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Bibi Fellner weiß sich zu wehren. Aber gegen einen skupellosen Zuhälter ist auch sie machtlos. Fast.
Bibi Fellner weiß sich zu wehren. Aber gegen einen skupellosen Zuhälter ist auch sie machtlos. Fast.(Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg)

Geistiges Vakuum in Wien: "Tatort" mit Härte und Gefühl

Von Sabine Oelmann

Das Normale ist fad, sagt die Kommissarin. Kein Wunder, sie hat den ganzen Tag mit den unnormalsten Dingen zu tun, mit den grausamsten Morden, und in unserem Lieblingsurlaubsland, tja, da ist die Welt eben auch nicht mehr so ganz in Ordnung. Der Tatort "Angezählt" aus Wien ist psychische Grausamkeit pur.

Die Kommissarin sitzt bei ihrer Therapeutin. Sie versucht, über ihre Kindheit zu sprechen. Es fällt ihr so unendlich schwer, über Gefühle zu reden. Sie kann nicht weinen. Das erklärt vieles, aber so kommen wir dem Tatort-Personal auch gerne näher. Ihre schwierige Kindheit jedoch muss zurückstehen, denn das Telefon klingelt, unerbittlich. Der erste Anruf ist "Anonym", sie weist ihn ab, der zweite kommt von ihrem Kollegen, und den nimmt sie an. Hätte sie gewusst, wer hinter "Anonym" steckt, wäre sie rangegangen - aber nun ist es zu spät. Kurz zusammengefasst: Die Kommissarin kennt das Opfer. Das Opfer wird sterben. Die Kommissarin kann weinen.

Fellner und Eisner ermitteln auf der Bowlingbahn.
Fellner und Eisner ermitteln auf der Bowlingbahn.(Foto: rbb/ORF/Günther Pichlkostner)

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) kennt das Opfer noch aus ihrer Zeit bei "der Sitte", es war Zeugin in einem Prozess gegen ihren Zuhälter: Yulya Bakalova (Milka Kekic) aus Bulgarien, die von ihrem Vater verkauft wurde, als sie 14 war. In den Augen von Fellner macht sie das jedoch nicht zu einer Prostituierten, sondern zu einer Sklavin. Die junge Frau wollte nicht mehr anschaffen, sagte daher gegen ihren brutalen Zuhälter aus und bekam von Fellner das Versprechen, dass für sie gesorgt werde und man auf sie aufpassen würde. Leider wurde der Zuhälter früher aus dem Gefängnis entlassen und dort muss er den Plan geschmiedet haben, wie er seine ungehorsame Peinigerin aus der Welt schaffen kann.

Ohne zu viel zu verraten, sei gesagt, dass es dem Zuhälter (wirklich schlimm realistisch dargestellt von Murathan Muslu) gelingt, einen zwölfjährigen Jungen dazu zu bringen, die junge Frau auf bestialische Weise zu ermorden. Damit hat er eine weiße Weste und der Junge ist nicht strafmündig. Schnell wird Fellner und ihrem Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) allerdings klar, dass keinem Zwölfjährigen eine so widerliche Idee kommen würde. Der Junge spricht nicht, er kommt in ein Übergangsheim, obwohl seine Mutter in der Stadt ist, aber auch die schafft an und kommt nicht damit klar, was ihr vor Jahren angetan wurde. Sie sieht in ihrem Sohn außerdem ein Monster. 

"Raging Bull" in Wien

Die Kommissarin versteht den Jungen, auch ihre Kindheit war schwierig.
Die Kommissarin versteht den Jungen, auch ihre Kindheit war schwierig.(Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg)

Fellner, die in diesem Fall bis an ihre Grenzen gehen muss, hat erstaunlicherweise - oder vielleicht auch nicht erstaunlicherweise - mütterliche Anwandlungen für den Jungen, der kein Leben hat, keine Liebe kennt und kein Zuhause. Sie engagiert sich emotional so stark, dass sie dieses Gefühl fast mit dem Leben bezahlen muss. Auf der anderen Seite kann sie sich nun ihren größten Ängsten stellen, denn wenn man sie erst einmal anpackt, dann kriegt man alles hin - so auch ihr Ratschlag für den Jungen Ivo.

Wie Fellner und Eisner mit den Zuständen in der Prostituierten-Szene in Wien umgehen, ist höchst menschlich, nachvollziehbar und spannend. Schön, wie uneitel Adele Neuhauser spielt, aber genau das macht sie so schön, auch wenn sie dem klassischen Bild einer sogenannten schönen Frau nicht unbedingt entspricht. Dagegen bleibt der Krassnitzer fast ein bissl fad dieses Mal, aber zu sehen, wie er sich um seine Kollegin, die wie ein rasender Bulle durch die österreichische Metropole tobt, kümmert, ist wunderbar. Das ist ein Team, das eingespielt ist, wir hätten gerne die Handynummer der beiden für den Notfall. Die Sprüche sitzen jedenfalls pointiert, wenn der Kommissar sich beispielsweise über das "geistige Vakuum" des Zuhälters auslässt. Aber in "Angezählt" gibt es keine Aneinanderreihung von Kalauern, so könnte es fast auch im echten Leben zugehen.

Fellner und Eisner dürften zu den Lieblings-"Tatort"-Teams gezählt werden, sie bedeuten eine ernsthafte Konkurrenz für Batic und Leitmayr, Odenthal und Kopper, Thiel und Boerne, Ballauf und Schenk. Dazu kommt bei den Kollegen aus dem bergigen Nachbarland noch dieser ungemeine Schmäh, dieses Charmante, diese Sprache, die immer ein bisschen wie Urlaub klingt: Als Eisner eines morgens bei Fellner auftaucht und sie dieselben Klamotten wie am Tag zuvor trägt, fragt er sie: "Hast du so geschlafen, im Gewand?" Solche Sprüche helfen darüber hinweg, dass man als "Tatort"-Seher den Eindruck bekommen könnte, die Welt sei wirklich nur noch schlecht. Aber in einer Welt, in der es möglich ist, ein Kind zum Opfer und zum Täter gleichzeitig zu machen, fällt es auch schwer, an das Gute im Menschen zu glauben.

Das Gute allerdings ist, dass wir die Kommissarin dabei beobachten dürfen, wie sie Dinge zu Ende bringt. Und damit ein Lob für die, die hinter der Kamera dabei waren: Das Drehbuch schrieb Martin Ambrosch, Regie führte Sabine Derflinger.

"Äktschn" gepaart mit Sensibilität - das sieht man ja nicht so häufig im deutschen Fernsehen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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