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Im Band "Die Berliner Mauer" der Edition Panorama sind Dutzende Beispiele der Kunstwerke, Parolen und Kritzeleien dokumentiert, die sich einst an der Westberliner Seite der Mauer fanden.
Im Band "Die Berliner Mauer" der Edition Panorama sind Dutzende Beispiele der Kunstwerke, Parolen und Kritzeleien dokumentiert, die sich einst an der Westberliner Seite der Mauer fanden.(Foto: Edition Panorama)

Kunst am "Antifaschistischen Schutzwall": Berliner Mauer als Leinwand

Von Andrea Beu

Die Berliner Mauer war nicht nur das sichtbarste Symbol der Teilung Deutschlands, sondern auch so etwas wie eine riesige Leinwand: von Westberliner Seite aus wurde sie von Kritzlern und Künstlern als Maluntergrund benutzt. Vor genau 23 Jahren fiel die Mauer - aber ihre interessantesten Teile wurden fotografisch festgehalten.

Männer an der Mauer: 1984-86, Luckauer Straße/Waldemarstraße.
Männer an der Mauer: 1984-86, Luckauer Straße/Waldemarstraße.(Foto: Lindauer/Edition Panorama)

Fast drei Jahrzehnte stand die Mauer, und nachdem sie gefallen war im November 1989, sollte sie so schnell wie möglich verschwinden. So wurde der "Antifaschistische Schutzwall", wie er in der DDR offiziell genannt wurde, nach und nach abgebaut, in seine einzelnen Segmente zerlegt oder von "Mauerspechten" in kleine, souvenirtaugliche Stücke gehämmert. Sie war ja, von einem gewissen Denkmal- und Erinnerungswert mal abgesehen, auch kein schönes, bewahrenswertes Bauwerk – an der dem Westteil Berlins zugewandten Seite allerdings hatten sich im Laufe der Jahre unzählige Kritzler, Kleckser und auch Künstler verewigt. Wie an einer einzigen großen, kilometerlangen, grauweißen Leinwand waren unzählige Parolen und Bilder aufgemalt, von albernen Kritzeleien über politische Statements bis zu großen Kunstwerken.

Die Mauer gehört zwar einschließlich eines schmalen Streifens auch auf der Westberliner Seite zum Staatsgebiet der DDR und es gab neben den normalen Grenzübergängen auch sogenannte "Schlupftore", durch die die DDR-Grenzer immer mal wieder einen Blick auf die andere Seite werfen konnten - aber eben nur immer mal wieder. Die Westmächte störte das Bemalen kaum, sie sahen tatenlos zu und schritten nicht ein - warum auch. So entstand ein Freiraum, der wild genutzt wurde - auch, um seiner Wut, seinem Frust auf die Mauer Ausdruck zu verleihen. Neben den vielen Namenlosen finden sich auch bekannte Künstler wie der US-Amerikaner Keith Haring und der Franzose Thierry Noir unter den Mauermalern.

Historische Graffiti dokumentiert

Zootiere und Aliens im Ghetto: 1984-86, Bethaniendamm nahe Adalbertstraße: Bilder von Christophe Bouchet und Thierry Noir.
Zootiere und Aliens im Ghetto: 1984-86, Bethaniendamm nahe Adalbertstraße: Bilder von Christophe Bouchet und Thierry Noir.(Foto: Lindauer/Edition Panorama)

Durch den Abbau der Mauerteile ab 1990 sind diese historischen Graffiti zum allergrößten Teil verloren gegangen - die Mauer wurde zerlegt, zu Baumaterial geschreddert, von Andenkensammmlern in kleine Brocken gehämmert - oder durch Verkauf und Verschenkung in alle Welt zerstreut und so aus dem Zusammenhang gerissen.

Der Fotograf Armin Lindauer, der Anfang der 1980er Jahre nach Westberlin gezogen war, war sofort fasziniert von der bemalten Mauer, "von der Fülle der Stile, der Experimentierfreude, den persönlichen und politischen Anliegen, Mitteilungen und Parolen" - er begann auf "Exkursionen entlang der Mauer" die Graffiti zu dokumentieren. Ein großer Teil dieser Aufnahmen findet sich im Bildband "Die Berliner Mauer - Der Anfang vom Ende", erschienen bei Edition Panorama. Neben den Panoramafotos in Farbe bietet er einen umfangreichen Begleittext auf Deutsch und Englisch von Dr. Andreas Schenk und vom Fotografen selbst, mit Informationen zur Geschichte der Mauer und zu den Künstlern und Gebäuden, die zu sehen sind. Zudem zeigt eine Karte ausschnitthaft den Verlauf der Berliner Mauer, die einzelnen Sektoren sowie die Orte, an denen die Fotos entstanden. Eine anschauliche Grafik erläutert zudem den genauen Aufbau der Grenzanlagen.

Momentaufnahmen aus den 80er Jahren

Viele Bilder oder Graffiti wurden übermalt, zum Teil mehrmals - die Mauerkunst war ja quasi illegal und daher auch nicht geschützt. Jeder, der wollte und sich traute, konnte munter drauflospinseln. Die Aufnahmen von Lindauer stellen darum natürlich nur eine Momentaufnahme dar - die meisten von ihnen wurden gemacht in den Jahren 1984-86 und nur wenige nach Mauerfall, in den Jahren 1991, 1999 und 2007. Sie ermöglichen daher eine Zeitreise - und das ohne Nostalgie oder Wehmut.

Die Hässlichkeit und Monströsität der Mauer wird deutlich, zudem der Witz und Galgenhumor der Westberliner ("Gruß aus Mauer von Olaf und Ede" oder auch "Steter Tropfen höhlt den Stein - Bitte hier pinkeln"), die ungebrochene Hoffnung auf ihr Ende "No Wall can stand forever, 28.06.84") und natürlich die Kreativität der Mauerkünstler. Die letzten Fotos im Bildband zeigen Mauerstücke, die von Souvenirjägern, den "Mauerspechten", ihrer bunten Hülle beraubt wurden - dadurch tritt ihr Gerippe, die Armierungseisen, zutage. Ein Sinnbild für das Ende des "Antifaschistischen Schutzwalls".

Kein Coffee Table Book

Wer ein schönes Coffee Table Book zum Blättern sucht, ist mit diesem Band sicher nicht gut bedient, denn schön im eigentlichen Sinn sind die wenigsten Bilder. Aber für alle Geschichtsinteressierten, alteingesessenen Berliner, die sich erinnern wollen, und Mauerkunst-Sammler ist "Die Berliner Mauer" ein wertvolles und spannendes Zeitdokument.

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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