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Der Schöpfer ist sauer auf seine Schöpfung: Sie haben gerade ihren Spaß am Sex entdeckt.
Der Schöpfer ist sauer auf seine Schöpfung: Sie haben gerade ihren Spaß am Sex entdeckt.(Foto: Ville Ranta and WSOY / Reprodukt 2012)

Schöpfung, Erotik und Poesie für den Sommer: "Adam, was treibst du?"

Von Markus Lippold

Gott hadert mit Adam und Eva: Wollen sie ihn nicht verstehen oder können sie nicht? Jedenfalls haben sie es zu bunt getrieben - sie müssen raus aus dem Paradies. Was würde Gott da erst zu jener Clique aus Quebec sagen, in der es Männlein und Weiblein wild durcheinander treiben? Und Chunky Rice treibt es auch - allerdings hinaus in die Welt.

"Paradies"

Adam und Eva treiben es bunt - und die himmlischen Chöre preisen sie.
Adam und Eva treiben es bunt - und die himmlischen Chöre preisen sie.(Foto: Ville Ranta and WSOY / Reprodukt 2012)

"Lecker, Lecker", ruft es Eva entgegen. Und sie kann einfach nicht widerstehen. Doch es ist nicht der Apfel, den sie da in den Mund nimmt. Adam jedenfalls wird davon wach. Aber ihm gefällt's und so probiert man es gleich nochmal. "Wahrscheinlich hat Gott uns das gegeben, denn auch ich hätte nie gedacht, so etwas zu wollen", sinniert Adam. Und das Unglück nimmt seinen Lauf ...

Der Papst ist weit weg, hat sich der Finne Ville Ranta wahrscheinlich gedacht und mit "Paradies" (Reprodukt) die Schöpfungsgeschichte auf ganz eigene Weise als Comic interpretiert. Da verstrickt sich selbst Gott in Widersprüche: Einerseits verbietet er den Menschen, vom Baum der Erkenntnis zu essen, andererseits wirft er ihnen vor, dumm zu sein. Eva findet wiederum blöd, wenn man so gar nicht weiß, wann man eigenständig denken soll und wann nicht. Und Adam ist zerrissen zwischen Ehrfurcht vor Gott und den Vorzügen, die Eva zu bieten hat. Und dass die Cherubim überall ihren Senf dazugeben, ist auch nicht gerade hilfreich.

Ville Ranta: "Paradies", erschienen bei Reprodukt, 72 farbige Seiten in Klappbroschur, 16 Euro (D).
Ville Ranta: "Paradies", erschienen bei Reprodukt, 72 farbige Seiten in Klappbroschur, 16 Euro (D).

Auf den ersten Blick ist das vor allem witzig, was Ranta von Adam und Eva erzählt. Auf den zweiten ist es auch noch hintersinnig, denn der Comiczeichner lässt seine Figuren an den richtigen Stellen die richtigen Fragen an den Schöpfer stellen. Ranta belässt es nicht bei einer Persiflage auf die christliche Mythologie, sondern er zeigt mit vielfältigen Anspielungen, dass er sich tatsächlich damit befasst hat.

Egal, ob man daran glaubt oder nicht - die Schöpfungsgeschichte wird so zu einer Reflexion über die ganz menschliche Angst vor der Freiheit, über selbstständiges Denken, Eigenverantwortung und die Grauzone zwischen Gut und Böse. Vom Verhältnis zwischen Mann und Frau ganz zu schweigen. Dass Ranta, der hier seine erste Publikation in Deutschland vorlegt, das Ganze mit witzigen, skizzenhaften, farbenfroh getuschten Zeichnungen garniert, macht den kurzweiligen Lesespaß komplett.

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"Ein philosophisch pornografischer Sommer"

Erst geht's heiß her, ...
Erst geht's heiß her, ...(Foto: Guy Delcourt Productions 2011 / Verlag Schreiber & Leser 2012)

Louis ist mit Corrine zusammen. Was die nicht daran hindert, auch mit Suzy ins Bett zu steigen und dabei von ihrer Ex Muriel zu träumen, die mittlerweile allerdings mit Leonce zusammen ist. Andererseits ist Corrine das Objekt der Begierde ihrer Ex-Freundin Annie, die sich aber ganz gut mit einer Bäckersfrau tröstet. Martin wiederum ist in Annie verliebt, aber er hat nun mal das falsche Geschlecht und damit keine Chance. Immerhin kann er sich bei Simone ausheulen, die auch Annie gut kennt.

Alles klar? Kurz gesagt: Es handelt sich um eine mehr oder weniger gut miteinander bekannte Clique in Quebec, die vor allem mit der Liebe hadert. Als besonders reizvoll erweist sich dann allerdings, dass Comiczeichner Louis, der in einer Schaffenskrise steckt, ein abgelegenes Hotel an der kanadischen Nordküste kauft und mit seiner Freundin Corrine dort den Sommer verbringt. Dass er auch gleich Corrines Ex Muriel und deren Freund einlädt, gibt der Sache eine gewisse Würze.

... dann redet man nochmal drüber.
... dann redet man nochmal drüber.(Foto: Guy Delcourt Productions 2011 / Verlag Schreiber & Leser 2012)

Für den Leser dagegen ist das eine gute Ausgangslage für eine frivole, erotische und witzige Sommergeschichte, die der Frankokanadier Jimmy Beaulieu da aufgezeichnet hat. Mit Betonung auf Franko - denn solch verspielte, leichte Beziehungskisten kennt man ja eigentlich nur aus dem französischen Kino. Der Buchtitel "Ein philosophisch pornografischer Sommer" (Schreiber&Leser) verrät jedenfalls schon viel von der Handlung: Erst wird ins Bett gehüpft, dann wird darüber geredet.

