Unterhaltung
(Foto: imago/LFI)
Donnerstag, 13. Oktober 2016

Literaturnobelpreis für Musik: Warum eigentlich Bob Dylan?

Von Markus Lippold

Die Schreibmaschine als Instrument: Bob Dylan war nie nur ein Musiker. Stets war er auch Dichter, ob als Protestsänger oder Autor assoziativer Texte. Der Literaturnobelpreis ist deshalb keine Überraschung – aber ein Zeichen.

Bob Dylan an der Schreibmaschine. Er tippt, oder besser: haut in die Tasten. Im Hintergrund singt Joan Baez, seine langjährige Lebensgefährtin. Es ist eine Szene aus D.A. Pennebakers Tour-Doku "Dont Look Back". Sie spielt 1965, dem Jahr, in dem Dylan zur Elektrogitarre griff und damit einige seiner Fans vor den Kopf stieß.

Bob Dylan an der Schreibmaschine: Fast sieht es so aus, als haute er in die Tasten eines Klaviers. Tatsächlich ist auch die Schreibmaschine ein Instrument für ihn. Die Texte seiner Lieder sind für ihn nie Mittel zum Zweck, stets sind sie ihm genauso wichtig wie die Musik. Oft sogar wichtiger.

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Nun wird dem 1941 als Robert Allen Zimmerman geborenen Dylan der Literaturnobelpreis zugesprochen – für die Schaffung "neuer poetischer Ausdrucksformen" in der großen Tradition der amerikanischen Musik. Es ist eine Premiere. Erstmals erhält ein Musiker, ein Songwriter den Preis. So überraschend das auf den ersten Blick scheint, und so bitter dies manch einem Kritiker bereits aufstößt – die Entscheidung ist ein richtiges und starkes Signal.

Dylan selbst hat sich nie nur als Musiker verstanden, sondern immer auch als Dichter. Sein Künstlername etwa geht auf den walisischen Schriftsteller Dylan Thomas zurück. Auch später umgab sich Dylan oft mit Autoren. In den 1970er Jahren begleitete ihn Allen Ginsberg auf seiner "Rolling Thunder Revue". Ginsberg und andere Dichter der sogenannten Beat Generation übten einen großen Einfluss auf Dylan aus. Deren Improvisationen waren ein Vorbild für seine Arbeitsweise, assoziativ Gedanken zu notieren und sie später in Songs einzubauen.

Dylan öffnete die Popmusik für Themen und Gedanken

Klar, viele von Dylans frühen Liedern sind noch recht griffig – und wurden entsprechend begeistert von der Friedensbewegung der frühen 60er Jahre aufgenommen: Man denke nur an Zeilen wie "The answer, my friend, is blowin' in the wind" oder "The times they are a-changin'". Doch schon damals schrieb Dylan auch rätselhafte Songs wie "A Hard Rain's A-Gonna Fall", in denen er verschiedene Gedanken und Bilder aneinanderreihte.

Spätestens jedoch als Dylan 1965 zur elektrischen Gitarre griff und innerhalb eines Jahres drei wegweisende Alben herausbrachte, fand er auch endgültig seine dichterische Stimme. So wie er seinen Fans plötzlich elektronische Klänge um die Ohren haute, verwirrte er sie mit assoziativen, komplexen und metapherreichen Zeilen. Heerscharen an Wissenschaftlern und Dylanologen haben sich an Texten wie "Like a Rolling Stone" oder "Desolation Row" abgearbeitet – in dem Einstein und Cinderella, Noah und Ophelia sowie die Dichter T.S. Eliot und Ezra Pound fröhliche Urstände feiern.

Dylan poetisierte die Musik, so wie Elvis sie zur Rebellion angestachelt hatte. Vor Dylan ging es in der Popmusik um Liebe und Triebe, mit ihm öffnete sie sich für Themen und Gedanken, so politisch oder persönlich (und damit unverständlich für andere) sie auch sein mögen. Er beeinflusste nicht nur andere Musiker wie die Beatles, sondern auch unzählige Autoren.

Damit ist die Entscheidung der Schwedischen Akademie für Dylan nicht nur künstlerisch gerechtfertigt. Sie ist auch ein Zeichen der Öffnung: Indem ein Künstler geehrt wird, der mit dem Songwriting eher dem Randbereich der Literatur zuzuordnen ist, wird deren Verständnis modernisiert. Auch Popmusik trägt poetische Züge. Auch die assoziative Slam-Poetry oder Performance-Kunst kann Literatur sein. Die Akademie löst die Literatur vom geschriebenen Wort – denn ist es nicht auch Dylan, der seine Songs auf der Bühne stets neu interpretiert, ihnen neue Ideen und Worte beifügt?

Nicht umsonst betont die Akademie im Zusammenhang mit Dylan die große Tradition amerikanischer Musik. Vor allem in den letzten Jahren hat er stets versucht, diese Folklore vor dem Vergessen zu bewahren. In einer eigenen Radioshow holte Dylan Klassiker des Blues, Folk, R&B, Soul und weiterer Musikrichtungen aus der Versenkung. Auf jüngeren Alben spielte er selbst mit diesen Stilen und widmete ein ganzes Album dem großen Sänger Frank Sinatra. Mit Dylan wird also auch eine Tradition geehrt, die als Popkultur ihren Siegeszug um die ganze Welt angetreten hat.

Und noch etwas dürfte die Akademie im Hinterkopf gehabt haben: In Zeiten, in denen vielerorts radikale Gruppen mit reaktionären Gesellschaftsvorstellungen Zulauf erhalten, ehrt sie einen Künstler, der vor allem in seinen frühen Jahren eine klare politische Meinung vertrat. Dylan sang gegen Rassismus und Krieg an, thematisierte Bürgerrechte und die Gleichheit der Geschlechter. Von Friedensaktivisten wurde Dylan als Prophet gefeiert, seine Lieder begleiteten die Proteste der 60er Jahre. Allen voran "The Times They Are A-Changin'".

Quelle: n-tv.de

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