Unterhaltung
Kinder fliehen vor Kämpfen in Goma.
Kinder fliehen vor Kämpfen in Goma.(Foto: Reuters)

Geschichten über Geschichte: Der Kongo als faszinierendes Epos

Von Solveig Bach

Der Kongo ist ein Land blutiger Kampfe und gnadenloser Diktatoren, aber auch reich an Bodenschätzen, Musik und besonderen Menschen. Der Schriftsteller, Dramatiker, Journalist, Archäologe und Historiker David van Reybrouck schafft es, von allem zu erzählen.

Die Geschichte des Kongo ist die zahlreicher und blutiger Auseinandersetzungen.
Die Geschichte des Kongo ist die zahlreicher und blutiger Auseinandersetzungen.(Foto: REUTERS)

"Kongo. Eine Geschichte" ist ein richtiger Wälzer. Fast 800 Seiten widmet David van Reybrouck 140 Jahren der Geschichte des Landes, das zwischendurch Zaire heißt. Doch was nach einer nur mäßig unterhaltsamen Aneinanderreihung von historischen Fakten klingt, entpuppt sich als höchst spannende Erzählung nicht nur der Geschichte, sondern vor allem der Geschichten des Landes.

Van Reybrouck, der Belgier, wollte zum 50 Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes, ein Buch über die "turbulente Geschichte" des Kongo schreiben und dabei nicht nur die postkoloniale Ära, sondern auch die Kolonialzeit und einen Teil der vorkolonialen Entwicklungen berücksichtigen. Vor allem aber wollte er, dass in seinem Buch möglichst viele kongolesische Stimmen zu Wort kommen.

Der Autor entschloss sich zu Zeitzeugeninterviews und traf in einem Land, dessen durchschnittliche Lebenserwartung bei unter 45 Jahren liegt, unter anderem auf Papa Nkasi, geboren 1882. Es dauerte ein wenig, bis Reybrouck das glauben konnte. Doch dieser Zugang zur kongolesischen Geschichte erweist sich als großer Glücksgriff für das Buch. So kommen Missionare, Musiker, Journalisten, Regierungsmitarbeiter, Bauern, Hausfrauen und frühere Kindersoldaten zu Wort, um von ihren Erinnerungen zu erzählen.

Andere Fragen

"Wenn ich mit alten Kongolesen über die Kolonialzeit spreche, frage ich nicht, was sie damals über die Weißen dachten", erklärt Reybrouck seine Neugier. "Ich möchte wissen: Welche Sprache haben Sie damals zuhause gesprochen? Haben Sie mit Messer und Gabel oder mit den Fingern gegessen? Mit wem teilten Sie das Zimmer? Das ist doch interessant. Das ist der Archäologe in mir, es ist 'history from below'. Archäologie ist für mich die Geschichte der Demokratie." Die Erinnerungen seiner Zeitzeugen gleicht Reybrouck immer wieder mit historischen Quellen ab, akribisch hinterfragt er Mythen, ständig schwankend zwischen Beobachtung und Analyse. Häufig greift er auf wissenschaftliche Literatur zurück und illustriert die Wandlungen im Land mit Karten.

Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 29,95 Euro.
Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 29,95 Euro.

Sieben Jahre hat der Autor an seinem Werk gearbeitet, zehn Mal ist er in den Kongo gereist. In einem gewaltigen Panorama durchschreitet er die Geschichte von 1870 bis zum Jahr 2010. Beginnend bei den kolonialen Ambitionen von König Leopold II. und deren gnadenloser Umsetzung, geht es weiter mit der Rolle des Landes in den Weltkriegen und Weltwirtschaftskrisen. Verblüfft verfolgt der Leser, dass viele Kongolesen in damals Deutsch-Ostafrika gegen die Deutschen und auch gegen die Italiener in Äthiopien kämpften.

Es folgt die schwierige Ablösung aus den kolonialen Strukturen, 1960 gab es gerade mal 16 Kongolesen mit Universitätsabschluss, später die kurze Amtszeit von Partrice Lumumba, der Kalte Krieg und das Regime von Joseph-Désiré Mobutu.

Wider alle Klischees

Kongo, das ist ein Land der Sklaverei, das gerade passend zur Industrialisierung gewaltige Mengen Kautschuk liefern kann. Es ist aber auch das Land des "Rumble in the Jungle", ein Land mit einem lebendigen Musikleben und zahlreichen Brauereien. Dass von all dem nur der Blick auf den katastrophalen "Großen Afrikanischen Krieg" der Gegenwart bleibt, ist van Reybrouck klar.

Dennoch widmet er sich dem Riesenland und seinen Bewohnern voller Zuneigung, er beschreibt, dass es die Europäer waren, die im Zuge ihrer "Bildungsbemühungen" die Stämme des Landes regelrecht konstruierten und damit die Grundlage für den heutigen blutigen Tribalismus legten. Van Reybrouck begleitet auch die verschiedenen Protagonisten kongolesischer Geschichte auf ihren oft sehr speziellen Wegen. Und auch seine eigene Reise endet überraschenderweise weder in Belgien noch in Afrika, sondern in Asien. Er begleitet Kongolesen nach China, die von dort aus den Handel mit der Heimat organisieren.

Van Reybrouck gelingt eine geniale Mischung zwischen einem historischen Sachbuch, einer Reisereportage und Literatur. Das ist mitreißend und packend, dabei gut zu lesen, niemals langweilig oder belehrend und eine echte Bereicherung für unser Afrikabild jenseits grausamer Kriege und längst überholter Klischees.

"Kongo. Eine Geschichte" bei amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen