden gefordert.

Eigentlich wäre der Fall in Spanien gar nicht groß der Rede wert. Steuerhinterziehung, Beihilfe zur Steuerhinterziehung - so etwas ist man auf der Iberischen Halbinsel gewohnt. Was den Fall so brisant macht, ist die Frau, die ganz hinten auf der reich besetzten Anklagebank sitzt: Cristina de Borbón, Schwester des amtierenden Königs Felipe. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass jemand aus der Familie des Monarchen vor Gericht steht. 

Als die 50-Jährige und ihr drei Jahre jüngerer Mann, der ebenfalls angeklagte Ex-Handballstar Iñaki Urdangarin, am Morgen in Palma de Mallorca aus einem Auto steigen und durchs Blitzlichtgewitter schreiten, offenbart sich die eigentliche Brisanz des Prozesses: "Morgen ist Spanien eine Republik!" skandieren aufgebrachte Bürger, die teils stundenlang vor dem Gebäude ausgeharrt hatten. Dass Felipe zu seiner Schwester auf Distanz gegangen ist, sie gar nicht mehr als Mitglied der Familie gilt, kümmert sie nicht.

Glücklichere Tage: der damalige Prinz und heutige König Felipe (l.), seine Frau Letizia, rechts Iñaki Urdangarí und Infantin Cristina.
Glücklichere Tage: der damalige Prinz und heutige König Felipe (l.), seine Frau Letizia, rechts Iñaki Urdangarí und Infantin Cristina.(Foto: dpa)

Es sind solche Rufe auf Mallorca, die König Felipe in Madrid fürchten muss. Manche glauben, dass ihre mögliche Verstrickung in den Steuerskandal gar entscheidend zur Abdankung seines Vaters Juan Carlos im Juni 2014 geführt hat. Der hatte sich selbst in die Schusslinie manövriert durch eine Großwildjagd in Botswana und seine kolportierte Liaison mit der deutschen Prinzessin Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Er war es auch, der seine Tochter Cristina zur Herzogin von Mallorca ernannt hatte - sein Sohn Felipe erkannte ihr den Titel dann vor einem halben Jahr wieder ab. Seit er König ist, versucht Felipe durch bescheidenes Auftreten bei seinen Landsleuten zu punkten. Das gelingt ihm auch. Wenn nur dieser Prozess nicht wäre.

Die Infantin, so heißen die Prinzessinnen in Spanien, ist nur eine von 18 Angeklagten. Beim Prozessbeginn in Palma saß sie in der letzten Reihe der Anklagebank, was in etwa der Schwere der Vorwürfe gegen sie entspricht. Neben ihrem Mann gesellen sich einstige hochrangige Mitarbeiter der gemeinnützigen Stiftung Nóos sowie ehemalige Politiker und Regierungsbeamte hinzu.

Anklage auf schwachen Beinen

Cristinas Mann ist im Gegensatz zu ihr selbst einer der Hauptangeklagten. Er soll sechs Millionen Euro der Wohltätigkeitsorganisation über Strohfirmen auf eigene Konten gelenkt haben. Die Staatsanwaltschaft fordert knapp 20 Jahre Gefängnis. Wie die Zeitung "El País" berichtet, soll die Organisation Events für Regionalregierungen, etwa die von Valencia und Mallorca, organisiert und dann Geld für Arbeiten kassiert haben, die nie erfolgten.

Die große Frage dabei ist: Was wusste Cristina davon? Sie selbst beteuert: überhaupt nichts. Sie habe in finanziellen Angelegenheiten ihrem Mann vertraut und sich nicht weiter darum gekümmert. Allerdings war sie selbst Mitglied des Vorstandes von Nóos und Mitinhaberin der Firma Aizoon, die zur Geldwäsche genutzt wurde. Trotzdem: Staatsanwaltschaft und Steuerbehörde glauben an ihre Unschuld. Dass es überhaupt zu einer Klage gekommen ist, geht auf eine Besonderheit des spanischen Rechts zurück. Bürger dürfen unter bestimmten Umständen Anklage erheben, wenn sie meinen, Gesetze seien gebrochen worden. Cristina muss nur vor Gericht, weil die Gewerkschaft Manos Limpias (Saubere Hände) von diesem Recht Gebrauch gemacht und gegen sie geklagt hat.

Folgerichtig beantragte ihre Verteidigung, die Anklage fallen zu lassen. Der Sonderstaatsanwalt für Korruptionsdelikte, Pedro Horrach, schloss sich dieser Forderung an. "Die einzige mögliche juristische Antwort ist es, den Fall zu den Akten zu legen", sagte dieser. Insofern spricht einiges dafür, dass das Gericht die Klage gegen die Infantin fallen lässt.

Fatale Wirkung

Manos Limpias, die acht Jahre Haft fordern, scheint es vor allem um die Wirkung in der Öffentlichkeit zu gehen. "Wir haben Geschichte geschrieben", feierte sich deren Chef Miguel Bernad nach der Anklageerhebung vor einem Jahr. "Wenn wir nicht Klage eingereicht hätten, hätte es keine Anklage gegeben. Jeder ist vor dem Gesetz gleich." Der Verdacht, dass die Infantin vor allem deswegen vor Gericht erscheinen muss, weil sie die Schwester des Königs ist, liegt daher nahe. Bis Februar hat das Gericht nun Zeit, über die Anklage zu entscheiden. Der Prozess dürfte bis zum Sommer dauern.

Die Wirkung in der Öffentlichkeit ist so oder so fatal. Wenn die Anklage fallen gelassen wird, dürften nicht wenige im Volk munkeln: Das passiert doch nur, weil sie die Schwester des Königs ist. Wird die Anklage aufrechterhalten, denken viele Spanier: "Será por algo!" - irgendwas wird also an den Vorwürfen dran sein.

Umso mehr dürfte dies der Fall sein, weil viele Spanier ihren Eliten nicht mehr über den Weg trauen - nach zig Korruptionsskandalen regiert das Misstrauen. Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber dennoch für König Felipe. Umfragen zufolge lasten die Spanier ihm die Vergehen seines Schwagers nicht an. Die Menschen, die am Morgen in Palma de Mallorca das Ende der Monarchie herbeizuskandieren suchten, waren nicht sehr zahlreich - es waren nur gut 20 Leute.

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Quelle: n-tv.de

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