Unterhaltung
Dienstag, 28. September 2010

"Kompromisslos, radikal, skrupellos“: "66/67": Hooligan-Film mit Tiefgang

Thomas Badtke

Fußball ist eine Herzenssache. Für manche ist er sogar noch mehr: Für sechs Freunde aus Braunschweig ist die Liebe zur Eintracht der Sinn ihres Lebens. Um das runde Leder dreht sich alles. Sie sind Hooligans und sie haben ein Problem - alle.

Filmplakat "66/67"
Filmplakat "66/67"

Gute Fußballfilme kommen aus England. Fußballfilme mit Hooligan-Problematik erst recht. Das ist sicher wie das "Amen" in der Kirche oder das "Wir wollen Euch kämpfen sehen" im Stadion. Wer etwas anderes sagt, der lügt. Als belegende Beispiele sind hier nur "3. Halbzeit" oder "Football Factory" genannt. Mit dem Vorurteil, dass gute Hooliganfilme nur aus dem Geburtsland des Fußballs kommen, versucht nun ein deutscher Streifen aufzuräumen.

Es geht einmal nicht um Westham, Millwall oder eine ihrer "Firmen". Der Film spielt auch nicht in London oder Manchester. "66/67 – Fairplay war gestern" spielt in Braunschweig. Es geht um eine Fangruppe der Eintracht, Deutscher Meister 1966/67. Eine Gruppe aus Freunden, für die Loyalität und Ehre über dem steht, was andere Leben nennen. Ihr unausgesprochener Leitspruch – zu finden an der Klowand ihrer Stammkneipe - lautet: "Das Chaos ist aufgebraucht – es war die schönste Zeit."

Aggression, Gewalt und keine Zukunft

Die Gruppe "66/67": Eintracht Braunschweig ist das Zentrum ihres Lebens und ihrer Freundschaft
Die Gruppe "66/67": Eintracht Braunschweig ist das Zentrum ihres Lebens und ihrer Freundschaft

Die sechs Freunde glorifizieren die Vergangenheit, als alles besser war, die Gemeinschaft noch zusammenhielt, füreinander einstand, prügelte und Spaß in der sogenannten 3. Halbzeit hatte – ohne Wenn und Aber – "die Macht Eintracht". Die Freundschaft in der Gruppe als einzige Konstante. Aus der einstmals ansehnlichen Fangruppe "66/67" ist nur noch das "dreckige halbe Dutzend" übrig. Und auch unter ihnen gibt es Spannungen.

Zuallererst um die Führung zwischen der Doppelspitze Florian (Fabian Hinrichs – "Sophie Scholl") und Otto (Christoph Bach – "Rudi Dutschke"). Dann zwischen Otto und seinem einstmals besten Freund Tamer (Fahri Ögün Yardim – "Wo ist Fred?"). Und dann auch zwischen Florian und Özlem (Melika Foroutan – "The Palermo Shooting"). Özlem, auch noch Tamers Schwester, versucht eine Beziehung mit Flo aufzubauen, scheitert jedoch an seinem Hang zu Gewalt und seiner Liebe zu Eintracht Braunschweig, die über allem steht, auch über ihrer sich entwickelnden Beziehung.

Zukunft wird ausgeblendet

Jede der sechs Hauptfiguren wird im Film beleuchtet. Und jede entdeckt nach und nach, dass ihre individuellen Probleme nicht mehr durch die Gruppe zu lösen sind. Auch weil sich die Probleme vor allem außerhalb des Stadions befinden: Drogen, Gewalt, Homosexualität, zerbrochene Beziehungen, Psychosen, Arbeitslosigkeit.

Florian und Özlem auf der Suche nach Gemeinsamkeiten in ihrer Beziehung: Es gibt zu wenig.
Florian und Özlem auf der Suche nach Gemeinsamkeiten in ihrer Beziehung: Es gibt zu wenig.

An die Zukunft will daher keiner denken, dennoch ist sie immer irgendwie präsent. "Kompromisslos, radikal, skrupellos" soll "66/67 – Fairplay war gestern" sein - so verspricht es der DVD-Klappentext. Ist er in gewisser Weise auch. Aber nicht so, wie man es erwartet. Zwei Prügelszenen gibt es im Film. Sonst stehen eher die zwischenmenschlichen Beziehungen der einzelnen Charaktere im Vordergrund.

Der Film lebt von den hervorragenden schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller. Das Zürich Film Festival zeichnete ihn als "besten deutschsprachigen Film" aus. Ein etwas anderer Streifen über Fußball und Hooligans. Ein deutscher Film zum Thema - mit Tiefgang.

"66/67 – Fairplay war gestern" im Verleih von Ascot Elite erscheint ab dem 28. September auf DVD und blue-ray. Im n-tv shop bestellen.

Quelle: n-tv.de

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