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Bettina Wulff im Dezember 2011 vor dem Schloss Bellevue.
Bettina Wulff im Dezember 2011 vor dem Schloss Bellevue.(Foto: picture alliance / dpa)

Viel gelitten, wenig verstanden: Bettina Wulffs Aufarbeitungsversuch

Von Solveig Bach

"Sie war 598 Tage die bisher jüngste First Lady der Bundesrepublik Deutschland." So wirbt der Riva-Verlag für das Buch von Bettina Wulff. Von durchwachten Nächten, Zweifel, Wut und Hilflosigkeit ist die Rede und von bösen Gerüchten. Die Dinge sollen ins rechte und gerechte Licht gerückt werden, doch dazu fehlt es an echter Selbstkritik.

Vielleicht hätte Bettina Wulff noch etwas warten sollen, bis sie ihre Sicht der Dinge in einem Buch darlegt. Gut sechs Monate sind lediglich vergangen, seit ihr Mann vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten ist. Vielleicht nicht genug Zeit, um das Geschehene richtig einzuordnen. Nur zur Erinnerung: Anlass für den Rücktritt war der Antrag der Staatsanwaltschaft, die Immunität von Christian Wulff aufzuheben, um wegen der im Raum stehenden Vorwürfe ermitteln zu können. Doch die Tatsache, dass es dem Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland trotz mehrerer Anläufe nicht gelungen war, den Vorwurf der Vorteilsannahme auszuräumen, spielt in Bettina Wulffs Buch "Jenseits des Protokolls" eine untergeordnete Rolle.

In ihrem Buch zieht sie eine zwiespältige Bilanz der Amtszeit ihres Mannes.
In ihrem Buch zieht sie eine zwiespältige Bilanz der Amtszeit ihres Mannes.(Foto: picture alliance / dpa)

Stattdessen betont Frau Wulff immer wieder ihre Eigenständigkeit. Möglicherweise ist sie tatsächlich dem grundlegenden Irrtum erlegen, ihr Leben an der Seite des Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Christian Wulff einfach weiterführen zu können. Dabei wäre sie nicht die erste Politikergattin, die an der undankbaren Aufgabe zu zerbrechen drohte. Legendär sind die Sätze von Hannelore Kohl. Man müsse "vor allem warten können", sagte die Kanzlergattin 1992 in einem ZDF-Interview. Aber nach "vier, fünf Stunden echten Wartens" könne man nur noch "von einem Hund verlangen, dass er sich freut. Ich habe von unserem Hund gelernt."

Als es darum ging, ob Christian Wulff den Ruf von Bundeskanzlerin Angela Merkel in das höchste Amt des Staates annimmt, scheint seiner Frau sehr wohl klar gewesen zu sein, dass sie damit noch ein bisschen mehr nur die Frau an seiner Seite wird. Sie wusste aber auch, "dass es eine einmalige Gelegenheit für ihn war. Doch mich beschäftigte, dass ich dafür meinen Job und somit einen Großteil meiner Unabhängigkeit aufgeben müsste. Ich müsste mich einordnen, ja sogar unterordnen in das Leben meines Mannes."

Das Los der Politikerfrau

Bundeskanzlerin Angela Merkel war und ist Bettina Wulff sehr sympathisch.
Bundeskanzlerin Angela Merkel war und ist Bettina Wulff sehr sympathisch.(Foto: picture alliance / dpa)

Wie sich diese Unterordnung dann tatsächlich anfühlte, mag Bettina Wulff doch überrascht haben. Sie fühlte sich wie eine Statistin, schreibt sie, arbeitete zunächst noch vier Wochen in ihrem Job bei der Drogeriekette "Rossmann" weiter, ihr Mann war bereits in Berlin. Sie musste die Kinder aus der Betreuung abholen, einkaufen, kochen, putzen, ihre Haushaltshilfe wurde schwanger und fiel aus, der Versuch mit einem Au-Pair-Mädchen scheiterte. Die Großeltern sprangen ein, nicht immer klappte alles. Es ist der Alltag zahlreicher berufstätiger Mütter. Trotz bester Organisation sind sie immer auf dem schmalen Grat zwischen Anspruch und Wirklichkeit unterwegs, häufig an den Grenzen der eigenen Kraft.

Das liest sich durchaus nicht unsympathisch, doch will das Gefühl nicht weichen, dass Bettina Wulff ein wenig das Gefühl dafür verloren hat, wie der Alltag vieler Mütter aussieht. Das erklärt sicher auch die zum Teil harschen Reaktionen auf ihr Buch. Viele Leser finden die Ausführungen von Frau Wulff schamlos, ihre Selbstinszenierung befremdlich und unterstellen der früheren First Lady Geltungssucht. Der Verlag zeigt sich überrascht von dem "Shitstorm", der sich vor allem im Internet abspielt.