Allerdings sollte man sich nicht allzu viele Gedanken über die Geschichte machen, denn stellenweise kommt die Handlung dann doch zu platt und konstruiert daher. Und sie ist mehr erotisch als pornografisch, wobei Beaulieu der Darstellung lesbischer Liebesspiele gern den Vorzug gibt. Allzu große philosophische Höhenflüge machen die Protagonisten dann aber auch nicht, sieht man von Debatten um Beziehungsprobleme ab.

Jimmy Beaulieu: "Ein philosophisch pornografischer Sommer", erschienen bei Schreiber&Leser, 286 farbige Seiten in Klappbroschur, 22,80 Euro (D).
Jimmy Beaulieu: "Ein philosophisch pornografischer Sommer", erschienen bei Schreiber&Leser, 286 farbige Seiten in Klappbroschur, 22,80 Euro (D).

Dafür verwebt Beaulieu geschickt die verschiedenen Handlungsorte und Pärchen und baut immer wieder Rückblenden auf frühere - nicht minder frivole - Liebesabenteuer ein. Auch zeichnerisch ist das Buch recht abwechslungsreich, vor allem aber leichtfüßig: mal sehr einfach gehalten, mal detailliert, dabei immer mit klarer Linie und mal mehr, mal weniger intensiv koloriert. "Ein philosophisch pornografischer Sommer" ist eine gelungene Sommerlektüre, die Spaß macht und glänzend unterhält. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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"Mach's gut, Chunky Rice"

Kumpel Salomon nimmt Abschied von Chunky Rice.
Kumpel Salomon nimmt Abschied von Chunky Rice.(Foto: Craig Thompson / Reprodukt 2012)

Wesentlich philosophischer, vor allem aber sehr poetisch, geht da schon Craig Thompson in seinem Debütcomic "Mach's gut, Chunky Rice" ans Werk, das nun endlich bei Reprodukt auch auf Deutsch erscheint. Im Mittelpunkt steht Chunky Rice, der nicht mehr glücklich ist, dort, wo er lebt. Die Stadt nimmt der Schildkröte die Luft zum Atmen.

"Du bist wie eine Blume, die zu groß geworden ist und umgetopft werden muss, damit sie weiter wachsen kann", stellt seine Freundin Dandel, ein Hirschferkel (!), fest und rät ihm: "Du musst deinen Platz finden." Also nimmt Chunky Rice schweren Herzens Abschied von seiner Liebe und heuert bei dem etwas grobschlächtigen Kapitän Chuck an. Es geht zu den Kahootney-Inseln, von denen Chunky Rice nicht viel mehr weiß, als dass sie weit weg sind.

Draußen warten das Meer und Skipper Chuck.
Draußen warten das Meer und Skipper Chuck.(Foto: Craig Thompson / Reprodukt 2012)

Ängstlich und schüchtern sind die ersten Schritte von Chunky Rice in das neue Leben, in die weite Welt. Lieb Gewonnenes muss er zurücklassen, um sich auf das Neue einlassen zu können. Und das ist mitunter verstörend, wie er bald lernt. Ex-Freundin Dandel vermisst ihn derweil schmerzlich und Kumpel Salomon kümmert sich um den verletzten Vogel Merle, der ihn jedoch verlässt, sobald er wieder gesund ist. Doch dann zieht ein Sturm auf, ein wütendes Meer spült vieles weg und macht Platz für Neues. "Die Flut", weiß Kapitän Chuck, "die kommt und geht, wie ein gewaltiger Atemzug. Damals wusste ich, das is' 'ne Freundschaft für's Leben."

Freundschaft und Einsamkeit, Abschied und Neuanfang sind die großen Themen, die Thompson verarbeitet. Mit viel Symbolik erzählt er die Geschichte von Chunky Rice, dem "unruhigen Geist". Geschickt verbindet er dabei verschiedene Handlungsorte und Zeitebenen. Nicht umsonst erhielt er für den Band 2000 den Harvey-Award als "Best New Talent". Auch zeichnerisch deutet sich Thompsons Klasse bereits an. Vor allem aber verweist seine großartige Seitengestaltung bereits auf spätere Großtaten.

Craig Thompson: "Mach's gut, Chunky Rice", erschienen bei Reprodukt, 128 s/w Seiten in Klappbroschur, 16 Euro (D).
Craig Thompson: "Mach's gut, Chunky Rice", erschienen bei Reprodukt, 128 s/w Seiten in Klappbroschur, 16 Euro (D).

"Mach's gut, Chunky Rice" erreicht noch nicht die Klasse von Liebe, Lust – und Sünde , mit dem Thompson vier Jahre später seinen internationalen Durchbruch feiern sollte. Auch dort erzählt er die Geschichte eines Aufbruchs, einer inneren Loslösung. Wo er in "Blankets" jedoch realistischer und subtiler vorgeht, setzt Thompson in seinem Debüt auf Metaphern und auf Poesie. Dabei erschafft er einige Szenen, die im Gedächtnis bleiben - nicht zuletzt das "dööt dööt" von Vogel Merle.

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Quelle: n-tv.de

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