Diesem Eindruck, den viele auch schon vor Erscheinen des Buches hatten, versucht Bettina Wulff, im Buch durch Schilderungen ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit entgegen zu treten. Und in der Tat wird da eine Bettina Wulff sichtbar, die man mögen kann. Eine junge Frau, der ihr "verschlafenes Nest" Großburgwedel in der Jugend schnell zu eng geworden ist. Eine Frau, die es schafft, zu ihren Ex-Männern eine respekt- und liebevolle Beziehung aufrechtzuerhalten. Eine gute Freundin und nicht ganz so gute Studentin, eine engagierte Mutter. Das würde nur niemanden interessieren, wäre sie nicht die Frau an Christian Wulffs Seite.

Üble Gerüchte und Eheprobleme

Bettina Wulff bei der Rücktrittserklärung ihres Mannes.
Bettina Wulff bei der Rücktrittserklärung ihres Mannes.(Foto: picture alliance / dpa)

Dabei wird Bettina Wulff nicht müde, die Motivation für ihr Buch zu betonen. Sie will den Gerüchten über ihr angeblich bewegtes Vorleben ein Ende bereiten, schreibt sie mehrfach. Doch dabei dürfte sie mit den bereits in aller Stille unternommenen juristischen Schritten erfolgreicher gewesen sein als nun mit ihrem Buch. Noch nie wurden die Verleumdungen über eine angebliche Vergangenheit im Rotlicht-Milieu so ungehemmt ausgesprochen wie jetzt. Der Wunsch der Klarstellung an die Medien erscheint dennoch nachvollziehbar.

Es schleicht sich jedoch das Gefühl ein, dass ihr die Beschreibung der Versäumnisse ihres Ehemanns mindestens genauso wichtig ist. Er habe sie und die Kinder in ein Leben hineingenötigt, so Bettina Wulff, dass sie nicht recht führen mochten und vor allem immer weniger aushielten. Bei aller Freude über eine junge Familie im Schloss Bellevue war in den Abläufen des Amtes des Bundespräsidenten eben wenig Raum für Kinderkrankheiten oder ungestörte Familienzeit. Überraschend kann das nicht gewesen sein. In der Amtszeit von Christian Wulff bekam die Öffentlichkeit immer eine strahlende First Lady und gelegentlich auch die Kinder zu sehen, niemand wäre auf die Idee gekommen, dass Bettina Wulff das Leben auf dem roten Teppich so abgrundtief verabscheute, wie sie uns nun weismachen will.

Jahrelang habe sie ihre Bedürfnisse unterdrücken müssen, erzählte sie gerade in verschiedenen Interviews. Der "Bunten" sagte sie: "Ich habe zu lange nach den Terminplänen meines Mannes gelebt. Jetzt geht es um mich und meine Söhne." Ihr Mann bereue es inzwischen, sich nicht um ihre Gefühle gekümmert zu haben. Das Paar habe sich nach der Zeit im Bundespräsidialamt therapeutische Hilfe geholt.

Auf Abstand zum Ehemann

Frau Wulff ist in der Rückschau aber auch mit dem Krisenmanagement ihres Mannes nicht glücklich. Bei seinem Rücktritt habe sie, gekleidet in eines ihrer Lieblingskostüme von Rena Lange, ganz bewusst ein Stück abseits von ihrem Mann gestanden, "um so zu zeigen: Ich bin eine eigenständige, selbstständige Frau." Die Formulierung seiner Rücktrittsrede habe sie nur noch genervt zur Kenntnis genommen. "Warum konnte er nicht einfach nur sagen: 'Ich trete zurück!', und der Drops war damit gelutscht." Obwohl sie als PR-Frau die Expertin für Krisenkommunikation hätte sein können, hatten andere Berater offenbar weit größeren Einfluss auf ihren Ehemann. Im Buch nennt sie es einen Fehler, dass diese Vorgänge "nicht einmal klar und direkt" kommuniziert worden seien, "schon ganz zu Beginn, als es losging mit dem ersten Vorwurf." Dies wäre aber die Aufgabe ihres Mannes gewesen und der "stand sich in dieser Zeit, Ende Januar 2012, ein Stück weit selbst im Weg."

Bettina Wulff hat sich inzwischen ihr Leben zurückerobert, sie hat ihre eigene PR-Firma gegründet und bei den Paralympics in London gut sichtbar einen Kunden vertreten. Sie ist zurückkehrt nach Großburgwedel, in das Haus, dessen Finanzierung unter anderem der Stein des Anstoßes war. Sie macht eine Therapie gemeinsam mit ihrem Mann und es sei ihnen gegönnt, wenn das ihrer Ehe gut tut. Sie hat das Angebot einer Journalistin für ein Buch aufgegriffen und die Medienkampagne darum geschickt begleitet.

Bettina Wulff hat nur immer noch nicht verstanden, was das Problem der Amtszeit ihres Mannes war. Es war nicht der knappe Sieg über den Mitbewerber Joachim Gauck, über den sie jedes Urteil vermeidet. Es waren auch nicht der versuchte Rufmord an ihrer Person oder die erheblichen Belastungen für ihre Familie. Es war das Gebaren beider Wulffs, persönliche Vorteile und politische Verantwortung nicht strikt genug trennen zu können. Doch eine selbstkritische Rückschau darauf fehlt.

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Quelle: n-tv.de

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